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"Polizeiruf" mit Maria Simon: Die Apokalypse wird kommen

Foto: rbb/ Oliver Feist

"Polizeiruf" über Apokalyptiker Demokratie im Dämmerzustand

Mehr Gesellschaftsreport als Krimi: An der deutsch-polnischen Grenze warten Aussteiger auf den Weltuntergang. Der "Polizeiruf" zeigt Menschen im Aufstand gegen die Verhältnisse - und vereinfacht unzulässig.

Das Ende der Welt naht. Vorher gibt es aber noch mal besonders frischen Fisch, mit der nackten Hand gefangen, direkt aus dem Gewässer vor dem Bauernhaus. Olga Lenski (Maria Simon) und Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel) greifen die von Zuchtdeformationen freien Vorzeigeexemplare aus dem morastigen Wasser. Das Glück, so wie es uns ansonsten sehr düstere "Polizeiruf 110" zeigt, ist ein zappelndes Fischchen aus dem Biotümpel.

Die Kommissarin wurde in ihrer Stadtwohnung nachts von Einbrechern heimgesucht und schlafend auf dem Handy gefilmt; auf dem Land sucht die Traumatisierte nun Schutz vor der anonymen Bedrohung, der sie sich in der Stadt ausgesetzt fühlt. Auf die Frage, wer etwas gegen sie haben könne, antwortet sie: "Niemand und alle".

Lenskis Gastgeber Kohlmorgen hat sich gegen solch anonyme Bedrohung schon lange gewappnet. Er ist ein sogenannter Prepper (abgeleitet von "to be prepared", vorbereitet sein), der auf seinem autark betriebenen Hof auf Katastrophen aller Art eingestellt ist. Vor der Tür klappert ein Windrad, das Strom erzeugt, im Keller lagern Konserven und Nudeln für mindestens ein Jahr. Und die Kinder werden Zuhause unterrichtet; in der Schule bringt ihnen niemand bei, wie man den Weltuntergang überlebt.

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"Polizeiruf" mit Maria Simon: Die Apokalypse wird kommen

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Sympathisch, auf welch selbstverständliche Weise die Filmemacher davon erzählen, wie zwei beschädigte Seelen zueinander kommen, wie Lenski trotz ihrer diffusen Ängste beim eigenwillig ausgestatteten Apokalyptiker für einen kurzen Moment Geborgenheit findet. Eine Romanze zwischen Versehrter und Freak, die ohne jeden politischen oder psychologischen Kommentar daherkommt.

Deutschland soll im Chaos versinken

Regisseur Matthias Glasner versteht es, Fernsehformate zu weiten und sie aus den üblichen öffentlich-rechtlichen Stützkorsetts zu lösen. Er dreht ohne Sicherheitsnetz. Die letzte Folge des "Tatort"-Ermittlers Cenk Batu etwa, in der es um die Ermordung des Bundeskanzlers ging, inszenierte Glasner einst als ballistisches Ballett, und gerade wurde er für seinen alle pädagogische Erklärmaßnahmen deutscher TV-Geschichtsstunden hinter sich lassenden Flucht-Zweiteiler "Landgericht" mit dem Grimme-Preis geehrt. Der Apokalyptiker-"Polizeiruf" nach einem Drehbuch des Bühnenautors Mario Salazar ("Die Welt mein Herz") läuft nun allerdings riskant ins Leere.

Denn Glasner und Salazar wenden das Thema Weltuntergang von der zaghaften Annäherung ins satte Gesellschaftspanorama. Bald wird an allen Ecken der Welt, so wie wir sie kannten, gezündelt. Über die Ex-Ehefrau des Preppers geraten wir an eine Gruppe von jungen Leuten, die auf einem verlassenen Anwesen daran arbeiten, Deutschland den Strom abzustellen, um dann Land ins Chaos zu stürzen. Demokratie im Dämmerzustand, gefährlich.

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Der Anführer (Dimitrij Schaad) nennt sich Ulysses und deklamiert vor dem an die Wand gesprayten Spruch "Democracy dies in darkness" Sprüche, die ein bisschen zu sehr nach deutschem Sprechtheaterdonner klingen. Etwa - oha! - diesen: "Der Staat steht vor meiner Tür und will, dass ich gehorche." Oder - potz Blitz! - jenen: "Ich habe mich niemals deiner Regierung unterworfen."

Wir erfahren, dass die Truppe, die in der Walachei des deutsch-polnischen Grenzgebiets manisch auf ihre Computertasturen hackt, das gesamte Stromnetz des Landes lahmlegen will. Wir erfahren allerdings nicht, welchem ideologischen Hintergrund ihre Zerstörungswut entspringt.

Einfach nur zu sensibel für diese Welt?

Regisseur Glasner selbst nennt seinen "Polizeiruf" einen "Film über eine Handvoll Menschen, die zu sensibel sind für diese Welt." Das ist eine schöne Umschreibung für den zarten Anfang des Krimis, aber eine fahrlässige Verallgemeinerung für den krawalligen zweiten Teil, wo Themenkomplexe wie Selbstoptimierung, Konsumgesellschaft, Wachstumsdiktat aufgerufen werden.

Statt ins Konkrete zu gehen, was die gesellschaftlichen Bedingungen mit den Figuren anstellen, fährt Glasner das große Sujet aufs psychologische Klein-Klein runter: Die Angst vor dem Weltende ist einfach nur eine Erschöpfung von der Welt, die apokalyptische Stimmung Folge einer klinischen Depression. Diese Analogie hat fatale Folgen, als sich die Geschichte zuspitzt und auf einmal von Tötung auf Verlangen erzählt. Der Freitod, so viel müssen wir an dieser Stelle über das Ende verraten, wird hier als Möglichkeit in die Handlung integriert, sich den Überforderungen durch die Hochgeschwindigkeitsgesellschaft zu entziehen.

Eine Vereinfachung, die eine Kapitulation vor dem ambitionierten Thema darstellt. Zum Schluss fühlt sich dieser Krimi an wie der kollektive Suizid aller am Film Beteiligten.

Bewertung: 4 von 10 Punkten


"Demokratie stirbt in Finsternis", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD


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