Paranoia-"Polizeiruf" mit Matthias Brandt Der Bulle mit dem irren Blick

Alle gegen einen, einer gegen alle: Matthias Brandt keucht im "Polizeiruf" bei der Verfolgung bayerischer Amigos durch einen Paranoia-Parcours. Das ist anstrengend und nicht sehr effizient.

BR/ Hendrik Heiden

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Kennen Sie dieses Gefühl? Sie legen eine amtliche Pleite hin, und die ganze Welt schaut zu. So wie bei Hanns von Meuffels (Matthias Brandt), als er einen verdächtigen Elektriker durch eine Einkaufsstraße verfolgt: Der Verdächtige schleppt mühevoll seinen schweren Körper durchs Beton, von Meuffels den seinen noch mühevoller, über dem Gürtel spannt unvorteilhaft der Bauch. Irgendwann bricht der Kommissar zusammen. Keuchen, Seitenstechen, das ganze Sportmuffelprogramm.

"Go! Go! He, he, he! Und da hat er ihn abgehängt, der schnelle Monteur." So freut sich am nächsten Tag von Meuffels' Chef (Ulrich Noethen), als er das Ermittlungsdesaster seines Mannes auf dem Band einer Überwachungskamera anschaut. Von Meuffels macht derweil das, was er am besten kann: aus dem Fernster schauen und nachdenklich tun.

Es folgt eine tolle Szene in diesem ansonsten nicht so tollen "Polizeiruf 110". Von Meuffels zu seinem schadenfrohen Chef: "Beurteile nie die Last, die du nicht trägst." Der Chef: "Konfuzius?" Von Meuffels: "Ne, erfunden." Dann wendet er sich wieder dem Fenster zu. Der Chef: "Und, was denkst?" Von Meuffels: "Nix. Wollt nur mal so bedeutungsschwer aus dem Fenster gucken."

Hanns im Unglück

Wunderbar, wie sich hier in einer wirklich komischen Szene eine tiefe Verunsicherung breitmacht. Das ist die hohe Kunst der Doppelcodierung - die in diesem Krimi aber leider nicht durchgehalten wird. Nicht nur der Chef scheint ihn per Kamera zu observieren, um seine Witze zu machen, die ganze Welt scheint von Meuffels zu beobachten. Ist da eine Verschwörung gegen ihn im Gange?

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"Polizeiruf" aus München:: Ich gegen den Rest der Welt

Ein klassisches Paranoia-Szenario: Am Anfang wird der Kommissar von einer alten Bekannten in seinem Büro belästigt, die behauptet, eine Liste mit Namen reicher Bankkunden zu besitzen, die Schwarzgeld in die Schweiz transferiert haben. Die Frau kommt direkt aus der Psychiatrie, von Meuffels winkt ab, sie schmeißt mit Möbeln in seinem Büro herum. Wenig später wird sie von einem Auto überfahren, der Ermittler hält die Sterbende in seinen Armen.

Offensichtlich ist doch was dran an der Amigo-Connection. Komisch nur, dass von Meuffels der einzige ist, der die Verbindung sieht. Seine Kollegen wiegeln ab, von oben gibt es erst Druck, später unverhohlene Drohungen. Bald sieht von Meuffels durch den schmalen Schlitz der Angst nur noch Feinde, bald schmeißt er selbst aufgebracht mit Möbeln im Büro herum.

Schade, dass bei diesem Alle-gegen-einen-Plot nicht der böse, subtile Witz vom Anfang durchgehalten wird. Stattdessen läuft von Meuffels bald als Bulle mit dem irren Blick durch München, zudem gibt es wuchtige Handlungswendungen, die nicht mal von Meuffels in seinem Verfolgungswahn für schlüssig halten kann, und wo die Autoren (Drehbuch: Holger Karsten Schmidt, Volker Einrauch, nach einer Idee von Ulrich Limmer) beim Schreiben nicht mehr weiter wussten, haben sie sich bei alten Münchner "Polizeirufen" bedient.

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Schon in der verrückten Folge, in der von Meuffels im Krankenhaus sediert wurde, ermittelte er mit Wahrnehmungsstörungen. Bereits in der aufwühlenden Episode, in der er sich in eine undurchsichtige Gefängnisdirektorin verliebte, waren die am verdächtigsten, die ihm am nächsten standen. Und im labyrinthischen Schuld-und-Sühne-"Polizeiruf" mit Karl Markovics wurde von Meuffels schon einmal von einem ungelösten Fall eingeholt.

Verrückt, aufwühlend, labyrinthisch - das sind Versprechungen, die dieser Krimi nicht einlöst. Regisseurin Hermine Huntgeburth hatte mit Matthias Brandt zuvor die überraschende, an die Person Frank Schirrmachers angelehnte Intellektuellen-Schweinerei "Männertreu" gedreht, hier lässt sie den Schauspieler durch einen Paranoia-Parcours galoppieren, bei dem die Hindernisse zur Lösung des Falles reichlich vorhersehbar hingestellt sind.

