BR-Sendung "Meinungsfern." Auf ein Bier mit dem Medienprekariat

Oft tadelt Norbert Lammert das deutsche TV, nun sitzt er selbst bei "Meinungsfern.": Ein Ex-Soap-Darsteller hat sich das Konzept der BR-Politsendung ausgedacht - und musste dafür finanziell und zeitlich ordentlich in Vorkasse gehen. Eine Funkmeldung aus den Produktionskellern der Öffentlich-Rechtlichen.

BR/ Simon Janik

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Eine Kneipe irgendwo in München. Plötzlich stoppen zwei schwarze Limousinen, Beamte des Bundeskriminalamtes steigen aus der ersten. Dann öffnen sich auch die Türen des zweiten Wagens, und Bundestagspräsident Norbert Lammert tritt auf die Straße. Zusammen mit seinem Pressesprecher verschwindet er in dem von außen recht schmucklosen Lokal. Was ihn darin erwartet, das weiß der Bundestagspräsident zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Drinnen sitzt David Reinisch am Tresen, um ihn herum sind Kameras aufgebaut. Früher hatte er in Soap-Formaten beim Privatfernsehen mitgespielt, etwa "Freunde - das Leben beginnt". Zehn Jahre ist sein TV-Debüt her, in der Zwischenzeit hat Reinisch seinen VWL-Abschluss und eine Politik-Promotion abgelegt. Jetzt will er wieder ins Fernsehen, aber statt Scripted-Reality-Drama soll es in seiner Sendung "Meinungsfern." um ernste Themen gehen. Deshalb ist auch Norbert Lammert da. Ausgerechnet.

Der Politiker hat die öffentlich-rechtlichen Sender mehrfach scharf kritisiert, etwa 2009 bei seiner Wiederwahl zum Bundestagspräsidenten. Anstatt die konstituierende Sitzung des 17. Deutschen Bundestages zu übertragen, liefen bei ARD und ZDF damals Unterhaltungssendungen. Vor wenigen Wochen dann beschwerte sich Lammert, dass es auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern nur noch um "Quote, Quote und nochmals Quote" gehen würde, wie er bei einer Laudatio auf Claus Kleber ausführte.

In der Latenight-Komfortzone

Nun sitzt Lammert selbst in einer Sendung des von ihm gescholtenen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der Bayerische Rundfunk (BR) strahlt die Pilotfolge von "Meinungsfern." am Montag aus. Eineinhalb Jahre hat es Reinisch gekostet, um an diesen Punkt zu kommen. Abweisungen, unerfüllte Hoffnungen, wochenlange Verhandlungen - das alles muss ein "Underdog" wohl in Kauf nehmen für 30 Minuten Sendezeit kurz vor Mitternacht. Reinisch kann ein Lied davon singen.

Mit "Meinungsfern." will er politische Themen so aufbereiten, dass sie verständlich und unterhaltsam sind. Seine Sendung soll anders sein als die Talkshows um Jauch und Illner. Kurz: fundierte Gespräche in lockerer Atmosphäre (deshalb die Kneipe) mit wichtigen Leuten (deswegen Lammert). Soweit die Theorie.

In der Praxis verliert das Konzept gleich zu Beginn seinen Glanz, das werde eh nix, sagen ihm Produktionsfirmen, bei denen er die Sendung vorstellt. Reinisch geht auf Risiko - und finanziert den ersten Piloten auf eigene Rechnung. Doch wie soll das Material auf Sendung gehen?

Wieder muss Reinisch in Vorlage gehen - nicht nur finanziell, auch Zeit kostet das Unterfangen. Bei den Programmchefs von ARD und ZDF ruft er an, immer wieder, fast in Endlosschleife redet er auf die Vorzimmerdamen ein. Bis sie ihn zu den Verantwortlichen vorlassen, wenigstens per Telefon. Ob er das Material schicken könnte, fragen die. Nein, entgegnet Reinisch. Er will sein Konzept selbst vorstellen.

