Hacker-"Polizeiruf" aus Magdeburg Lowtech-Cops in der Hightech-Falle

Im "Polizeiruf 110" aus Magdeburg machen die Ermittler Jagd auf Netz-Kriminelle und Öko-Terroristen. Schwierig, wenn man nicht mal ein Smartphone besitzt.

ARD

Von


"Die neue gelbe Gefahr": Mit diesem Slogan macht eine Aktivistengruppe im Netz gegen Genmais mobil, parallel werden in Magdeburg Anschläge auf Supermärkte verübt. Ins Visier der Ermittler gerät bald eine Website, die sich auf den Anarchisten und Kommunisten Max Hoelz beruft, der 1921 als Arbeiterführer in Sachsen die Märzkämpfe organisierte. Anarchy in Saxony.

Als die Polizisten den Betreiber der Seite, einen bärtigen Schlunz, der in einer Wohnwagensiedlung residiert, stellen wollen, humpelt der im Rentnertempo davon. Terrorismus geht anders. In der Verhörzelle erklärt der Ausbüchser den Ermittlern, die denken, sie hätten da einen großen Fisch gefangen: "Ich bin 60, ich schreibe ein Blog." Aber weshalb er denn weggehumpelt sei? Der Aktivist grinst und zeigt einen Joint. Bio, versteht sich, das Gras wurde selbst angebaut.

Dies bleibt leider die einzige Pointe in diesem "Polizeiruf" über Öko-Terrorismus und Netz-Kriminalität, in dessen Handlung ein wenig atemlos Magdeburger Prestige-Settings abgeklappert werden: Im brummenden Hafen der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt hat eine Bande 12.000 Smartphones im Gesamtwert von drei Millionen Euro geklaut, ein Wachmann wurde getötet; die Bombenanschläge auf die Supermärkte dienten offenbar nur dazu, die Kräfte der Polizei zu binden. Die Spur führt direkt zum Server im IT-Bereich der Magdeburger Uni, wo angeblich gerade eine Wunder-Software entwickelt wird.

Hacker-Thriller aus den Neunzigern

Die Kommissare Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Jochen Drexler (Sylvester Groth), kommunikationstechnisch beide eher Lowtech, lernen schnell, dass in der modernen Hightech-Gesellschaft wichtige Steuerungsvorgänge von jedem beliebigen Ort aus manipuliert werden können. Terrorismus der neuen Generation: Wer braucht Waffen, wenn er zentrale Sicherungssysteme austricksen kann?

Interessant. Das Problem ist, dass die Verantwortlichen für diese neue Art des Kampfes keine Erzählstrategie finden. Regisseur Stephan Rick ist einer dieser jungen Regisseure, die das Thrillerfach eigentlich aus dem Effeff beherrschen; mit seinem Debüt "Unter Nachbarn" hat er vor einigen Jahren einen amtlichen Home-Invasion-Thriller vorgelegt. Das Drehbuch zum "Polizeiruf" schrieb er mit Stephan Brüggenthies und Olaf Kaiser; drei Mann und ein Skript, das heißt in der Regel, dass es bei der Entwicklung Probleme gab.

Ein echtes Manko: Außer Studenten, die in ihre Computer hacken, und ratternde Zahlenreihen auf dem Screen, findet das Thema keine Bilder. Die eigentliche Ermittlerarbeit überlassen die Kommissare einem - natürlich asiatischstämmigen - Studenten, der wortkarg an seinem Laptop brütet. Das Ganze wirkt ein bisschen wie ein Hacker-Thriller aus den Neunzigerjahren. Brasch und Drexler sind die meiste Zeit allerdings sowieso offline. Und staunen und stöhnen.

Bewegung kommt nur ins Spiel, wenn die Polizisten auf dem Motorrad oder im Auto zwischen Servern und Handyshops hin- und herjagen. In einem Laden kauft Kommissar Drexler der telekommunikationstechnisch unterversorgten Kollegin ein Second-Hand-Phone für zehn Euro. Das reicht im MDR-"Polizeiruf" vollkommen, um in der Zukunft anzukommen.


"Polizeiruf 110: Eine mörderische Idee", Sonntag, 20.15, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

Mehr Artikel von Christian Buß

insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lemmy 07.11.2014
1. Zum Einschlafen
Ich fand dieses Ermittlerteam schon immer zum einschlafen. Außerdem muss ich jedes mal den Ton am Fernseher so laut stellen, wenn Claudia Michelsen spielt bzw. spricht, weil diese Schauspielerin nicht richtig sprechen kann. Sie flüstert meist total gepresst und undeutlich. Furchtbar. Im übrigen sind die Fälle auch total dröge, wie eben dieser auch.
RigmorU 07.11.2014
2.
@ lemmy, bitte besorgen Sie sich Hörgeräte. I like Claudia!
hschmitter 07.11.2014
3.
Und so ähnlich aufregend und lebensnah ist nahezu alles, was mir die ARD Sonntagabend anbietet und die Medien aus unerklärlichen Grund zum Kult erhoben haben wollen.
Freifrau von Hase 07.11.2014
4.
"Und so ähnlich aufregend und lebensnah ist nahezu alles" Bei uns in der Familie hat keiner ein Smartphone, das Handy ist nur für Notfälle da (ADAC anrufen z.B.) und - wir leben noch. Nur weil man sich nicht jedes unnützes Spielzeug andrehen lässt....
thcEthciNdniSneideMeiD 08.11.2014
5. Aha
Und man braucht noch gleich ein SPY-NSA-Fone (Smartphone) noch gleich genau wofür? Die entsprechende Software auf einem vernünftigen PC, ja, aber das Smartphone hat da wenig zu suchen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.