Von Meuffels schenkt sich im Verlauf dieses in jeder Hinsicht frustrierenden Falles einen Wein nach dem anderen ein, aber der Rausch bleibt aus.

Bewertung: 5 von 10 Punkten

"Polizeiruf 110: Sumpfgebiete", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 22 Beiträge
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vera gehlkiel 25.11.2016
1.
Wenn ich Sonntags um 20.15 Zeit zum Fernsehgucken habe, gucke ich fast immer Bella-Block-Wiederholungen auf ZDF-NEO. Keine Ahnung, aber diese tolle und grosse Schauspielerin, Hannelore Hoger, die einen auch über zuweilen mässige Plots locker flockig hinwegträgt, kriegt man niemals über. Oft zum Weinen schön, wie sie sich zwischendurch mit zerstörtem Gesicht einen ansäuft, wie sie wieder kühl und herbe agiert, wie die ganze Kraft ihres Mitgefühls sich alleine durch eine hochgezogene Augenbraue vermittelt. Diese Sparsamkeit, gepaart mit höchster Präzision, die erst die eigentliche Präsenz ausmacht, fehlt Herrn von Meuffels, alias Matthias Brandt, ein bisschen in dieser Rolle. Woran das liegt, ist schwer zu fassen, Brandt ist schliesslich ebenfalls ein Könner seines Faches. Jedoch, er fällt auch im Vergleich mit Ulrich Tukur, der als Kriminalist für mich als einziger auf dem genuinen Niveau von Hoger agieren kann, etwas ab. Man sieht die Ambition, aber fast immer kriegt man das im Grunde traurige Gesicht von Brandt gegen Schluss hin etwas über, gerät alles zu düster, fehlen die Momente epischer Schlichtheit, fehlt die Selbstironie. Schade, denn eigentlich waren es meistens interessante Plots.
susanneuser 25.11.2016
2. Kann ja nur gut sein
wenn es beim Spiegel einen "Verriss" gibt. Matthias Brandt spielt immer einfach nur genial.
cafe-wien 25.11.2016
3. Das Problem der Regie durch Hermine Huntgeburth
Es gibt ja so ein paar unumstößliche Wahrheiten in der Filmproduktion: Zum Beispiel kann ein guter Regisseur ein schlechtes Drehbuch nicht zu einem guten Film machen - wenn er nicht massiv ins Drehbuch eingreift. Oder: Ein schlechter Regisseur kann ein gutes Drehbuch traurig zurichten. Wenn aber auf ein schlechtes Drehbuch auch noch ein unentschlossener Regisseur kommt, dann haben wir den GAU. Sowas ist wohl bei diesem Polizeiruf geschehen. Wie in all ihren regielich begleiteten Filmen weiß der Zuschauer nicht, was Hermine Huntgeburth eigentlich und mit welchen Mitteln sagen will. Sie findet in der Regel ein gesellschaftlich aktuell diskutiertes Thema gut und geht dann mit ihrer seltsam genormten Semiemanzipationssicht an das Thema ran. Mit maskulinen Charakteren und deren Motivationen hat die Regisseurin immer große Probleme. Sie versteht sie einfach nicht. Es bleibt bei allen Filmen von Hermine Huntgeburth ein schaler Geschmack auf der Zunge zurück: Was will uns die Dame eigentlich sagen? Offenbar nichts. Wenn dann doch wenigstens souveränes Handwerk sichtbar würde. Aber auch das suchen wir in der Regel bei ihren regielich zu verantwortenden Filmen vergebens. Nun ein einziger Trost bleibt: Es macht immer Spaß, Matthias Brandt zuzuschauen. Das wird auch diesen Polizeiruf retten. Und es ist wahrlich der einzige Grund, dass ich mir diesen Polizeiruf anschaue. Einen Matthias Brandt kann auch eine Hermine Huntgeburth nicht zerstören - eine letzte Hoffnung.
clausbremen 27.11.2016
4. Warum ...
... warum wird hier die (zufällige) Ähnlichkeit mit dem Justizskandal Gustl Mollath nicht erwähnt? Grad der Analogie: über 90 %. Im Fall Mollath wartet man seit Jahren auf umfassende Konsequenzen. Leider vergeblich. Ob von Meuffels da helfen kam ...?
kunibertus 27.11.2016
5.
Also, wenn ich mich recht erinnere, beruht die Filmhandlung auf einer wahren Begebenheit. Ich weiß allerdings heute nicht mehr, wie die Sache ausgegangen ist; wahrscheinlich wurde sie still und heimlich beerdigt. In Bayern herrscht schließlich Ordnung. Dort gibt es weder Korruption noch irgendwelche Amigoaffären zwischen Politiker, Wirtschaftsfunktionären und Beamten.
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