RBB-"Polizeiruf" über Schulattentat Wir bomben uns zum Abi

Schulleiterin im Stellungskrieg, Schüler in Bombenlaune: Der Brandenburger "Polizeiruf" führt direkt in die Bildungsschlacht. "Fack ju Göhte" auf öffentlich-rechtlich.

ARD

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Der Mensch ist ein Tier. Der Schüler ist ein Raubtier. "Wenn sie Schwäche zeigen, rächt sich das", sagt Schulleiterin Bärbel Strasser. In ihrem Büro ist gerade eine selbstgebastelte Rohrbombe hochgegangen, eine Kollegin wurde schwer verletzt, Strasser zeigt sich wenig beeindruckt. Für die Rektorin war die Explosion offensichtlich ein akzeptabler Kollateralschaden im Kampf gegen Schlendrian und Leistungsverweigerung. Ihr süffisantes Lächeln legt sie auch nicht ab, als ihr die beim Anschlag verletzte Hand verbunden wird. Eine Kriegsverletzung, eine Auszeichnung.

Gespielt wird die Schulleiterin im Stellungskrieg von der wunderbaren Corinna Kirchhoff, die nur wenige Gesten und Worte braucht, um anzuzeigen, dass die von ihr gespielten Figuren den Rest der Welt als Zumutung empfinden. Im Kölner "Tatort" stellte sie sich unlängst als empörtes Muttertier vor ihre Filmtochter, einem Gewaltmonster, das nur die Mutter selbst für ein Unschuldslamm hielt. Im Brandenburger "Polizeiruf" sieht Kirchhoff als Schulleiterin nun wiederum in jedem Schüler ein potenzielles Gewaltmonster.

Kirchhoffs Oberstudienrätin streift mit resolutem Schritt durch ihr Revier, faltet Jugendliche zusammen, bringt Lehrkräfte auf Linie und sortiert mit jovialem Lächeln Referendarinnen aus, die sie als zu schwach für das Unterrichten empfindet. Schule ist nichts für Weicheier.

Eine Schule voller potenzieller Täter

"Wir haben 489 Schüler, 34 Lehrkräfte, und ich bin die Schulleiterin. Als Frau in einer Führungsposition müssen Sie hart im Nehmen sein", erklärt sie Hauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon), die das Bombenattentat aufklären soll. Nach Rechnung der Schulleiterin gibt es also mehr als 500 potenzielle Täter.

Eine drastisch zugespitzte Ausgangsposition hält dieser Schulkrimi, eine von der Komödie in die Tragödie gewendete, öffentlich-rechtliche "Fack ju Göhte"-Version. Doch anschließend wird die zum Ausnahmezustand führende Gemengelage aus unterschiedlichen Interessen aber genauer unter die Lupe genommen.

Es treten auf: Gymnasiallehrer, die nicht wissen, wie sie nach Umstellung vom neun- aufs achtjährige Gymnasium den notwendigen Stoff vermitteln sollen. Eltern, die ihre Kinder gegen alle äußeren und inneren Widerstände zum Abitur prügeln und, wenn es hart auf hart kommt, per Facebook zum Boykott der Schule aufrufen. Schüler, die unter dem Druck aus allen Richtungen zu Gewalttätern werden. Die Bombe im "Polizeiruf", so sieht es zwischenzeitlich aus, könnte auch gezündet worden sein, um gefürchtete Prüfungen aufzuschieben.

In deutschen Schulen tobt also eine Bildungsschlacht. Regisseurin Angelina Maccarone, die 2007 mit einem "Tatort" über Aleviten heftige Reaktionen hervorrief, und Drehbuchautorin Kristin Derfler tragen beflissen alle Aspekte zum Thema zusammen. Bald leidet der Zuschauer mit einzelnen Lehrern mit, bald hat er sogar Verständnis für die Kids, die ihre Lehrerinnen während des Unterrichts erniedrigen und diese Erniedrigungen mit dem iPad aufnehmen. Aber so bleibt man eben auch sehr ratlos zurück. Was tun? Leistungdruck rausnehmen? Eltern den Ehrgeiz austreiben? Lehrer auf Kur schicken? Schüler gewähren lassen?

Aus dem Schlamassel, das ist die unfreiwillige bittere Pointe dieses sich besonnen gebenden "Polizeiruf", finden wir uns irgendwann auf Seite der von Corinna Kirchhoff einnehmend jovial gespielten Direktorin und Diktatorin. Sie scheint die einzige, die dem Bildungs-, Organisations- und Ethikmangel Einhalt gebieten kann. Fack ju, Meute!


"Polizeiruf 110: Hexenjagd", 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 7 Beiträge
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Bondurant 14.12.2014
1. Die Kommissarin
trägt immer denselben maskenhaft starren Gesichtsausdruck, der auch unsere Familienministerin auszeichnet. Ich vermute, es handelt sich da um Krippenschäden.
tuttibratscher 14.12.2014
2. Polizeiruf-Teams?
Eigentlich wäre es ja wohl zumindest unter der Besprechung eines Polizeirufs angebracht, die anderen Polizeiruf-Teams aufzulisten und nicht nur die Tatort-Komissare.
Ekkehard Grube 15.12.2014
3. EINEN wichtigen Aspekt lässt die SPIEGEL-Rezension aus:
Ganz zum Schluss des Films antwortet die Direktorin auf die Frage der Kommissarin, ob sie schon mal überlegt habe, ob auch sie am Ende ihrer Kräfte sei: "Wenn man meint, man sei am Ende, hat man noch 40%." Daraufhin blickt Polizist Krause ihr versonnen nach und meint: "40% - weniger als die Hälfte." Mit knappsten Mitteln wird so ausgesagt, dass auch solche harten Typen wie die Direktorin irgendwann an ihre Grenzen stoßen und Hilfe brauchen werden. Wie die Direktorin dann langsam den Gang entlang geht, dachte ich, jetzt kommt als Schlusspointe, dass die zusammenbricht. Immerhin war vorher schon in einer ebenfalls ebenso kurzen wie intensiven Szene gezeigt worden, wie sie allein in ihrer Wohnung vor einem Schnapsglas sitzt und mit tränenerstickter Stimme kaum noch sprechen kann. Und ein Weiteres hat dieser Krimi gezeigt: Lest keine Vorabkritiken! In meiner Programmzeitschrift wurde der Film total verrissen. Nicht das erste Mal übrigens, dass der Eindruck, den ich von einem Film habe, deutlich von der Vorab-Rezension abweicht.
Ekkehard Grube 15.12.2014
4. Familien-Besetzung?
Ganz am Rande würde mich mal Folgendes interessieren: Ist Ludwig Simon (Darsteller des Tobias Lubkoll) Sohn von Maria Simon oder ihrer Schwester Susanna (ebenfalls Schauspielerin)? Ist Annie Maria Rose Lade (Darstellerin der Alma Lenski) das Kind von Bernd Michael Lade (Ehemann von Marian Simon und früher "Kommissar Kain" im Leipzig-Tatort an der Seite von Peter Sodann alias "Kommisar Ehrlicher")?
Ekkehard Grube 15.12.2014
5. Posting im richtigen Forum?
"niko.langmann 13.12.2014 Also, ich sehe PEGIDA auch als probates Mittel, um immigrantisch behintergründete Entartungen wie "Fack ju Göhte" aus der deutschen Kulturlandschaft zu tilgen. Ich wünsche der Bewegung gutes Gelingen!" Welchen Bezug hat das zu diesem Polizeiruf?
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