US-Thriller-Serie "Person of Interest" Vor frischer Tat ertappt

"Lost" trifft "Minority Report" trifft Terror-Paranoia: In "Person of Interest" deckt ein Computer Verbrechen auf, die noch gar nicht geschehen sind. Die Serie ist von J.J. Abrams hochkarätig co-produziert und bestens besetzt. Aber warum hat bei der Krimireihe keiner an gute Kriminalfälle gedacht?

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Stell dir vor, es gibt eine Maschine der Regierung, die alles und jeden beobachtet. Die jedes Gespräch, jedes Telefonat mithört. Die - man weiß nicht, wie - selbst in dunklen Hinterzimmern dabei ist, wenn Untaten geplant werden. Unsinn? Orwellsche Paranoia? Feuchter Traum von Law-and-Order-Fanatikern?

All das. Und die Prämisse der Serie "Person of Interest", mit der US-Produzent J.J. Abrams in der vergangenen TV-Saison beim amerikanischen Publikum punkten konnte. Abrams, Schöpfer erfolgreicher Serien wie "Alias" oder "Lost" und Regisseur von nerdigen Kino-Blockbustern wie "Star Trek" und "Super 8", tat sich für "Person of Interest" mit Jonathan Nolan zusammen. Für seinen Bruder, den britischen Regisseur Christopher Nolan, schrieb er unter anderem die Drehbücher zum rückwärts erzählten Thriller "Memento" und zu den "Dark Knight"-Filmen.

Ein hochkarätiges Duo also, das sich der US-Sender CBS für ein Krimi-Format einkaufte, das ein bisschen unkonventioneller sein sollte als die "CSI"- oder "Criminal Minds"-Serien, mit denen das Netzwerk sonst die Primetime belagert: Ein bisschen Terrorangst, ein bisschen Science-Fiction-Sozialkritik und viel handfeste Action - fertig ist der Serienhit? Den Einschaltquoten nach geht diese Rechnung auf: Durchschnittlich 13 Millionen Zuschauer sahen sich die 23 Folgen der ersten Staffel an, eine zweite Staffel wurde bereits in Auftrag gegeben. Ab Donnerstag ist "Person of Interest" nun bei RTL auch im deutschen Free-TV zu sehen.

Tatsächlich ist der Ausgangspunkt von "Person of Interest" interessant, sogar spannend: Als amüsante Hommage an die Zahlenmysterien in "Lost" spuckt besagte Big-Brother-Maschine jeden Tag dutzende Nummern aus. Es sind Sozialversicherungsnummern von New Yorker Bürgern, die innerhalb kürzester Zeit in ein Verbrechen verwickelt sein werden. Ob als Täter oder Opfer, weiß der Computer aber nicht.

Erdacht hat den Überwachungsapparat, der als Kellerraum voll rot blinkender Server abgebildet wird und sozusagen die technokratische Version der menschlichen Medien aus dem Zukunfts-Thriller "Minority Report" ist, der enigmatische Multimillionär Harold Finch. Nach dem Schock vom 11. September 2001 suchte die US-Regierung nach einem Mittel, um Terror im Keim zu ersticken. Seine Maschine deckt nun jedoch nicht nur Komplotte auf, sondern auch normale Verbrechen: Morde, Banküberfälle, Betrügereien. Irrelevant für die Terrorbekämpfer, sehr relevant jedoch für Finch, der sich, getrieben vom schlechten Gewissen, zur Tatverhinderung berufen fühlt. Michael Emerson spielt das Genie, den der böse Geist seiner eigenen Kreation heimsucht, als nervöse, nicht ganz so vielschichtige Variante von Ben Linus, seinem "Lost"-Charakter.

Was stört? Die Kriminalfälle!

Ihm zur Seite steht der gebrochene Ex-Elitesoldat John Reese, den Finch mit einem Job-Angebot vor dem selbstgewählten Alkoholtod rettet. Zusammen sind die beiden eine - rein männliche und leider weniger charmante - Variante des "Mit Schirm, Charme und Melone"-Duos John Steed und Emma Peel. Nur verhindern Finch und Reese eben Verbrechen, bevor sie überhaupt stattfinden. Während Finch die Informationen besorgt und auswertet, geht Reece mit Späh- und Spür-Gerätschaften auf Solo-Erkundungstour - und mischt sich tatkräftig ein.

Jim Caviezel, nach seinem Auftritt als blutüberströmter Jesus in Mel Gibsons "Passion Christi" aufs Karriere-Nebengleis geraten, spielt Reese so feinnervig und sanft sarkastisch, wie man ihn aus früheren Filmen wie "The Thin Red Line" oder "Angel Eyes" kennt. In der Pilotfolge wirken die Hauptdarsteller noch entsetzlich steif im Umgang miteinander; erst in der zweiten und dritten Episode, wenn sich Details aus den geheimnisvollen Biografien der beiden Männer offenbaren, entwickelt sich eine sympathische Dynamik aus gegenseitiger Belauerung und Frotzelei.

