ARD-Sonntagskrimi Der Magdeburg-"Polizeiruf" im Schnellcheck

Eine Frau ist eine Frau: Dieser "Polizeiruf" um eine Transfrau unter Mordverdacht treibt den Sonntagskrimi Richtung Identitätspolitik. Gut so.

MDR/ Stefan Erhard

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Das Szenario:

Großes Ritualmordtheater in Magdeburg. Vor drei Jahren wurde eine junge Prostituierte getötet und danach abwärts der Beine eng verschnürt, nun hat man die Leiche einer Arzthelferin gefunden, die ähnlich zugerichtet ist. Der Verdacht fällt auf Blumenverkäuferin Pauline Schilling (Alessija Lause), die mit beiden Opfern bekannt war. Schilling wurde bei Geburt das falsche Geschlecht zugewiesen und ließ später eine Geschlechtsangleichung vornehmen - was Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) und Kollege Köhler (Matthias Matschke) zur Frage verleitet: Kann es sein, dass sie der Neid auf den weiblichen Körper der anderen zu den Taten trieb?

Der Clou:

Eine Frau ist eine Frau - auch wenn sie im Männerkörper geboren wurde. Obwohl dieser "Polizeiruf" mit Versatzstücken klassischer, spekulativer Fetisch-Thriller wie "Dressed to Kill" spielt, desavouiert er niemals die geschlechtliche Identität seiner Hauptfigur. Nach der Münchner Folge "Der Tod macht Engel aus uns allen" aus dem Jahr 2013 ist dieses Krimi-Melodram aus Magdeburg ein weiterer "Polizeiruf", in dem das Trans-Thema nicht als kriminologischer Gimmick missbraucht wird.

Das Bild:

Liebe, verdruckst: Auf dem Bett von Pauline Schilling liegt ein biederer Sparkassenangestellter, der hingerissen ist von ihr - und sich doch nicht seine Zuneigung eingestehen will.

Fotostrecke

11  Bilder
Magdeburg-"Polizeiruf": Die Liebe einer Frau

Der Spruch:

"Heilung durch Heilung. Erlösung durch Erlösung. Wie will man psychische Begleiterkrankungen stabilisieren, wenn eine Frau ein Mann ist." So erklärt die Therapeutin, die die Hauptfigur betreut hat, den Ermittlern: die Geschlechtsangleichung als Lebensrecht.

Der Song:

"Caroline Says II" von Lou Reed. Dieser Klassiker aus Reeds früher Solo-Karriere wird gespielt, als ein blutiger Streit zwischen der Hauptverdächtigen und dem Mordopfer als Rückblende gezeigt wird. Der Song handelt von häuslicher Gewalt, Reed selbst war in den Siebzigerjahren mit einer Transgender-Frau liiert. Insgesamt ist die Songauswahl in diesem "Polizeiruf" exzeptionell, neben Reed sind auch Nina Simone, Noir Désir und The Fall zu hören.

Die Bewertung:

