Plasberg Braver Talk über dreiste Lohndrücker

1200 Euro brutto dank Werksvertrag bei Daimler - so schmal ist das Gehalt eines Leiharbeiters, wie eine sehenswerte ARD-Doku zeigte. Der Plasberg-Talk im Anschluss enttäuschte, als Zuschauer hatte man längst genug gesehen.
ARD-Talker Plasberg: Journalistisch gut aufbereitetes Thema schlichtweg zerredet

ARD-Talker Plasberg: Journalistisch gut aufbereitetes Thema schlichtweg zerredet

Foto: WDR

Daimler galt lange als großer, renommierter deutscher Autohersteller. Sein Stern pflegte zu strahlen - nicht allein dank des globalen Erfolgs mit hochwertigen Karossen. Sondern auch, weil das Unternehmen so vorbildlich in betriebsethischer Hinsicht war. Stets war es ausgemacht, dass es jenen besonders gut geht, die "beim Daimler schaffen".

Doch nun hat Fernsehreporter Jürgen Rose undercover bei einer Leiharbeitsfirma angeheuert. Die schickte ihn zu einem Speditionsunternehmen, und dieses wiederum vermietete ihn per Werkvertrag für "Transportaufgaben, die nicht zum Kerngeschäft gehören", an den Mercedes-Bauer.

Besagte Transportaufgaben waren identisch mit jenen, die auch von der Stammbelegschaft erledigt werden - nur mit dem Unterschied, dass diese dafür das Dreifache des Lohns erhalten, während der Leiharbeiter mit 1200 Euro brutto abgespeist wurde. Das brachte ihm, der sich als vierfacher Familienvater ausgegeben hatte, einen Transferleistungsanspruch beim Jobcenter von immerhin 1550 Euro ein - und damit den diskussionswürdigen Status eines Menschen, der bei einem milliardenschweren Welt- und Vorzeigekonzern arbeitet und dennoch zum Amt muss, weil er vom Vollzeitlohn nicht leben kann.

Arbeitskräfte wie Waren bestellt

"Hungerlöhner am Fließband" lautete der Titel des entsprechenden ARD-Beitrags, einer sehenswerten Sendung, die einen Einblick in den Hinterhof des vielgepriesenen Modells Deutschland gab. Dorthin, wo die mittlerweile regulierte Leiharbeit den Firmen schon wieder zu teuer ist und Arbeitskräfte wie Waren über die Einkaufsabteilungen geordert werden.

Anschließend wurde diskutiert - wie häufiger in letzter Zeit, wenn die Vorlage für Frank Plasbergs "Hart aber fair" durch eine hauseigene Doku oder Reportage geliefert wird. Manchmal funktioniert das. Doch in diesem Fall zeigte sich, dass sich ein zuvor journalistisch gut aufbereitetes Thema auch schlichtweg zerreden lässt.

Anders gesagt: Man hatte als TV-Zuschauer eigentlich genug gesehen, um sich ein eigenes Bild zu machen, ohne dass einem beispielsweise der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider auch noch sorgenvollen Blicks mit kontemplativen Betrachtungen über Lohndruck und übersteigerte Gewinnerwartungen auf die Sprünge geholfen hätte.

Segnungen der "Flexibilisierungsinstrumente"

Als Schneider gegen Ende dann auch noch mit den bekanntlich oft fragwürdigen Gepflogenheiten des Arbeitgebers Kirche konfrontiert wurde, konnte man fast ein wenig Mitleid mit ihm haben. Insbesondere, weil ihm die eher zaghafte Erwähnung des Begriffs Wettbewerb umgehend ein ebenso zustimmendes wie süffisantes Lächeln von Martin Lindner eintrug, dem wirtschaftspolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

Lindner war ansonsten damit beschäftigt, die Segnungen der "Flexibilisierungsinstrumente" zu bejubeln, bei jeder unpassenden Gelegenheit in den Wahlkampf-Modus zu wechseln, dabei vor allem über die Grünen zu lästern - von denen gar keiner da war - und mit treuherzigem Augenaufschlag zu behaupten, selbstverständlich werde energisch gegen jede Art von Missbrauch vorgegangen. Zum Kern des ganzen Skandals, nämlich der Subventionierung jener Betriebe, die Dumpinglöhne zahlen mit Steuermitteln, war von dem Vertreter der angeblich so marktwirtschaftlichen Partei nichts zu hören.

Und schon gar nicht von Rainer Dulger, dem Präsidenten des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Der leistete wahrlich ganze Arbeit in Sachen Weißwaschen und bestritt sogar, dass Daimler irgendetwas falsch mache. Schuld sei das per Werkvertrag tätige Speditionsunternehmen.

Wann fährt endlich jemand aus der Haut?

Hannelore Kraft, die brave sozialdemokratische NRW-Landesmutter, ließ immerhin einige mahnende Worte über den Zusammenhalt der Gesellschaft und die Bedeutung des Sozialen in der Markwirtschaft verlauten. Den Verdacht nähren, die SPD seien gegen ökonomischen Erfolg, wollte sie dennoch nicht nähren. Jedenfalls seien es die Sozialdemokraten gewesen, die - leider erfolglos - versucht hätten, das Unterlaufen der regulierten Leiharbeit durch Werkverträge zu unterbinden. Das wollte sie dann aber doch festgehalten wissen.

Und was sagten eigentlich die Gewerkschaften dazu? Detlef Wetzel, der IG-Metall-Vizechef, versuchte sich zwar manchmal mit markigen Tönen über die Lohndrückerei. Er hatte allein deswegen schon keinen leichten Stand, weil er sich vorhalten lassen musste, die Gewerkschaften trügen schließlich vieles mit und kümmerten sich ohnedies nur um die Stammbelegschaften. Das Bild, das in dem Beitrag über Daimler entstanden war, hatte das recht anschaulich illustriert.

Irgendwann wünschte man sich als Zuschauer geradezu, jemand würde mal aus der Haut fahren und laut "Schweinerei" rufen. Wenigstens tendenziell passierte das auch, als der Volkswirt und Sozialwissenschaftler Stefan Sell zu Wort kam. Der sprach erfrischend unverblümt von illegaler Arbeitnehmerüberlassung bei Daimler und von der systematischen Suche der Unternehmen nach neuen Billiglohnmodellen, sobald eine Gesetzeslücke gestopft sei.

Zugleich würden hierdurch Bedrohungsszenarien aufgebaut, um die regulär Beschäftigten zu disziplinieren. Gewerkschaften und Betriebsräte gerieten in ein moralisches Dilemma, müssten sich aber etwa im Fall Daimler "grobe Pflichtverletzung" vorwerfen lassen.

Hierzu fiel dem Liberalen Lindner von der FDP lediglich ein, der Herr Professor Sell sei ja schon verschiedentlich von der SPD für den Bundestag vorgeschlagen worden, das sage doch wohl einiges. Und damit hatte diese weder besonders harte noch faire Sendung auch ihren peinlichen Tiefpunkt.

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