Pierre M. Krause über Fernsehunterhaltung "Vielleicht muss Rezo mal ein Video über die ARD machen!"

Er ist das ewige Talent des TV-Entertainments: Beim SWR moderiert Pierre M. Krause eine Late-Night-Show, nun besucht er in "Krause kommt" Prominente. Hier erklärt er, warum gutes Fernsehen in Deutschland so rar ist.

Stephan Godzieba/ SWR

Ein Interview von


Zur Person
  • Patrick Seeger/ DPA
    Pierre M. Krause, 1976 in Karlsruhe geboren, arbeitet seit 2002 für das SWR-Fernsehen, seit 2005 in über 500 Sendungen als Late-Night-Moderator. Überregional bekannt wurde er als Ensemblemitglied der "Harald Schmidt Show". Mit einem Besuch bei Isabel Varell startet am 5. Juli die neue Staffel seiner Prominenten-Homestory-Reihe "Krause kommt!".

SPIEGEL ONLINE: Demnächst startet eine neue Staffel von "Krause kommt". In der Sendung quartieren Sie sich über Nacht bei Prominenten ein. Dabei lassen Sie die Möglichkeit aus, in den Schubladen zu kramen und über die Unordnung darin zu spotten.

Pierre M. Krause: Das wäre extrem unhöflich.

SPIEGEL ONLINE: Höflichkeit ist eine unterschätzte Tugend im Fernsehen.

Krause: Ich weiß, dass es Fernsehen gibt, das so arbeitet, aber das möchte ich nicht. "Krause kommt" ist jedenfalls keine Sendung, die ein paar Bilderstrecken dreht und das dann anschließend mit einem süffisanten Text in eine ironische Betonung bringt. Ich bin von Natur aus harmoniebedürftig, empathisch und freundlich. Wenn daraus Reibung entsteht, ist das alles echt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn, dann sind Sie der Idiot?

Krause: The joke is always on me. So muss es sein, am Ende. So ist es in der "Late Night", so ist es bei "Krause kommt". Es ist einfach, sich über einen Michael Wendler lustig zu machen. Das ist zu billig. Keine Herausforderung. Und es ist einfach nicht nett.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit Jahren so etwas wie die Geheimwaffe des SWR, wo Sie viel alleine machen. Fühlen Sie sich in diesem Sendegebiet wohl?

Krause: Im Sendegebiet schon, ich komme ja aus dem Badischen und lebe in Karlsruhe. Die Sendung betreffend sehe ich noch Luft nach oben. Man will ja besser werden in dem, was man tut. Sonst hat es keinen Sinn. Unter den aktuellen Bedingungen ist das nicht nur leicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum genau?

Krause: Weil wir zum Beispiel immer noch nicht wissen, ob wir nächstes Jahr überhaupt noch ein Studio haben. Ich kann nicht mit einer Büroklammer, einem Streichholz und einem Kaugummi eine S-Klasse bauen. Das ist aber mein Anspruch.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehen zu einem anderen Sender?

Krause: Vielleicht gehe ich auch Motorradfahren. Also, wenn der Scheuer das durchbekommt, dass man keinen Führerschein mehr braucht. Aber im Ernst, so weit soll es nicht kommen. Ich bin völlig überzeugt vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Ich will eben nur besser werden können.

SPIEGEL ONLINE: Das könnten Sie auch bei YouTube, oder?

Krause: Grundsätzlich ist der Weg der Ausspielung für mich nicht erstrangig. Bei YouTube habe ich manchmal den Eindruck, dass Leistung und Erfolg in einem ungünstigen Verhältnis zueinander stehen. Es gibt dort Clips, die mehr Klicks haben als sie es, gemessen an ihrem Niveau, eigentlich verdient hätten. Aber das ist im Fernsehen ja nicht anders. Vielleicht muss Rezo mal ein Video über die ARD machen! Ich halte aber das Gerede vom Ende des Fernsehens für übertrieben. Es geht doch um die Inhalte. Daran will ich gemessen werden, und daran will ich messen.

SPIEGEL ONLINE: Was kennzeichnet denn das beste Fernsehen in diesem Sinne?

Krause: Das Denken von den Inhalten her. Völlig egal, ob das eine Sendung ist, ein Lied oder ein Spiel. Es geht um die Inhalte. Die völlige Befreiung von formellen Vorgaben, das ist das Fundament für Kreativität. Die lässt sich nicht mit Marktforschungsinstrumenten messen.

