Entführer-"Polizeiruf" aus Magdeburg Glücklich, wer den Notausgang findet

Finger abgeschnitten, Handlung abgesoffen: In dem "Polizeiruf" mit Claudia Michelsen agieren Ermittler, Entführer und auch die Filmemacher allesamt unglaublich dilettantisch.

MDR/ Frédéric Batier

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Profis am Werk: In diesem "Polizeiruf" sieht man, wie Polizisten eine Frau verfolgen, die von Entführern umständlich per öffentlichem Verkehrsmittel zu einer Lösegeldübergabe gelotst wird. Die Beamten haben sehr, sehr auffällige Kabel am Ohr, sie sehen aus wie Funkmasten auf Beinen, weshalb die Entführer die Aktion abbrechen. Sie hatten vorher ja auch gewarnt: keine Polizei!

Gerne würden wir an dieser Stelle schreiben, dass dieser Krimi aus Magdeburg zeigt, wie umständlich und aufreibend Polizeiarbeit sein kann. Leider zeigt er aber nur, wie sich eine einfache Geschichte umständlich und aufreibend erzählen lässt. Drei Drehbuchautoren waren an dem Plot beteiligt (Stefan Rogall, Eoin Moore, Anika Wangard), das Ergebnis ist ein Erzählchaos aus Abschweifung und Abstrusität.

Die Tochter einer Altenpflegerin wurde entführt, 100.000 Euro Lösegeld werden gefordert. Angesichts der Schwere des Verbrechens ist das ein bescheidener Betrag, selbst für ostdeutsche Verhältnisse. Wer schneidet denn brutal einer jungen Frau einen Finger ab für so ein Sümmchen? Die Kommissare Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke) müssten da eigentlich skeptisch werden.

Empfangen, senden, nicht denken

Nicht in Magdeburg, wo dilettantischen Entführer auf dilettantische Ermittler treffen. Letztere lassen sich von der Mutter des Opfers im Verhör allerhand absurde Geschichten erzählen: Der leibliche Vater der Tochter sei angeblich bei einem Italienurlaub von einer Eisenstange erschlagen worden, die von einem Laster durchs Fenster des Ferienhauses flog. Der Stiefvater habe den Arbeitgeber der Mutter mit einer Sexgeschichte erpresst, diese habe ihn darauf angezeigt und ins Gefängnis gebracht.

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ARD-Krimi: Keine Polizei!

Die großartige Schauspielerin Christina Große ("Alki, Alki") erzählt diese unwahrscheinlichen Begebenheiten als maßlos sympathisches Muttertier mit solcher unschuldigen Inbrunst, dass man ihr als Zuschauer sofort bedingungslos glauben will. Das Problem: Die Ermittler tun das ebenso bedingungslos. Wie Funkmasten stehen sie auch in diesem Moment in der Handlung herum, empfangen, senden, nicht denken.

Eine grausame Unterforderung für die Hauptdarsteller, die beim MDR schon Tradition hat. Kommissardarsteller Sylvester Groth hat die Brocken bereits hingeschmissen, Claudia Michelsen lässt Ermittlerin Brasch auf inhaltlich völlig unmotivierten Motorradfahrten Dampf ab. Glücklich, wer hier den Notausgang findet.

In der letzten Folge stieß Matthias Matschke zum Frust-Revier dazu. Neuerdings ist er aber auch als übertrieben genialer, übertrieben griesgrämiger "Professor T." im gleichnamigen ZDF-Krimi unterwegs; so auch an diesem Samstag.

Ein bisschen wirkt das wie eine Exitstrategie, gerade im Hinblick auf den neuen Magdeburger "Polizeiruf": Die Episode "Dünnes Eis" (Regie: Jochen Alexander Freydank) ist eine dieser misslungenen Krimi-Doppelbodenkonstruktionen, bei denen die Filmemacher in ihrem eigenen Plot einbrechen, während der Zuschauer bestürzt in das erschütternd große Loch der Handlung schaut. Profis am Werk? Eher nicht.

Bewertung: 2 von 10


"Polizeiruf 110: Dünnes Eis", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
"Professor T.", Samstag, 21.45 Uhr, ZDF

insgesamt 14 Beiträge
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stranzjoseffrauss 10.02.2017
1. Dr. Max Munzel würde im Revier Madgeburg
vermutlich zuerst eine Kollegenaufstellung durchführen und dann Frau Brasch als primäre Frustursache unbefristet dienstunfähig schreiben, den Fall löst dann der Psychologe durch Zufall. Kauft der MDR mein Kurzdrehbuch?
gersois 10.02.2017
2.
Nicht nur beim MDR laufen unauffällige Polizisten mit sichtbarem Kabel hinterm Ohr über den Bildschirm. Dazu reden sie auch noch unauffällig dauernd in das Handgelenk bzw. den Ärmel. Natürlich sind die Überwachten meist blind, so dass ihnen das nicht auffällt. Das ist in fast allen TV-Krimis so!
kuschl 10.02.2017
3. Qualitätsfernsehen?
Verlangt man etwa für 17,50 Euro Qualitätsfernsehen? Was wir denn geboten? Endlos in die Länge gezogene Serien als Beschäftigungstherapie deutscher "Serienstars", jede Menge Tatortwiederholungen, bei Bedarf verspätete Information. Da fällt doch ein schlechter Tatort gar nicht mehr auf.
ruzoe 10.02.2017
4. Ein Jammer nur,
dass ich schon ein eingefleischter Michelsen-Fan bin, ergo werde ich mir den Rahmenhandlungsmist wohl anschauen müssen und ihn hinterher einfach vergessen. Aber eben erst hinterher...
Backs 10.02.2017
5. Wer guckt sich diesen Scheiss denn noch an?
Wenn man -wegen des Alters- keine Pornos mehr drehen kann, dreht man Krimis.
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