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"Polizeiruf" mit Charly Hübner: Mörderische Fürsorge

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Familienmassaker im "Polizeiruf" Vater, Mutter, Mord

Papa hat dich lieb. Und erwürgt dich: Im Rostocker "Polizeiruf" mit Charly Hübner werden wir Zeugen, wie krankhafte Fürsorge in Gewalt umschlägt. Ein beklemmend guter Krimi.

Dieser Mörder muss seine Opfer sehr lieben. Die beiden Kinder, die von den Ermittlern erdrosselt an verschiedenen Orten in Rostock vorgefunden werden, sind in Blumen gebettet. Die erwachsenen Opfer liegen indes erschlagen und erstochen am Boden, wo immer sie gerade bei ihrer Tötung aufgeschlagen sind. Oma, Opa, Mutter, Tochter, Sohn.

Bald verengen sich die Untersuchungen der Ermittler Karin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) auf den Vater der Familie: Arne Kreuz (Andreas Schmidt), bislang unbescholtener Bürger, der nach Trennung und Jobverlust in die Sinnkrise gestürzt ist.

Während die Kommissare noch grübeln, weiß der Zuschauer schon lange mehr und hat die Gewissheit: Ja, Kreuz bringt nach und nach alle Mitglieder seiner Familie um. Es ist seine Art, die zusammenzuhalten, die er liebt oder zu lieben glaubt. Das Morden wird hier zu einem pervertierten Akt der Fürsorge. Der kranke Gedanke: Wenn alles auseinanderfällt, so kann der Tod die Wiedervereinigung bringen.

Vater im Fürsorgewahn

Dass der Zuschauer dieser monströs verdrehten Form von Liebe Glauben schenkt, liegt vor allem an dem Schauspieler Andreas Schmidt, einem Abgrundausleuchter, der immer wieder Gewaltcharaktere gespielt hat, die man am liebsten in den Arm nehmen möchte, etwa in "Plus-minus Null" (1998) und "Pigs Will Fly" (2002), zwei grandios feinnervig gespielten Dramen häuslicher Gewalt.

Bei beiden Filmen führte der Ire Eoin Moore Regie, der den Rostocker "Polizeiruf 110" entwickelt hat, als eine Art Headwriter begleitete und nun für diese Ausnahme-Episode Buch und Regie verantwortete. Moore arbeitet gerne mit den gleichen Schauspielern zusammen, die Vertrautheit mag es leichter machen, an und über Grenzen zu gehen. So hat Moore mit Hübner und Schmidt auch schon die Saunakomödie "Im Schwitzkasten" gedreht, bei der auch Laura Tonke mitgewirkt hat - die nun im "Polizeiruf" die Mutter spielt, die dem Fürsorgewahn ihres Ex-Mannes zum Opfer fällt.

Die erneute Zusammenkunft des Ensembles ermöglicht es, die möglichen desaströsen Kräfte nachzuvollziehen, die zu den eigentlich unvorstellbaren Familienmassakern geführt haben, die in den letzten Jahren immer wieder in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt haben. Im März zeigte bereits der Kölner "Tatort" mit der Episode "Der Fall Reinhardt" eine ähnlich grausame Familientragödie, dort allerdings führte die Rekonstruktion der Geschehnisse in einen labyrinthischen Fall.

In der "Polizeiruf"-Folge wird die Auslöschung einer Familie geradliniger erzählt. Punkt für Punkt arbeitet der Protagonist sein monströses Vernichtungsprogramm ab, als würde er nur seinen väterlichen Pflichten nachkommen: der Familienvater als exakt tickende Zeitbombe.

Dass nicht jede Überforderung in die Katastrophe führen muss, zeigt der "Polizeiruf" dann am Beispiel von Bukow, der ja schon seit einigen Folgen von seiner Frau mit einem Kollegen betrogen wird, der aber viel zu sehr mit seinen Kindern und seinen Kriminalfällen beschäftigt ist, um das zu kapieren. Wo in anderen Fernsehkrimis die Spiegelung des Falles auf die Figur des Ermittlers konstruiert wirkt, da gelingt es Moore und seinem Darsteller Hübner, der Extremsituation trocken und pointiert ein wunderbar hoffnungsvolles Moment abzuringen. Papa kann auch anders.


"Polizeiruf: Familiensache", Sonntag, 20.15, ARD