SPIEGEL ONLINE: Beim "Neo Magazin Royale" scheut man sich auch nicht, die Zuschauer mal zu überfordern. Vielleicht verstehe ich vier von fünf Gags nicht, weil die für eine marginalisierte Zielgruppe ist. Aber für den fünften Gag, der meiner kleinen Zielgruppe gilt, bin ich dann umso dankbarer.

Krause: Absolut. Das ist es. Wie bei den "Simpsons". Wenn das Erwachsene und Kinder sich anschauen, dann haben beide eine andere Sendung gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Und beide fühlen sich bestens unterhalten! Aber warum funktioniert das in Deutschland so selten?

Krause: Viele Entscheider - das sind ja selten Fernsehmacher, das sind meist Manager, die arbeiten mit Excel-Tabellen und Zahlen - trauen ihren Zuschauern zu wenig zu. Und vieles von dem, was gerade bei Streaminganbieter erfolgreich ist, hätte in diesen alten Systemen überhaupt keine Chance gehabt. Das wäre einfach durchs Raster gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Es ist aber doch auch eine Geldfrage, ob bei Netflix eine deutsche Mystery-Serie wie "Dark"…...

Krause: Nein! Es hängt damit zusammen, dass man den Machern vertraut. Und wenn ich Netflix richtig verstehe, dann macht man dort nicht das große Lagerfeuer für alle - sondern hat die Nische etabliert. Im Gedankenkosmos des Fernsehens ist das gar nicht vorgesehen. So kommt es, dass wir bei "Babylon Berlin" oder "Dark" noch immer diesen einschränkenden Zusatz "Also, für 'ne deutsche Serie!" verwenden, uns aber trotzdem auf die nächste Staffel freuen.

Fotostrecke

9  Bilder
TV-Moderator Pierre M. Krause: "Man will ja besser werden"

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch so etwas wie politische Raster? Meinungen, die gehen - und andere, die nicht gehen?

Krause: Das Wort "Systemmedien" kannte ich vorher gar nicht, neuerdings lese ich es ständig. Ich habe eine Sendung aus Brüssel gemacht, bewusst unpolitisch - und damit wieder politisch. Den Shitstorm von rechts, den ich da bekommen habe, möchten Sie sich gar nicht ausmalen.

SPIEGEL ONLINE: Funktionieren Talkshows noch als Foren der politischen Meinungsbildung?

Krause: Ich bin ein großer Fan der abendlichen Runden von vor allem Will und Illner, ich schaue auch Plasberg. An den Frauen gefällt mir, wie lässig sie die sich dort oft produzierenden Männlichkeiten im Griff haben. Ich bin Fan. Aber ich muss zugeben, dass für mich der Showeffekt größer ist als der Erkenntnisgewinn. Meistens ist es ein nach Plattitüden ablaufendes Prinzip, aber das Entlarvende daran kann ich genießen. Es ist gute Unterhaltung.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Markus Lanz, der ein wenig unter dem Radar fliegt?

Krause: Das schaue ich auch gerne. Es ist ein wenig die deutsche Version einer "Late Night"-Show ob ihrer Regelmäßigkeit. Nur halt ohne Lustig. Lanz-Bashing ist mir auch einfach zu billig. Er zeigt seit ein paar Jahren immer wieder Haltung und insistiert auf die Beantwortung seiner Fragen. Mir gefällt das.

SPIEGEL ONLINE: Bei "Wetten, dass ..?" hat er versagt.

Krause: …Leider.

SPIEGEL ONLINE: Als Conferencier seiner Talkrunde aber läuft er zu großer Form auf. Bei Lanz machen Gäste wie Zuschauer sich locker, der Moderator fliegt seine Gäste tief an - und ist sehr höflich. Kurioserweise macht er damit die derzeit beste politische Gesprächsrunde, oder?

Krause: Absolut. In den konfrontativeren Formaten sitzt auch immer ein politischer Gegner, dessen Pflicht es ist, sofort dagegenzuhalten. Bei Lanz sitzt da ein Comedian und Gerhart Baum, was sollen die sich ins Wort fallen? Das ist eine clevere Mischung.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehen jetzt, wie der aktive Teil des deutschen Fernsehens, in den Sommerurlaub. Was werden Sie bei Ihrer Rückkehr einschalten?

