"Polizeiruf" mit Maria Simon Gladiatoren beim Grenzverkehr

Fight Club mit Flüchtlingen: Kommissarin Lenski vom Brandenburger "Polizeiruf" wurde an die deutsch-polnische Grenze versetzt - wo sich Tschetschenen als illegale Kämpfer verdingen.

RBB/ Conny Klein

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Willkommen in Polen. Viele Wohnungen haben hier zwei Eingangstüren, was frustrierend ist für die Polizei: Hast du eine aufgetreten, ist da gleich noch eine. An der Gerichtsmedizin hängt schon mal ein Schild mit der Aufschrift "Strajk!", was wirklich an den Nerven zehren kann, wenn man gerade eine frische Leiche abgegeben hat. Und bei illegalen Boxkämpfen treten Gladiatoren aus fernen ehemaligen Ostblock-Regionen mit bloßen Fäusten gegeneinander an, bis dem Gegner alle Zähne aus dem Mund geprügelt sind.

Mit der Gemütlichkeit ist es jetzt also für Olga Lenski (Maria Simon) vorbei. Ermittelte sie vorher im öden Herzen Brandenburgs mit Horst Krause an ihrer Seite, der ein Oldtimer-Motorrad mit Sozius fuhr und jetzt in Rente gegangen ist, so steht ihr jetzt nach ihrer Versetzung an die deutsch-polnische Grenze der junge Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) zur Seite, der ein schnelles Motorrad fährt. Ein Lackaffe, der zweisprachig drauflos spricht und der ein bisschen undurchsichtig bleibt, weil er nicht verrät, was eigentlich seine Muttersprache ist.

Die Schauspielerin Simon kann so ziemlich jeden Abgrund spielen, und Gregorowicz, der sich unlängst sehr lustig durch die ARD-Satire "Vostadtweiber" vögelte, verfügt über einen grimmigen Humor. Beide sind Jahrgang 1976 und sollen nun als Team dafür sorgen, dass im Brandenburger "Polizeiruf 110" zeitrelevanter und hochtouriger ermittelt wird. Für Simon kommt es durch die Neuausrichtung des RBB-Krimis zu einer Rückkehr in die Region um Frankfurt/Oder, wo sie mit dem Regisseur Hans-Christian Schmid vor zwölf Jahren, ganz am Anfang ihrer Karriere, "Lichter" gedreht hat, ein Grenzpanorama, das vom Strom der Waren, Menschen und Sehnsüchte dies- und jenseits der Oder erzählte.

Bemühte "Fight Club"-Variante

Von der analytischen Genauigkeit und der humanistischen Wucht von "Lichter" ist dieser "Polizeiruf" freilich weit entfernt. Der Regisseur Jakob Ziemnicki ("Polnische Ostern"), ein Deutscher mit polnischen Wurzeln, zeigt zwar ein paar interessante sozioökonomische Gesetzmäßigkeiten aus dem Grenz- und Flüchtlingskosmos auf, die Figuren aber bleiben allesamt ein bisschen blass.

Ein deutscher Student wurde totgeprügelt. Der Verdacht fällt unter anderem auf einen tschetschenischen Asylbewerber, der bei illegalen Schaukämpfen mitmacht. Ein interessanter Hintergrund - der allerdings nicht voll durchdrungen wird. Dafür liefert ein Gewaltforscher, dessen Seminar die Ermittler besuchen, einen Gemeinplatz: "Gewalt wird als ein gemeinschaftsstiftendes Ereignis empfunden." Ach so.

Die einzigen richtig starken, weil irritierenden Momente in dieser etwas bemühten "Fight Club"-Variante (Buch: Uwe Wilhelm und Claudia Boysen) hat Darsteller Gregorowicz mit ein paar lakonischen Spaßeinlagen. Etwa, wenn er als Fernsehermittler Raczek auf einmal in einen Zeitlupengang verfällt und damit Kollegin Lenski durcheinanderbringt.

Dass sich gelegentlich auch der Plot zeitlupenmäßig schleppt, ist dann weniger spaßig. Da geht noch mehr. Wir bleiben dran.

