PID-Debatte bei "Hart aber fair" Tiefschläge im Namen des Lebens

Selten wurde bei "Hart aber fair" so hitzig debattiert: Theologe gegen Theologe, Politikerin gegen Mutter, und mittendrin Schlagerbarde Guildo Horn. Es ging um die umstrittene Präimplantationsdiagnostik, um Fehlgeburten und das Recht auf Leben. Talkshow und Moral - passt das überhaupt zusammen?
Plasberg-Gäste Sonja Werner, Guildo Horn: Moralisches Dilemma

Plasberg-Gäste Sonja Werner, Guildo Horn: Moralisches Dilemma

Foto: WDR

"Wie", fragt Frank Plasberg den Schlagerbarden Guildo Horn, "würden Sie abstimmen, wenn Sie im Deutschen Bundestag säßen?"

Horn könnte man an diesem Abend für den am wenigsten qualifizierten Teilnehmer der "Hart aber fair"-Runde halten. Er ringt sichtlich um eine Antwort, setzt an, stockt, verzettelt sich. Rettet sich schließlich in einen Guildo-typischen Witz: "Ich trete von meinen Ämtern zurück", sagt er. Soll heißen: Ich scheue die Entscheidung, ich will diese Verantwortung nicht tragen.

Er darf sich sicher sein, dass ihn das Publikum in dieser Sache verstand, vielen dürfte es am Ende der Sendung ähnlich gegangen sein. Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, ist ein Thema, das polarisiert wie nur wenige andere. Manche befürworten sie vehement, andere lehnen sie ebenso vehement ab - und alle anderen stellt sie vor ein moralisches Dilemma.

Es ist ein emotionsgeladenes Thema, über das zu oft mit zu viel Schaum vor dem Mund debattiert wird. Das Interessante ist, dass die Entscheidung, die Plasberg da so knapp und klar von Horn verlangte, nicht wirklich von Sachargumenten und Informationen abhängt. Es ist eine ethische Bewertungsfrage.

Um die rangen Sonja Werner, Mutter eines per PID ermöglichten Kindes, die Ex-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), der Theologe und Politiker Peter Hintze (CDU), Bischof und Ethikratsmitglied Wolfgang Huber, Guildo Horn sowie der Mediziner Matthias Bloechle. Gleich in seiner Einführung erklärt Moderator Plasberg, dass sich an der PID quer durch Parteien und selbst Familien die Geister scheiden. Diese Einschätzung bestätigt sich in der Talkrunde: Niemand diskutierte hitziger miteinander als der Theologe mit dem Theologen und die Frau mit der Frau.

Ist PID Lebens- oder Leidensverhinderung?

Um diese Fragen geht es im Kern: Soll man per PID verhindern dürfen, dass es überhaupt erst zu Behinderungen, zu schwerwiegenden Krankheiten, zu Fehlgeburten, zu Leid für Eltern oder Kinder kommt? Oder muss man das verbieten, weil es die Gefahr beinhaltet, dass das Verfahren irgendwann einmal auch zu profaneren Zwecken missbraucht werden könnte - zur Schaffung besonders "gestalteter" Kinder etwa?

Klingt erst mal klar, eine Lösung scheint einfach: Warum nicht die Verhinderung von Leid ermöglichen und zugleich den Missbrauch durch entsprechend formulierte Gesetze ausschließen?

Weil die Dinge so klar nicht zu fassen sind. Wolfgang Huber sieht im erst wenige Zellen zählenden Zellhaufen einen Embryo und reklamiert Schutz dafür. Plasberg konfrontiert ihn mit dem Szenario, im Falle eines Krankenhausbrandes entweder zehn solche Embryonen in Petrischalen zu retten oder ein Baby - es war dieses Gedankenexperiment, das Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) nach eigener Aussage zur PID-Befürworterin machte . Der Theologe entscheidet sich für das Baby, leitet daraus aber kein Urteil über die Zellen ab: Das Baby ist ein konkretes, verwirklichtes Leben, die Petrischalen hingegen enthalten nur potentielles Leben. Ihre Vernichtung im Feuer - oder im Rahmen der PID - bedeutet für ihn auch die Vernichtung potentieller Biografien.

