RTL-Kuppelshow "Paradise Hotel" Es ist unaushaltbar

In Sachen Trash-TV sind wir ja einiges gewöhnt. Aber "Paradise Hotel" unterkellert das bisher Dagewesene: Das Datingformat hält männliches Alphagebaren und sexuelle Belästigung für unterhaltsam.

Die Kandidaten der RTL-Show "Paradise Hotel"
Frank Fastner/ TVNOW

Die Kandidaten der RTL-Show "Paradise Hotel"

Von


Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Davon hat man schon gehört, aber irgendwie anders. "Ich bin immer auf der Jagd, darum ist mein Spitzname auch Wolf", sagt Germain, "mal sehen, wen ich erlegen kann". Oder heißt es doch "ein Löwe"? "Wir Männer haben Löweninstinkte", sagt Elyas, "wir wollen jagen". Vielleicht dann aber doch nur "ein Bumseotter": "Linda würde ich so bumsen. Die macht alles mit", sagt Aaron, und Linda sagt. "An meinem Körper liebe ich meine Titten und meinen Arsch, damit mache ich die Männer verrückt. Mein Traummann sollte rasiert sein, auch untenrum."

Ja, es ist schon wieder DIESE Art von Sendung.

"Paradise Hotel" wirkt wie ein vergorener, hastig umgelabelter Abklatsch von "Love Island", die ursprüngliche US-Version lief allerdings schon zwei Jahre vor der Erstausstrahlung der ersten britischen "Celebrity Love Island"-Urvariante: Singles, die permanent Willigkeitserklärungen abgeben, werden in eine Unterkunft an fernen Gestaden verfrachtet und müssen sich immer wieder neu verpaaren, idealerweise auch im körperlichen Sinn, um nicht rauszufliegen, ständig wird neues Menschenmaterial nachgeschossen. "Paradise Hotel" ist dabei tatsächlich noch ordinärer, noch greller, noch verzweifelter geraten, ein Keller unter dem Keller, man staunt, was statisch alles möglich ist. 20.000 Euro kann man am Ende gewinnen. "Welche Liebe ist echt?", fragt die Offstimme, und man möchte schon nach einer Minute lösen, weil man die Antwort kennt, aber eigentlich kennen die ja alle.

"Ein supercrazy Typ und übertrieben humorvoll"

Die erste Folge lief am Dienstag auf RTL nach dem "Sommerhaus der Stars", quasi als Gnadenstoß für alle, die danach noch nicht komplett fertig mit der Welt und den Menschen waren. Die restlichen Folgen sind allerdings auf die Streamingseite TV Now ausgelagert, wo wöchentlich eine neue Episode freigeschaltet wird.

Die männlichen Kandidaten scheinen, das wird schon nach ihren Vorstellungseinspielern klar, allesamt stramme Absolventen von Kollegahs Büffeluniversität zu sein. Aaron, ein Joshua-Kadison-Cosplayer, greift als erstes in den Pool und fragt die anwesenden Frauen flirtend: "Ist das... Chlor?", womit die Konversationstiefe hinreichend ausgelotet wäre. Salvatore kennt, wer Pech hat, schon als Dumpfdater von "Temptation Island", offenbar hat ihn seine gebeutelte Freundin inzwischen endgültig verlassen, das ist die gute Nachricht, an der man sich den Rest der Sendung immer wieder gedanklich aufzurichten versucht. Die "Hotel Paradise"-Frauen scheinen ihn dort leider nicht gesehen zu haben, sie finden ihn "süß", ein paar mögen auch Mario, der über sich sagt, er sei "ein supercrazy Typ und übertrieben humorvoll".

Das sind die Kandidaten (v.l.): Aaron, Kevin, Salvatore, Mario und Germain
TVNOW

Das sind die Kandidaten (v.l.): Aaron, Kevin, Salvatore, Mario und Germain

Das schlimmste formelle Detail von "Paradise Hotel" sind die immer wieder ins Hotelgeschehen geschnittenen Einzelbefragungen der Kandidaten, bei denen sie links vor schlimmbuntem Cocktailkarten-Verlaufshintergrund als Talking Head zu sehen sind, während rechts sinnlos pantomimische Filmchen von ihnen oder anderen Hotelbewohnern laufen, die das inhaltlich ohnehin recht grobmaschig Gesagte noch einmal trottelgestisch untermalen. Sagt links jemand: "Ich weiß nicht, was auf mich zukommt", sieht man ihn rechts schulterzuckend und mit Ratlosgesicht - als hätte jemand in Samy Molchos Ausschusstonne gewühlt.

Sie sagt "Nein." Er sagt: "Wieso?"

Aber es geht hier ja wahrlich nicht ums Reden, schnell werden die gemeinsamen Nachtlager zugeteilt. Aaron und Jacqueline steigen ins gemeinsame Bett, er macht dabei Geräusche und Fratzen, als gleite er in sehr heißes Badewasser und will dann mit der rhetorischen Finesse eines Gurkenhobelverramschers baldigen Vollzug herbeiverhandeln: "Ich muss zubeißen." Blitzschnell wird klar: Sie flirtete zuvor mit ihm, aber sie will gerade keinen Sex, sie sagt das klarestmöglich, es gibt keinen Interpretationsspielraum. Was dann folgt, sind die unangenehmsten Momente, die man seit Langem im Trash-TV sah (und ja, da sind die Wendler-Laura-Fummelplots aus dem "Sommerhaus der Stars" schon eingerechnet): sexuelle Belästigung, aber als Fernsehunterhaltung.

