Western-"Polizeiruf" aus Magdeburg Quietscht da irgendwo ein Saloonschild?

Zum Saisonauftakt des ARD-Sonntagskrimis verirren sich die Magdeburger "Polizeiruf"-Sheriffs in ein Western-Dorf. Letzte Folge mit Matthias Matschke - leider ohne Shootout mit Kollegin Claudia Michelsen.

Stefan Erha/ MDR

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Eine alte Frau mit Rollator an der Bushaltestelle, malade Brieftauben in ihrem Käfig, die Dorfstraße menschenleer, eine Geräuschkulisse wie kurz vor zwölf in "High Noon". Quietscht da in der angespannten Stille irgendwo ein Saloonschild?

"Hier möchte man nicht tot über dem Zaun hängen", sagt Brasch (Claudia Michelsen), als sie mit ihrem Köhler (Matthias Matschke) im Auto durch eine namenlose Ortschaft nahe Magdeburg rollt. Fragt der Kollege: "Wieso? Ist doch idyllisch hier. Keine Hektik, viel Natur, ein friedlicher Ort zum Leben." Entgegnet Brasch: "Sie schauen nicht richtig hin! Idyllisch? Hören Sie hier das Lachen spielender Kinder? Hier kennt jeder jeden, wie ein Schwarm Fische, und wehe dem, der ausbricht."

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"Polizeiruf" mit Claudia Michelsen: Wilder Osten

Einer, der ausbrach, ist jetzt offensichtlich tot. In einem Waldstück wurde ein verlassenes Auto gefunden, der Kofferraum voll Blut. Es stammt von einem Zugezogenen namens Jurij, der offensichtlich ein undurchsichtiges Spiel mit den Dorfbewohnern trieb.

In Rückblenden wird aus verschiedenen Perspektiven die Rolle des Fremden beschrieben, die je nach Blickwinkel variiert. Die Frauen schwärmen, wie sie sich von ihm wahrgenommen und begehrt glaubten; den Männern schien der Andere neue Möglichkeiten in ihrem beschränkten Aquarium-Leben zu eröffnen; die Alten fühlten sich von ihm ausgenommen. Den Ermittlern präsentiert sich in diesem ambitioniert gebauten "Polizeiruf" sukzessive das Bild eines Manipulators.

Das Drehbuch stammt von Katrin Bühlig, die schon einige besondere "Tatorte" über Angst, Begehren und sexuelle Abhängigkeitsverhältnisse geschrieben hat, etwa die Leipziger Folge aus dem BDSM-Milieu oder eine Münchner über Polyamorie. Regie führte Philipp Leinemann, der formstarke Genrestücke für Kino und Fernsehen in Szene setzt, zuletzt den BND-Thriller "Das Ende der Wahrheit". In Bühligs und Leinemanns gemeinsamem "Polizeiruf" hört man doppelbödige Dialoge vor einem stellenweise kunstvoll ausgebreiteten Western-Bilderbogen.

Landwirtschaft als Trauerspiel

Zum Beispiel in dieser Szene: Die schwangere Verlobte (Katharina Heyer) des mutmaßlichen Mordopfers sitzt auf einem Milchbauernhof, der als Panorama fotografiert ist wie eine gottverlassene Farm in einem Spätwestern, in einer Schaukel und philosophiert vor der Kommissarin über Zuchtvieh und Mutterrolle: "Der Kuh wird direkt nach der Geburt das Kalb weggenommen, damit wir Milch trinken können. Sie bleibt eine ewige Mutter, ohne Kind." Landwirtschaft als Trauerspiel.

Stark, wie solche grausam lakonischen Sätze in die Tristesse des wilden Osten fallen. Da gibt es einige wunderschöne verstörende Momente - die sich aber am Ende leider nicht zu einem schlüssigen dörflichen Gemeinschaftsbild fügen. Die gruppendynamischen Prozesse werden der ja schon ziemlich ungeschickt im Episodentitel "Mörderische Dorfgemeinschaft" verkündeten Auflösung entgegengetrieben; die Verhörszenen sind oft sehr statisch angelegt.