Da geht Peter Hintze, ebenfalls Theologe, der Hut hoch: Kein Pfarrer, gibt er zu bedenken, beerdige Eizellen. Die Fähigkeit zu heilen sei ein dem Menschen von Gott zugestandenes Privileg. Es gebe zudem einen Unterschied zwischen befruchteten Zellen und konkreten Menschen, und auch zu ausgeformten Embryonen. Frauen die PID zu verbieten und damit unter Umständen zur Erfahrung eines schmerzhaften und gefährlichen Schwangerschaftsabbruchs zu zwingen, sei schrecklich, beruhe auf einer "brutalen Sicht der Dinge".

Für Hintze geriete das Recht aus dem Lot, wenn es einerseits im Vorfeld der Schwangerschaft den Abbruch verböte, andererseits aber die Abtreibung aus gleichem Grunde erlaube, in Extremfällen bis in die letzten Schwangerschaftstage hinein. Genau so sähe die Rechtslage aus, sollte sich der Bundestag gegen die PID entschließen.

Für alle geht es um Prinzipien, für Betroffene ums Leben

Da wird auch der Hintze zur Seite sitzende Mediziner Matthias Bloechle hitzig. Der Mann hat eine Menge riskiert, als er seiner Patientin Sonja Werner nach langer Leidensgeschichte per PID eine Schwangerschaft ermöglichte - und sich anschließend selbst anzeigte, um eine Grundsatzentscheidung zu erwirken. Für ihn wie die glückliche Mutter, die aufgrund eines schweren Gendefekts nach aller Wahrscheinlichkeit sonst wohl kein Kind ausgetragen hätte, ist die Ablehnung der PID durch Huber und Schmidt nicht nachvollziehbar.

"Infam" ist das Wort, das von beiden Seiten benutzt wird. Den PID-Gegnern wird vorgeworfen, mit unfundierter Angstmacherei zu argumentieren. Die wiederum antworten, die Befürworter verharmlosten das Thema. Horn hat Angst davor, dass die PID dazu genutzt werden könnte, bestimmte Menschengruppen wie etwa Kinder mit Down-Syndrom "auszuselektieren". Und muss sich prompt belehren lassen, dass das längst geschieht: Per Frühdiagnostik und Abtreibung, in 95 Prozent aller Fälle - verbunden mit weit schlimmeren Leiden.

Für Ulla Schmidt ist das alles eine Grundsatzfrage: Darf man zwischen lebenswertem und nicht lebenswertem Leben unterscheiden? "Es geht nicht gegen Behinderte", entgegnet Sonja Werner. Sie hat mit ihrer PID kein Leben ausselektiert oder verhindert, sondern nur weitere Fehlgeburten vermieden. Der Theologe Huber hält dieses Resultat für erfreulich, den Weg aber für falsch. Was sie denn stattdessen hätte tun sollen, will die Mutter wissen. Huber hat ihr nichts anzubieten, als das Prinzip Hoffnung. Sonja Werner schüttelt ungläubig den Kopf.

"Moral nicht per Strafrecht erzwingen"

So geht das hin und her, immer hitziger: Krankheit gehöre zum Leben, sagt Ulla Schmidt. Peter Hintze meint, der Staat habe nicht das Recht, die "Moral per Strafrecht zu erzwingen". In einem Staat, der die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen so gängele, wolle er "ungern leben" - starke Worte für einen Staatssekretär. Der Blutdruck der Beteiligten steigt, die Schläge werden zunehmend tiefer angesetzt.

Plasberg nutzt einen Filmeinspieler, um die Wogen zu glätten: Er zeigt eine glückliche Familie, die sich bewusst zum Leben mit einem Down-Kind entschieden hat.

Mit einem Mal ist wieder alles wahr, jedes Argument, aber auch jeder Tiefschlag verständlich. Irgendwie haben ja alle Recht mit ihren Positionen, Bedenken und Wünschen. Man kann die Dinge so sehen wie Huber, wie Hintze, wie Schmidt oder Bloechle. Das Publikum applaudiert allen, auch dem verständlich ratlosen Horn, es gibt keine Gewinner oder Verlierer in diesem Schlagabtausch.

Außer Sonja Werner. Huber fragt sie anfänglich, ob sie einmal über die im Rahmen ihrer PID nicht genutzten Embryonen nachgedacht habe. "Nein", sagt sie einfach und offensichtlich frei von Schuldgefühlen. Sie hat dank PID ja ein gesundes Kind bekommen, das sie sonst nie gehabt hätte. Es ist ein Argument, dem eigentlich nichts entgegenzusetzen ist.

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