Sie sagt "Nein", er sagt: "Wieso?" Sie sagt noch mal "Nein", dann noch mal, und noch mal, und er sagt: "Ich schwör, ich geb gleich auf, aber dann hast du keine Chance mehr." Dieses ständige Bedrängen, Betatschen und -quatschen nennt Aaron: "Ich habe versucht, sie zu knacken." Als das nicht klappt, wertet er Jacqueline am nächsten Tag vor den anderen ab: Sie habe ihn "enttäuscht": "Jacqueline hatte das Image: fuckable. Aber sie ist nicht fuckable."

Nicht im Geringsten lustig

Auch bei Kevin und Linda ist nichts passiert, weil er krank ist und sich permanent übergeben musste. Sie lag derweil im Bett und lauschte seinem gurgeligen Würgen im Bad, das echot beim Zuschauen wohlige Erinnerungen an die schöne Uwe-Boll-Klamotte "Das erste Semester" mit Christian Kahrmann und Tana Schanzara, in der ein Date ganz ähnlich verläuft, und Linda haut einen Lifehack raus, den man sich merken sollte: "Kotzen ist so No-go."

Das sind die Kandidatinnen (v.l.): Nessa, Jacqueline, Miriam, Vanessa, Stephanie und Linda
TVNOW

Das sind die Kandidatinnen (v.l.): Nessa, Jacqueline, Miriam, Vanessa, Stephanie und Linda

Leider ist "Paradise Hotel" nicht im Geringsten lustig, sondern unaushaltbar. Weil man auf einen relativierend-ironisierenden Kommentar aus dem Off verzichtet, das Mindestmaß an Leitplanke, bleiben hier Sätze einfach so stehen, als hätten sie eine Berechtigung. Sätze wie "Ein Mann sollte das Alphatier sein, eine Frau sollte auf jeden Fall gehorchen" und "Man sollte sich schon unterordnen in einer Beziehung, als Frau". Das sagen die Männer im Haus, und ein Teil der Frauen stimmt ihnen direkt zu. Aber Jacqueline findet Sex gegen Geld ja auch nur okay, wenn das ein Mann macht: "Als Frau find ich das schon wieder assi."

Man muss sich dieses dystopische Daten also wirklich nicht weiter anschauen, nachdem man schon in der ersten Folge alle Tattoos der Teilnehmer ausgelesen hat. Auf Marios Bizeps steht "Wer will der kann", auf Elyas Bauch: "Ich küsse den Boden auf dem du läufst Mami". Vielleicht gibt es ja wirklich einen Markt für ein Tätowierstudio, das ausschließlich fehlende Kommas und andere Interpunktions-Lässlichkeiten in bestehenden Tattoos korrigiert, Arbeitstitel "Stichpunkt". Hiermit sind alle Rechte darauf angemeldet.



insgesamt 147 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fatherted98 07.08.2019
1. trash TV...
....ist eine neue Kulturform....die den Zustand unserer "Bildungs-Gesellschaft" wiedergibt.....insofern wichtig für die Sozialforschung....und ein Fingerzeig für diejenigen, die denken das in Deutschland Bildung und Niveau bei der breiten Masse angekommen sei. Wenn ich am Mittagstisch sitze höre ich von den Damen unter 35 nur zwei Themen....Abnehmen/Essen und Trash TV Sendungen wie diese.....willkommen in Deutschland 2019.
AirSeal 07.08.2019
2. So ist es wenn man ohne GEZ-Gebühren auskommen muss
Was bleibt den privaten den übrig als mit solchem Müll und dämlichen Sachen den TV Zuschauer vor die Glotze zu locken um dadurch Einschaltquoten zu erreichen die wiederum Werbeverträge sichern . Schlimmer finde ich aber das dieses auch noch soviel Zuschauer findet das sich anscheinend rechnet ! Man muss sich schon fragen wie primitiv unsere Gesellschaft schon ist und noch wird, das sie zu Millionen das Dschungelcamp und solchen Müll wie das Paradieshotel und was es noch in dieser Kategorie gibt in sich reinzieht und damit unterhalten lässt ? Seit diese privat Sender zu den reinen Werbesender wurden die ihre Werbung nur durch Filmszenen unterbrechen , Schule ich die gar nicht mehr an und investiere trotz GEZ lieber zusätzliche Geld in Pay TV (Sport) oder Anbieter die Filme/ Serien zur Unterhaltung haben die völlig werbefrei sind . Fernsehen ist für mich mittlerweile reines Heimkino und Live Fussball geworden , mehr schau ich gar nicht mehr !
studiosi 07.08.2019
3. Schöner als das Tv-gucken selbst
Großartig und filigran beobachtet, danke für die ziselierte Darstellung. Amüsiere mich köstlich-wie fast immer bei Rezensionen der Autorin. :-)
karlo1952 07.08.2019
4. Ja kann denn das Niveau
von RTL noch tiefer sinken. Man muss sich über solche Teilnehmer ja fremdschämen.
Geopolitik 07.08.2019
5. Leben und leben lassen
So sind wir halt in Deutschland. Nur SPON macht noch auf Elite. Alles andere ist schon darunter. Geht schon mit mangelnder Erziehung und schlechter Schulenqualität los. Aber wenn es die Mehrheit doch glücklich macht müssen wir Mittelschicht-Gaffer uns doch nicht echauffieren. Die Teilnehmer gehen ja mit offenen Augen ins 'Elend'. Jedem das Seine in unserem freien Land. Danke Grundgesetz!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.