Was stört also? Die Kriminalfälle. Den Enthüllungen über die Entstehung der Maschine und den Schicksalen der beiden gegensätzlichen Männer fiebert man entgegen, die Einzelfälle, mit viel Action und Faustkampf, wirken jedoch bieder und arg konstruiert, die titelgebenden "persons of interest" sind stereotyp statt interessant. Zumindest in den ersten Folgen stimmt hier die Balance nicht.

Die prophetische Maschine spielt mit hübsch verwischten Videobildern aus Millionen CCTV-Kameras und interaktiven Grafiken abgehörter Dialoge ihre eigene Hauptrolle. Die eigentlich interessanten Reflektionen über das Sicherheitsbedürfnis nach 9/11 sowie die Frage, wie und ob sich der Staat um traumatisierte Kriegshelden wie Reece bemüht, kommen dabei aber zu kurz - zugunsten solider Krimi-Konfektionsware aus dem CSI-Baukasten. Vom Massen-Sender CBS muss man nicht mehr erwarten, von so einem talentierten Team schon. Was bei einem mutigeren Kabelsender wie HBO oder AMC aus "Person of Interest" geworden wäre? Wird uns leider keine Maschine beantworten.


Person of Interest: Ab Donnerstag, 13. September auf RTL, 21.15 Uhr



insgesamt 9 Beiträge
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r. schmidt 13.09.2012
1. Die Serie hat meine Erwartungen mehr als übertroffen
Haben Sie die gleiche Serie gesehen wie Ich ? Die Fälle waren das Gegenteil von bieder. Sehr abwechslungsreich, nicht vorhersehbar und interessante Unterhaltung. Was die Serie mit CSI und dessen dünnen gekünstelten Konzept zu tun hat entzieht sich mir komplett.
chalchiuhtlicue 13.09.2012
2. optional
Ich hatte das Vergnügen, Person of Interest bereits im englischsprachigen Original zu sehen. Jim Caviezel und Michael Emerson bieten wirklich gute schauspielerische Leistungen, aber auch die Nebenrollen sind mit Taraji Henson (Det. Carter) und Kevin Chapman (Det. Fusco) sehr gut und passend besetzt. Ich kann nur jedem, der gut Englisch versteht, raten, sich die Folgen im Originalton zu besorgen, da die deutsche Synchronisation seit Jahren nur noch miserable Leistungen bringt.
dent42 13.09.2012
3. optional
Es ist eine sehr Unterhaltsame Serie, die wirklich gut besetzt ist. Die Kritik an der deutschen Synchro im allgemeinen kann ich nicht nachvollziehen. Sicher ist das original immer am besten, aber wenn man diese Version nicht kennt und des englischen sowieso nicht mächtig ist, dann fährt man mitd er deutschen Übersetzung ziemlich gut, auch wenn es natürlich viele grausame Ausnahmen gibt..
sm0ky 14.09.2012
4. Suchen den Spruch!
Hallo ich habe heute zum 1. Mal diese sendung gesehen. Und in dieser Sendung sprach irgenwann ein man, dass es irgendwie darum geht , von wegen menschen verlohren und so. Ich weiss es leider nicht mehr genau um was es ging, und ich suche jetzt diesen spruch schon die ganze zeeit & find es leider nicht. Kann mir jemand helfen? Tut mir leid dass ich nicht mehr infos habe =|
claireannelage 14.09.2012
5.
Eine wirklich sehr unterhaltsame Serie, auch die Optik ist recht ungewöhlich, mit Michael Emerson hat man einen wirklich herrausragenden Schauspieler ausgewählt, im Gegensatz zu vorherigen Rollen in denen er eher zweifelhafte Zeitgenossen spielte, und das sehr überzeigend, macht er auch in der Rolle des Protagonisten eine gute Figur. Ich kann die Kritik zur Synchronisation teilen, die Charaktere wirken zeimlich hölzern und emotionslos, wodurch die Serie leider wirklich leidet. Jim Catwiezels fast flüsternde, eindringliche Stimme macht einen grossen Teil der Rolle aus, und auch der warme aber unsichere Wissenschafler Emerson wirkt mit deutscher Stimme nicht eben vertrauenserweckend. So wird aus einer hervorragenden Serie im Original eine annehmbare, sie lohnt sich auch auf deutsch, der Unterschied ist hier aber doch recht gravierend. Es ist wirklich bedauerlich dass bei der Synchronisation so wenig Wert drauf gelegt wird die Emotionen in den Stimmen beizubehalten.
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