Wie es weitergeht, ist unklar

In der Zwischenzeit sind schon einige Monate vergangen, bislang hat das Projekt "Meinungsfern." nur Kosten verursacht, aber nichts eingebracht. Dann ein Hoffnungsschimmer: Er darf sowohl beim ZDF als auch beim BR vorsprechen. Vor allem die Verantwortlichen beim Zweiten hätten Interesse gezeigt, erzählt Reinisch. Dann kommt wieder die Ernüchterung: eine Absage. Die Begründung: Mit "Bambule" gebe es bereits ein Magazin, das gesellschaftsrelevante Inhalte über einen Experten-Talk vermittle.

Auch beim BR geht die emotionale Achterbahn weiter. Erst wird Interesse bekundet, dann monatelang zäh verhandelt. Wollte man das Ergebnis positiv formulieren, könnte man sagen, Reinisch kann seine Sendung tatsächlich produzieren, allerdings mit Einschränkungen: um 23 Uhr, nur 30 Minuten lang.

Angesichts dessen ist es schade, dass eine ganze Zeit vergeht, ehe er die Berührungsängste mit seinem Gast zu überwinden scheint. Vorher hatten die BKA-Beamten ihn schon darauf hingewiesen, den Bundestagspräsidenten gemäß seiner Position zu behandeln. Und so lockt der Moderator den Politiker selten aus seiner Komfortzone heraus. Statt mit kontroversen Streitgesprächen konfrontiert zu werden, nippt Lammert entspannt an seinem Drink mitsamt Fruchtspieß, während Reinisch sich an Fragen zu Wahlbeteiligung und direkter Demokratie abarbeitet.

Schmerzhaft ist das vor allem angesichts der Tatsache, dass es wohl die einzige Chance für Reinisch ist, die ihm der BR für sein Projekt bietet. Der Münchner weiß immer noch nicht, wie es danach weitergehen soll, sprich: Ob er künftig mit der Sendung seine Miete bezahlen kann. Der BR entscheidet erst nach der Ausstrahlung des Piloten, ob es eine Fortsetzung geben wird. Wann das feststeht, weiß niemand - wieder muss Reinisch ausharren.

Es wird ihm wohl auch in diesem Fall nicht mehr übrigbleiben, als weiter zu hoffen, dass aus der Theorie irgendwann bezahlte Praxis wird.


"Meinungsfern.", Bayerischer Rundfunk, Montag, 23.00 Uhr



insgesamt 7 Beiträge
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hschmitter 25.11.2013
1. Ein Blick nach Frankreich
28 Minuten läuft in der Woche täglich zur besten Sendezeit. (Hier leider nur mitten in der Nacht). Wer diese Sendung gesehen hat, wendet sich mit Grausen von den deutschen Sendungen ab, die es in 60 bis 90 Minuten nicht schaffen, dem Zuschauer irgendwelche neuen Informationen zu bieten (falls sie das überhaupt wollen).
BettyB. 25.11.2013
2. Was war das?
Meint die Steinmetz, jeder Vorschlag müsste von den Fernsehmachern auch umgesetzt werden? Das klappt doch nicht einmal bei SPON. Wenigstens nicht mit Kommentaren. Bei dem Artikel könnte man aber meinen, dort druckt man unbesehen alles... Ach ja: Zensorenschnitt...
specialsymbol 25.11.2013
3. Ich muß mir keine Sendung ansehen
In der darauf geachtet wird irgendwen "gemäß seiner Position" zu behandeln. Political Correctness kriege ich auch wenn ich zum Lichterfest mit dem Laternenumzug gehe.
specialsymbol 25.11.2013
4. Ich muß mir keine Sendung ansehen
In der darauf geachtet wird irgendwen "gemäß seiner Position" zu behandeln. Political Correctness kriege ich auch wenn ich zum Lichterfest mit dem Laternenumzug gehe.
tkirchner 26.11.2013
5. Miete zahlen oder unternehmerisches Risiko?
Tja, so ist das nun, wenn man sich als Unternehmer betätigt. Man investiert, hat Kosten, und lebt mit der Ungewissheit, ob man am Ende Erfolg haben wird. Ein Skandal? Vielleicht sollte Frau Steinmetz öfter mal Interviews mit Unternehmern führen, um die Banalität des unternehmerischen Risikos besser zu verstehen.
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