ARD-Sonntagskrimi Der Rostock-"Polizeiruf" im Schnellcheck

Jaja, schon klar: Psychoalarm! Dieser schnoddrige "Polizeiruf" über Sexualmorde in Rostock stellt die pathologische Pedanterie der verdächtigen Männer zu plakativ aus. So blöd sind wir nun auch nicht, ne?

Christine Schroeder/ NDR

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Das Szenario:

Ordnung muss sein, auch beim Morden. Die Kommissare Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) untersuchen Sexualmorde an Mädchen, die mit grausamer Präzision durchgeführt wurden. Nach der Tat wurden die Schuhe der Opfer jeweils säuberlich neben die Leichen gestellt. Bei den Untersuchungen geraten zwei Männer ins Visier, die ihrem Umfeld mit fast schon wahnhafter Pedanterie auf die Nerven fallen.

Der Clou:

Der Weg zum Mörder führt über deren Familie. Die beiden Hauptverdächtigen, ein geschiedener Spießer mit Tochter und ein Bummelstudent mit 30 Jahre älterer Ehefrau, werden vor allem aus der Sicht ihrer Angehörigen gezeigt, bei denen sich in Anbetracht der steigenden Leichenzahl Zweifel breit machen. Eigentlich eine geschickte Annäherung ans schon zigfach abgehandelte Thema Sexualmord - allerdings werden die Macken der potenziellen Täter allzu plakativ ausgestellt. Jaja, schon klar: Psychoalarm!

Das Bild:

Vati und Mutter präsentieren lachend den übertrieben akkurat geschmückten Weihnachtsbaum: Dieses verdächtige Bild wird den Ermittlern aus dem Kästchen mit den Familienfotos gezeigt. Die inzwischen geschiedene Ehefrau eines Verdächtigen kommentiert das vom Ex arrangierte Spießer-Ensemble so: "Bei ihm ist alles so mathematisch, alles muss seine Ordnung haben. Der perfekte Anstrich."

Fotostrecke

7  Bilder
"Polizeiruf" mit Hübner und Sarnau: Krasse Morde, klare Worte

Der Dialog:

Bukow absolviert eine deprimierende Nachtschicht, bringt sich mit einer Flasche Rum über die Runden und bietet der Kollegin einen Schluck aus der Buddel an. König lehnt mit den Worten ab: "Rum, nee, schmeckt für mich wie Klassenfahrt nach Amrum mit dem schönen Hauke." Bukow: "Klingt nach Verlassenwordensein vom schönen Hauke." König: "Nee, zusammen betrunken aus dem Fenster gefallen."

Der Song:

"Die Die My Darling" von Misfits. Der Song aus Mördersicht von den Horrorpunks um Glenn Danzig wird im "Polizeiruf" nicht gespielt, passt mit seiner rabiaten Betrachtungsweise aber gut zum B-Movie-artig aufbereiteten Sexualmordthema.

Die Bewertung:

6 von 10 Punkten. Angenehm schnoddrig im Tonfall, aber etwas zu plump in der Präsentation der Täter. Rostock kann es besser.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Dunkler Zwilling", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 12 Beiträge
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Stereo_MCs 06.10.2019
1.
Nur so eine Assoziation... Schuhe fein säuberlich neben das Opfer gestellt und dazu Bild 3, klingt als ob sich ja jemand vom "Mordfall Tristan" hat inspirieren lassen.
LapOfGods 06.10.2019
2.
Gibt es wieder lecker Bilder vom Seziertisch und Zeitlupen-Kameraschwenks über die schönsten Wunden wie beim letzten Tatort?
Fly 06.10.2019
3. Wenn...
...der Krimi aus Rostock die Realität in den Polizeistuben Ostdeutschlands darstellt, dann wird mir klar, warum bis heute nicht zusammengewachsen ist, was eigentlich zusammen gehört. Ein Kommissar Bukow, der sich gibt als käme er aus der Gosse ist nicht das Bild, dass wir im Westen von unserer Polizisten haben. Wenn von den Polizisten im Osten solch ein desolates Gebahren übers Fernsehen verbreitet wird, muss man sich nicht wundern. Der Tatort oder Polizeiruf aus Rostock ist im wahrsten Sinne der Inbegriff von "Dunkeldeutschland".
Hexaemeron 06.10.2019
4. Nicht nur Tristan
Ich dachte auch sofort an die Mordfälle, die dem potentiellen Serienmörder aus Schwalbach zugeordnet werden, der Fall Tristan wurde in dem Zusammenhang auch noch einmal betrachtet, er konnte aber nicht sicher demselben Täter zugeordnet werden. Diese realen Fälle sind naturgemäß rätselhafter und komplexer und auch nur teilweise aufgeklärt. Ich wohne nicht weit weg von Schwalbach und kann mir lebhaft das Grauen vorstellen, das einen beschleicht, wenn so etwas in der unmittelbaren Nachbarschaft oder gar Verwandschaft geschieht. Irgendwie empfand ich es als ein bißchen frech, dass sich die Drehbuchautoren so frei und vereinfachend am Gesamtzusammenhang und doch so genau an einigen Tateinzelheiten der realen Fällen bedient haben.
Dramaturgen-Frau 06.10.2019
5. Wenn ARD-Regisseure sich rächen...
..., dann sieht man auf dem Laptop der Kommissarin aus Rostock wieder einen Aufkleber, der aus einem anderen P110 nachträglich "herausgeschnitten" wurde. Und möchte man mit den Kopfschmerzen der Kommissarin schon mal einen Murot aus Meck-Pomm andeuten, vorausdeuten? Die Crux bei Tatort und P110 aber bleibt: Immer die selben Gesichter. Allein als Tochter des Mörders, Emilia Nöth, ist ne tolle Entdeckung: sexy und ausdrucksstark. Da sollte noch was kommen. Im Gesamt retttet ein starkes Darstellerensemble mit einer etwas zu stark variierten Figur König in der Charakterzeichnung diesen P110. Was allerdings gar nichts rettet, ist der neue Vorspann: einfach mal alles unter Blut setzen. Mann, Mann, Mann!
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