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Matthias Brandts letzter "Polizeiruf": Liebe geht über Leichen

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Geniales "Polizeiruf"-Finale mit Matthias Brandt Die Vollendung

"Das ist doch scheiße, das ist ja wie im Fernsehen." Eben nicht: Im letzten "Polizeiruf" mit Matthias Brandt werden Autos zur Falle und Dialoge zu großer Krimikunst. Was für ein Abgang!

Was wir im Auto hören: "Wendy"-Hörspiele, damit unsere Kinder ruhig sind. Melancholische Klassik, damit wir unsere Gefühle in den Griff kriegen. Dieser "Polizeiruf" handelt auch von der Illusion, wir könnten uns rund um unsere eigenen Gefühlslagen und Sicherheitsbedürfnisse eigene Welten auf Rädern bauen.

Zum Beispiel dieser weinrote Kangoo am Anfang des Krimis: ein Kuschelmonster mit gerundeter Karosse und viel Stauraum für die Familie, eher Planwagen als Pkw. Vorne aus der Anlage tönt gerade eine Pferdemädchen-Geschichte, hinten sitzt die Tochter im Kindersitz, an die Scheiben prasselt der Regen. Als ob die Wildnis da draußen einem hier drinnen nichts anhaben kann. Doch dann rollt der Wagen in ein verwaistes Autokino, die Fahrerin steigt aus, ein Mann im Regenmantel schießt ihr in den Kopf, das Kind rennt davon. Der Kangoo vermittelt den Eindruck einer kugeldurchsiebten Siedlerkutsche in einem Western.

Ein neuer, ein letzter Fall für Hanns von Meuffels (Matthias Brandt). Es geht um den Zerfall einer Kleinfamilie, um Swingerklubsex und ein bisschen um die Liebe. Viele Fragen, viele Autofahrten, auch der Kommissar hat sich da eine eigene Welt auf Rädern um sich herum aufgebaut. Gleich zu Beginn stellt er einen Klassiksender ein, eine sonore Stimme verkündet: "Melancholia, Klaus von Tadden leitet Sie durch drei Jahrhunderte traurige Musik." Der Cop wird von mitfühlenden Streichern umarmt, er kann es gebrauchen. Gerade hat sich seine Lebensgefährtin, die Kollegin Constanze Herrmann (Barbara Auer) von ihm getrennt.

Ein Lagerfeuer, auf das der Regen niedergeht

In zwei "Polizeiruf"-Folgen war diese Herrmann, trockene Kommentatorin des Morbiden und halbtrockene Alkoholikerin, bereits an Meuffels Seite. Es knisterte bei den beiden immer wie ein Lagerfeuer, auf das der Regen niedergeht. Ob die beiden Ermittler nun zum Abschied von Matthias Brandt nach 15 Einsätzen beim Münchner "Polizeiruf" doch noch ein Happy End bekommen?

Die Folgen mit der Meuffels-Flamme waren vom Autorenfilmstar Christian Petzold inszeniert worden; in der einen baute er die Fallanordnung zu einem Mord im Mittelstandsmilieu auf einer Modelleisenbahnplatte nach, in der anderen öffnete er mit einem Werwolf-Szenario den Krimi ins Fantastische. Miniaturisierung und Überhöhung, das geht bei dem Deutschland-Ausdeuter Petzold ("Wolfsburg") gut zusammen.

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Matthias Brandts letzter "Polizeiruf": Liebe geht über Leichen

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Das Finale von Meuffels inszeniert der Filmemacher nun als Hommage an das Ermittlerkino, oder sagen wir ruhig: an den geliebten, an den gehassten deutschen Fernsehkrimi. Zu Zeugen fahren, im Auto dialogisieren, Tatortfotos zeigen - der Plot ist um Tätigkeiten gebaut, für die TV-Krimis gerne belächelt werden. Aber wie Petzold all das Rumfahren und das Rumreden inszeniert, das hat man so noch nicht gesehen.

Flotter Dreier, aber zu viert

Zur Aufklärung des Falles wird Meuffels eine Absolventin der LKA-Schule (Maryam Zaree aus "4 Blocks") zur Seite gestellt, unter anderem führen die Spuren in den Pärchenklub "Zwanglos zwei", in dem ein kompromittierendes Sexfoto aufgenommen wurde. Ermittlerin: "Eine Frau, die vaginal, anal und oral penetriert wird, ein sogenannter Dreier." Ermittler: "Wie bitte? Nach Ihrer Beschreibung müssen das vier gewesen sein." Ermittlerin: "Stimmt. Ich habe die Frau vergessen."

Jeder noch so banal erscheinende Sprechakt öffnet hier einen doppelten Boden; jede eingeübte, aus anderen Krimis bekannte Rhetorik wird lustvoll gebrochen. Etwa wenn der olle Meuffels erkennt, dass die junge, beflissene Kollegin ihn mit Tricks aus der LKA-Ausbildung in einen Dialog verstricken will: "Das ist doch scheiße, das ist ja wie im Fernsehen." An anderer Stelle heißt es: "Die Welt ist nicht immer wie 20 Uhr 15."

Ist sie nicht? Ist sie eben doch. Christian Petzold sagte mal, dass für uns Deutsche das Fernsehen das sei, was für die Amerikaner die Aircondition ist. Ein Gerät, so könnte man den Vergleich deuten, das beständig eine etwas sauberere Wirklichkeit in unsere Wohnzimmer bläst. Nun - mit einem "Polizeiruf", der den genialen Titel "Tatorte" trägt - verdichtet Petzold dieses öffentlich-rechtliche Wirklichkeitssurrogat, um daraus umso grausamere Wahrheiten zu filtern.

Suizidexperimente mit Schmusesoul

Eine dieser grausamen Wahrheiten: Liebe geht über Leichen. Einmal ruft Meuffels seine alte Flamme und Kollegin an, um mit ihr geradezu euphorisiert über perverses Fotobeweismaterial zu philosophieren. Wenn man sich auch sonst nichts mehr zu sagen hat, das Kranke der anderen ist immer guter Gesprächsstoff. Ein anderes Mal telefonieren die beiden miteinander und hören dabei auf der jeweils eigenen Anlage denselben Song der Four Tops; Hermann, die noch arbeitet, stellt zum Schmusesoul gut gelaunt einen Suizid nach und legt sich probehalber eine Schlinge um den Hals.

Dieser "Polizeiruf" über letzte Ermittlungen, lange Autofahrten und unendliche Sehnsucht ist Krimikunst in Vollendung und die endgültige Menschwerdung der Fernsehfigur Meuffels. Abgang Brandt, auf traurige Streicher am Ende wird verzichtet.

Bewertung: 10 von 10 Punkten


"Polizeiruf: Tatorte", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Foto: SWR/Daniel Dornhöfer
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