Bewertung: 5 von 10 Punkten


"Polizeiruf 110: Bis aufs Blut", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
lemmy 18.12.2015
1. Zeitrelevant ?
So, so. Die einen sagen so, die anderen so. Bleibt wohl im Auge des Betrachters was gerade zeitgemäß ist. Ich finde den Plot wieder einmal total abgedreht und aufgesetzt. Und mit dem Thema Flüchtlinge bin ich im Fernsehen zur Zeit wirklich überversorgt, man könnte auch sagen: es nervt nur noch. Und dass die Story mal wieder langweilig daher kommt, ist bei der Darstellerin nun wirklich kein Wunder. Das ist schließlich seit der ersten Folge so. Ich bleibe bei meinem Fazit: an die Polizeiruf-Fälle mit Selge und May kommt eh keiner dran.
deb2011 19.12.2015
2. Völlig absurd:
Aber da scheint natürlich auch System beim Staatsfernsehen dahinterzustecken. Der Zuschauer soll mit absurden Geschichten von der Realität an der deutsch-österreichischen Grenze abgelenkt werden. Walter Benjamin sprach von der Zerstreuung, die hier wieder einmal eingesetzt wird. Und die Zuschauer geben sich dem dankbar hin.
cafe-wien 20.12.2015
3. Krauses Abgang war und ist ein Schlag ins Kontor
Man hat diesen Polizeiruf 110 damit definitiv und faktischer seiner Seele beraubt. Nun haben wir es mit einem "normalen" Polizeiruf 110 zu tun, der nicht mehr zu verorten ist, weder inhaltlich-formal noch emotional. Niemand glaubt, dass Lucas Gregorowicz die Position von Horst Krause wird ersetzen können. Das glauben offenbar nicht einmal die zuständigen ARD-Redakteurinnen, die doch ansonsten jeden Schmarrn glauben, Hauptsache, das Kind der Hauptfigur bekommt noch entgegen dem Drehbuchvorschlag den Namen ihres Patenkindes (z.B. Quirin! Dämlicher geht's echt nimmer!). Daher wird Lenski einfach mal noch weiter gen Osten versetzt, wo sie auf einen Smartie trifft. Ganz toll. Mir schwant Fürchterliches. Aber Herr Buß gibt wieder 5 von 10 Punkten. Wie immer, wenn er nichts zu sagen weiß (was in letzter Zeit recht häufig vorkommt).
keineahnunghabeabermitred 20.12.2015
4. Horst Krause
Ich verstand nie, dass ein Schauspieler seine Kunstfigur nach seinem bürgerlichen Namen benennt. Hat dazu jmd eine Erklärung?
BGÜ 20.12.2015
5. Krause
Zitat von cafe-wienMan hat diesen Polizeiruf 110 damit definitiv und faktischer seiner Seele beraubt. Nun haben wir es mit einem "normalen" Polizeiruf 110 zu tun, der nicht mehr zu verorten ist, weder inhaltlich-formal noch emotional. Niemand glaubt, dass Lucas Gregorowicz die Position von Horst Krause wird ersetzen können. Das glauben offenbar nicht einmal die zuständigen ARD-Redakteurinnen, die doch ansonsten jeden Schmarrn glauben, Hauptsache, das Kind der Hauptfigur bekommt noch entgegen dem Drehbuchvorschlag den Namen ihres Patenkindes (z.B. Quirin! Dämlicher geht's echt nimmer!). Daher wird Lenski einfach mal noch weiter gen Osten versetzt, wo sie auf einen Smartie trifft. Ganz toll. Mir schwant Fürchterliches. Aber Herr Buß gibt wieder 5 von 10 Punkten. Wie immer, wenn er nichts zu sagen weiß (was in letzter Zeit recht häufig vorkommt).
Haha... da kann ich ja nur lachen. Krause war der Oberlangweiler vor dem Herrn. Kam immer mit seinem Motorrad um die Ecke gebollert. Tut mir leid, aber den kann man doch nicht ernst nehmen...
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