8 von 10 Punkten. Überraschung! Das "Polizeiruf"-Revier in Sachsen-Anhalt, das bislang noch nicht durch gesellschaftspolitische Relevanz aufgefallen ist, treibt die Krimi-Reihe Richtung Identitätspolitik.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Polizeiruf 110: Zehn Rosen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 19 Beiträge
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Dramaturgen-Frau 10.02.2019
1. Eine Empfehlung für echte Krimifreunde
Für alle, die nicht sehen wollen, wie aus einer Maus ein Elefant gemacht wird, heißt, wie die ARD eine Krimi zum Vehikel für ein verschwindend kleines Minderheitenthema volkspädagogisierend nutzt, dem empfehle ich auf ZDFneo den zeitgleich laufenden Film "Der Kommissar und das Meer" - ein schöner Krimi, der den Sonntag bei ein, zwei Gläsern Wein gemütlich ausklingen lässt, um für den grässlichen Montag gerüstet zu sein.
ambulans 10.02.2019
2. merci,
msr buß, für die musiktipps, die sie ihren krimikritiken häufig beifügen. "caroline says" von lou reed ist eine absolut überzeugende wahl, um dieses thema (s. krimi oben) akustisch zu "visualisieren" (ich mag einfach diesen begriff "kino für die ohren"); die beste version, meines wissens nach, ist die aus "howard steins music academy/NY", ca. 1974. und, an diese dramaturgenfrau, die schon nicht (an-)erkennen wollte, dass der göttingen-krimi eine neue, nicht wieder berlin-typisch hochgejazzte "qualität" (und dazu noch mühselig vorzuweisen versucht) aufwies - wer göttingen kennt, erkennt ziemlich viel (nein, adrianstein: keine "gesinnung" - so reden nur rechte) wieder, was diese kleine, aber trotzdem liebenswerte uni-stadt auszeichnet. nennt sich: bürgerschaftliches engagement, man mag keinerlei rechte, schätzt kunst, kultur und wissenschaft, etc. - und lebt damit zumindest gut, wenn nicht besser; also - weiter so! dr. ambulans (alle kassen)
Mondlady 10.02.2019
3. Kann mich "Dramaturgen-Frau" nur anschließen!
Danke für den Beitrag - Sie sprechen mir aus der Seele. Ganz früher waren Krimis langweilig und spießig, dann folgte eine Welle der furchtbar brutalen Krimis, wo man minutenlang mitansehen musste, wie jemand brutalst niedergeschlagen wurde und ihm das Blut aus Nase, Ohren und Mund lief (ZDF!!). Ab und an gab es Krimis mit guter Handlung und lustigen Szenen (Boerne & Co.), und seit einiger Zeit sieht man nur noch Krimis mit erhobenem Zeigefinger: Vor allem ZDF sehr viele Krimis mit bösen Nazis (Soko Leipzig, Soko Wien etc.) oder mit Schwulenhassern. Und jetzt offenbar wieder ähnliches. Bald ist es soweit, dass man als Mensch, der als Frau oder als Mann geboren wurde und es auch bis an sein Lebensende bleibt, nicht mehr vorkommt, bzw. sich entschuldigen muss. Außerdem glauben offenbar gerade die öffentlich Rechtlichen, dass ihre Zuschauer größtenteils schon alt und vergesslich sind, denn es kommt häufig vor, dass Krimis nach 1-2 Jahren wiederholt werden, man also nach 5 Minuten weiß, wer der Täter ist. Wenn überhaupt Fernsehen heute Abend, dann bestimmt nicht den Tatortkrimi.
funkstörung 10.02.2019
4. krimi-schauen
betreutes krimi-schauen bei den öffentlich rechtlichen bei dem mir sensiblilität für ein "dringendes gesellschaftliches problemthema" schonend aber aufdringlich beigebracht werden soll ? nein danke ! vor ein paar jahren hätte ich einen solchen streifen mit der thematik noch interessiert geschaut, jetzt - auf grund der sich überall breitmachenden political correctness und den bigotten erziehungsbemühungen einer satten akademischen fettschicht - kann ich einen solchen streifen nicht mehr schauen ohne ausschlag zu bekommen, das lass ich dann lieber.
tuerundtor 10.02.2019
5. Grotesk
Zitat von MondladyDanke für den Beitrag - Sie sprechen mir aus der Seele. Ganz früher waren Krimis langweilig und spießig, dann folgte eine Welle der furchtbar brutalen Krimis, wo man minutenlang mitansehen musste, wie jemand brutalst niedergeschlagen wurde und ihm das Blut aus Nase, Ohren und Mund lief (ZDF!!). Ab und an gab es Krimis mit guter Handlung und lustigen Szenen (Boerne & Co.), und seit einiger Zeit sieht man nur noch Krimis mit erhobenem Zeigefinger: Vor allem ZDF sehr viele Krimis mit bösen Nazis (Soko Leipzig, Soko Wien etc.) oder mit Schwulenhassern. Und jetzt offenbar wieder ähnliches. Bald ist es soweit, dass man als Mensch, der als Frau oder als Mann geboren wurde und es auch bis an sein Lebensende bleibt, nicht mehr vorkommt, bzw. sich entschuldigen muss. Außerdem glauben offenbar gerade die öffentlich Rechtlichen, dass ihre Zuschauer größtenteils schon alt und vergesslich sind, denn es kommt häufig vor, dass Krimis nach 1-2 Jahren wiederholt werden, man also nach 5 Minuten weiß, wer der Täter ist. Wenn überhaupt Fernsehen heute Abend, dann bestimmt nicht den Tatortkrimi.
Ist immer herrlich, wie Leute, die der Mehrheit angehören, plötzlich Angst um ihren Status haben, wenn Minderheiten die Hauptrolle spielen. Ich vermute, auch in diesem Polizeiruf werden 99% der Akteure ein eindeutig zugewiesenes Geschlecht haben. Lehnen Sie sich zurück - niemand verlangt von Ihnen eine Entschuldigung!
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