Krause: Da läuft dann noch das Sommerprogramm. Vielleicht schaue ich einen schönen Heimatfilm im Ersten mit Christine Neubauer und Jan Josef Liefers? Nein, wahrscheinlich werde ich die zweite Staffel von "Dark" nachholen, weil ich die im Urlaub nicht sehen kann. Die Kumpels, mit denen ich fahre, kennen die erste Staffel nicht, wofür ich sie rügen und rücksichtslos im Poker besiegen werde. Ein besonderer Tipp übrigens ist "Fleabag", Amazon Prime Video. Von und mit der herausragenden Phoebe Waller-Bridge. Eine feministische Serie, die's genau richtig macht: Derb, leicht, tolles Buch, hervorragendes Cast, wunderbare Dialoge, eine Leichtigkeit in der Performance, ohne den Tiefgang zu verlieren. Gucken!


"Krause kommt!", SWR Fernsehen, Freitag, 5.7., 23.30 Uhr



insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
max-mustermann 05.07.2019
1.
"Es ist aber doch auch eine Geldfrage, ob bei Netflix eine deutsche Mystery-Serie wie "Dark"..." Eine Geldfrage ? Die Öffis bekommen jedes Jahr Milliarden an Zwangsgebühren in den Allerwertesten geblasen. Wenn mann natürlich fast alles für die üppigen Gehälter und Pensionen des gigantischen Wasserkopfs, Moderatoren/Kartenvorleser, teure Sportübertragungen usw. rausballert dann bleibt für anständiges Programm halt nicht mehr viel übrig.
mhwse 05.07.2019
2. die ÖRs haben offensichtlich keine Kontrolle
wie der Nutzungsgrad ist - sie haben auch keine Kontrolle, weil sie ihre Kunden zur Zahlung zwingen. Ich stelle mir das wie Geisterfernsehen vor: ein Moderator gibt sich alle Mühe - aber keiner, auch die die im Prinzip nicht gegen ÖR-TV und nicht AgD Wähler sind - guckt hin. Es ist öde langweilig. Die am Abend besprochenen Inhalte wurden längst über Huff-Post, Süddeutsche und SPON per Popup verbreitet .. (das etwas Detail komplizierte kommt dann im Spektrum - Dinge über Gentechnik/Genetic-Engineering - Biotechnik - die ggf. zu wenige Linke verschrecken würden .. Robotik liest sich nett - ist aber kurz vor der Flächeneinführung - und kein Reizthema) und im Anschluss - je nach Wunsch - selbst live diskutiert - und von Fall zu Fall gab es sogar eine mögliche Lösung .. Jetzt soll man das um 22:00 nochmals aufwärmen - und sich müde durch eine Diskussion quälen? Und Filme sehe ich frisch - wenn ich will per Proxy - direkt in den USA - in original Englisch - und nicht der Pointen beraubt in einer zwar guten - aber das Original entfremdenden Übersetzung .. (wenn das Handy dann noch 2 Kilo wiegt, oder noch per Draht Telefon gesprochen wird, weiß man - der Film ist - uralt .. muss man schon einen Vintage Abend machen - geht aber eben nicht immer) Und die letzten noch ein bisschen sozialkritischen Serien sind lange tot - ersetzt durch totalen deutschen Schmalz. Und über diese angebliche "neue" alternativ Partei spricht man am besten gar nicht mehr, sondern pflastert deren Mitglieder mit OWis und Strafanzeigen zu .. (das braucht kein ÖR - das können Behörden und Gerichte ..)
biber01 05.07.2019
3. Dark
Keine Ahnung, was Dark kostet. Aber die zweite Staffel bleibt meiner Meinung nach deutlich hinter der Ersten zurück. Nur Zeitsprünge reichen einfach nicht.
baba01 05.07.2019
4. Gutes Fernsehen
ist deshalb so rar, weil es von Typen wie Krause gemacht wird - und - ein versch... Krimi-Mist nach dem anderen - einfach nicht zu ertragen - unterstes Niveau - gutes Fernsehen fängt ungefähr kurz vor Mitternacht an!!
fiktiv 05.07.2019
5. die Frage
ist was wollen die Leute sehen. Da zeigt sich wieder das sie Privaten mittlerweile keinen Plan mehr haben was noch gedreht werden soll. Vom ÖR brauchen wir gar nicht groß reden. Hier wird jedes Alter mit Inhalt gefüllt, egal wie stupide bzw. was es kosten mag. Rundfunkbeitrag abschaffen! Freiwillige per Dekoder lassen und der Rest darf sich Alternativen aussuchen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.