Und dass es der letzte Fall mit Matthias Matschke als Kommissar Köhler in der wechselvollen Geschichte des Magdeburger "Polizeiruf" ist, hat man sonderbarerweise überhaupt nicht thematisiert. Es soll ja immer wieder Stress zwischen Matschke und Michelsen gegeben haben - das Shootout aber zwischen ihren beiden ewig uneins gebliebenen Ermittlern Barsch und Köhler bleibt bei diesem ansonsten so effektvollen Western-Krimi aus.

Bewertung: 6 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: Mörderische Dorfgemeinschaft", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
chrysanthema 09.08.2019
1. Falscher Name
Nur mal so nebenbei, diese gute Schauspielerin heißt mit Nachnamen Michelsen. Sehr schludrig SPON. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
dummzeuch 09.08.2019
2. gab es das nicht schon mal?
Es ist ein paar Jahre her, da gab es schon mal einen deutschen Krimi - wenn ich noch recht erinnere einen Tatort - in diesem Umfeld, eine Westernstadt für Touristen im "Wilden Osten". Würde mich nicht wundern, wenn es sogar dieselbe Kulisse wäre wie damals.
Dramaturgen-Frau 11.08.2019
3. Die üblichen Verdächtigen
Und wieder spielt das sattsam bekannte Darsteller-Standardensemble aller Filme der ARD auch hier wieder mit, da es für die Redakteurinnen der ARD einfach viel zu aufwendig wäre, die kuscheligen und vollklimatisierten Redaktionsbüros mit ihren mehrere Tausend Euro teuren Kaffeemaschinen und dem Bringservice für veganen Salat zu verlassen, um in den Theatern dieser Republik neue Gesichter zu finden.
Dramaturgen-Frau 11.08.2019
4. Seien Sie nicht zu streng
Zitat von chrysanthemaNur mal so nebenbei, diese gute Schauspielerin heißt mit Nachnamen Michelsen. Sehr schludrig SPON. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
... Die basisjournalistischen Ansprüche (Namen richtig schreiben etc.) gelten für den Kritiker hier nicht. Herr Buß verwechselt nachweislich auch schon mal Figuren in seinen Kritiken. Muss halt alles schnell, schnell aus der Hüfte geleiert werden beim Quergucken. Es fängt bei solchen kleinen und gleichwohl unverzeihlichen Nachlässigkeiten an und endet bekanntlich bei Relotius. Was soll's: ist halt Boulevardjournalismus, wie man das früher nannte. Aber nun zum Inhalt: Zombies, Horror und jetzt Western? Die Vorgaben an Personage, Konstellation etc. scheinen beim Tatort und P110 offenbar so groß zu sein, dass nur noch über das Klischeegenre "gearbeitet" werden kann im Drehbuch. Wo lernen deutsche Drehbuchautoren was? Offenbar ist es der Gipfel des zu Erreichenden, wenn irgendein Kritiker zu ihren Drehbüchern schreibt "... wie bei Tarantino" o.ä. Frau Michelsen ist eine tolle und dazu noch hochattraktive Schauspielerin, die von deutschen Drehbuchautoren permanent unterfordert wird. Und wie man an den eingestellten Fotos schon erkennt: Es spielt wieder einmal das allseits und sattsam bekannte Standardensemble deutschsprachiger Schauspieler der ARD. Als gäbe es keine neuen Schauspieler in diesem Land. Trotzdem werde ich diesen P110 natürlich anschauen, denn die Chance, dass der Kritiker wieder einmal völlig am Thema vorbeikritisiert hat, sind sehr, sehr hoch. Wie immer.
zerberus9333 12.08.2019
5. Krimi ??
hat mit dem Genre im eigentlichen Sinne nur noch wenig zu tun. Der aller letzte Mist. Reine Geldverschwendung ! Die Macher sollten sich um geistige Nachhilfe in Skandinavien bemühen.
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