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05. April 2019, 11:29 Uhr

Entfesselter "Polizeiruf" aus Rostock

Schnell essen, schnell vögeln

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Gesellschaftliche Not, körperlicher Notstand: Mit hohem physischem Einsatz nehmen Bukow und König in diesem "Polizeiruf" die Missstände in Jugendheimen ins Visier.

Essen und Sex werden von vielen Menschen als lästige Notwendigkeiten empfunden, die man optimalerweise schnell im Stehen verrichtet. So sieht es offenbar auch Kommissarin König (Anneke Kim Sarnau): Erst schiebt sie sich an einem Imbiss einen Burger in den Mund, dessen Veggie-Bulette groß wie ein Gullideckel ist, dann empfängt sie am Stehtisch ihr Date. Der Gullideckel sollte die Stärkung für den Quickie liefern, den König im Auto auf dem Parkplatz hinter einer Disco anvisiert hat.

Die Hosen sind kaum runter, da explodiert etwas vor der Disco. Zwei Halbwüchsige, die vom Türsteher abgewiesen wurden, machen Ärger. Einer von ihnen ist der Sohn von Kommissar Bukow (Charly Hübner). Nicht mal die Zeit, den Quickie hinter sich zu bringen, bleibt König, die nun erst mal abwägen muss, wie sie dem Kollegen und dessen schwierigem Sohn helfen kann. Hosen hoch, schon sind die beiden Ermittler in ihrem neuen Fall.

Körperlicher Notstand und gesellschaftliche Not, das geht im oft rabiat beschleunigten Rostocker "Polizeiruf" Hand in Hand. In der neuen Folge führt die Handlung vom abgebrochenen Sexdate hin zu Missständen in Jugendheimen. Denn Bukows Sohn (Jack Owen Berglund) ist befreundet mit Keno (Junis Marlon), einem verhaltensauffälligen 17-Jährigen, der im Heim lebt.

Nach dem Disco-Krawall bekommt Keno Hausarrest, doch er bricht aus und erschießt seinen Erzieher. Mit Bukows Sohn flieht er Richtung Polen, dort lebt Kenos kleiner Halbbruder bei Pflegeeltern auf einem Bauernhof. Und hier sind wir dann beim großen gesellschaftlichen Thema dieses "Polizeiruf" (Drehbuch: Christina Sothmann und Elke Schuch): wie deutsche Behörden die Arbeit mit schwer erziehbaren Jugendlichen zu Familien im Ausland outsourcen.

Auf diese Weise ist ein neuer kleiner Grenzverkehr zwischen Deutschland und Polen entstanden, billige Pflegekräfte ziehen Richtung Westen, teuer zu verwaltende Heimkinder werden Richtung Osten geschoben. Regisseur und Co-Autor Lars Jessen, der im Bereich des Fernsehkrimis zuletzt einen voll verkifften "Tatort" über die Skulptur.Projekte-Schau in Münster gedreht hat, inszeniert den "Polizeiruf" als entfesselte Jagd nach den beiden ausgerissenen Teenagern.

Bukow-Show mit Kopfnussblick

Dabei verschiebt sich der emotionale Schwerpunkt beim Ermittlerteam mal wieder auf Hübners Bukow, der sich auf der Suche nach seinem Sohn mit Kopfnussblick den Weg durchs deutsch-polnische Verwaltungs- und Verwahrungsdickicht schlägt. Dem Schnell-essen-schnell-vögeln-Credo von Kollegin König fügt er ein Schnell-Zuschlagen hinzu. Das ist alles angemessen physisch dargestellt. Und doch stört, dass bei der großen Bukow-Show Katrin König mal wieder unweigerlich ins Hintertreffen gerät.

Während bei Bukow die biografischen Details relativ stimmig von Folge zu Folge weiterentwickelt worden sind, geriet bei König die lineare Entwicklung ins Schlingern. Jetzt ist sie oft nur noch eine Randfigur, was angesichts der darstellerischen Präsenz der sensationellen Schauspielerin Anneke Kim Sarnau unangemessen ist, aber auch angesichts des Potenzials der Rolle.

Eingeführt wurde die Figur König 2010 als Karrierefrau mit Biofimmel und Achtsamkeitsgestus, die einen komplizierten biografischen Hintergrund hat: Ihre Eltern sind ihr bei einem Fluchtversuch aus der damaligen DDR abhandengekommen, sie wuchs bei Adoptiveltern auf. Leicht hätte man dieses rollenbiografische Detail ausspielen können - das Gesellschaftsstück über notverwaltete Kinder hätte dadurch nur an Tiefe gewinnen können.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: Kindeswohl", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Textes behaupteten wir, Kommissarin König würde einen Burger mit Beefbulette essen. Darstellerin Anneke Kim Sarnau informierte uns, dass es sich in Wirklichkeit um einen Veggie-Burger handelte. Kitty King, wie Sarnau ihre Figur nennt, ist also weiterhin Vegetarierin. Wir haben den Fehler korrigiert.

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