Rostock-»Polizeiruf« über Klassenkampf Vom Glück des Mordens

Sabine hört die Signale und macht sich auf zum letzten Gefecht: Der »Polizeiruf« zeigt eine ausgebeutete Mutter, die auf den Rachefeldzug geht. Der Krimi zu unserer Zeit.
Luise Heyer als Sabine: Sensationeller Entfesselungsakt

Luise Heyer als Sabine: Sensationeller Entfesselungsakt

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Christine Schroeder / NDR

So geht Glück im Rostocker »Polizeiruf«: Der trauernde Kommissar holt sich die Urne mit der Asche seines Vaters nach Hause, um mit Freunden im Vollsuff ein Fest zu Ehren des Verstorbenen zu feiern. Oder auch so: Eine gedemütigte Kantinenmitarbeiterin holt eine alte Pistole aus dem Schuhkarton unter der Küchenspüle hervor, um mit stolzem Blick zu einem Rachefeldzug aufzubrechen.

Wie so oft beim Rostocker »Polizeiruf«: ein Wahnsinnsplot. Der aber komplett aufgeht, weil sich die Verantwortlichen tollkühn in die Ambivalenzen des Stoffes schmeißen, um sich im richtigen Moment trocken aus der Schnapsseligkeit und der Schmerzensfreude ihrer Protagonisten zu lösen. Nur so kann es gelingen, dass man der Antiheldin dieses Krimis über eine weite Strecke dabei folgt, wie sie erst den Arschloch-Nachbarn, dann den Arschloch-Chef und schließlich den Arschloch-Bankberater tötet.

Die Ermittler auf dem Revier: das Gleichheitsgegaukel im Visier

Die Ermittler auf dem Revier: das Gleichheitsgegaukel im Visier

Foto: Thorsten Jander / NDR

Jede Empathie ist endlich. Dass wir so lange dranbleiben, ist auch der Schauspielerin Luise Heyer zu verdanken. Sie spielt die Episodentitelrolle dieses »Polizeirufs«: Sabine. Die junge Mutter arbeitet als Aufstockerin und Zeitarbeitskraft in der Kantine einer Rostocker Werft, die vor der Schließung steht, weil sie für die Finanzinvestoren nicht genug Rendite abwirft, obwohl die Arbeiter aus Angst vor der Arbeitslosigkeit schon auf große Teile ihres Lohns verzichten. Klassenkampf in MeckPom: Sabine hört die Signale und macht sich auf zum letzten Gefecht.

Griff zur Pistole

Heyers Darstellung ist ein sensationeller Entfesselungsakt: Erst sehen wir, wie ihre Sabine sich vom Schnösel-CEO auf der Werft zurechtweisen lassen muss, wie man Selters einschenkt. Dann sehen wir sie, wie sich die junge Mutter von einer Lehrerin erklären lassen muss, dass sie nicht über das nötige geistige und finanzielle Kapital verfüge, um ihren Sohn bei seinem Weg aufs Gymnasium zu unterstützen.

Vom Erdulden zum Aufbegehren ist es ein kleiner Griff unter die Küchenspüle, wo eine alte Pistole verstaut ist: Auf einmal scheint Sabine das Heft des Handelns in der Hand zu haben. Wo sie sich vorher geduckt durch alle Zumutungen geschleppt hat, da schreitet sie nun mit beinahe heiterer Miene von Peiniger zu Peiniger. Dies ist eine Geschichte über das Glück des Mordens.

Das Drehbuch über den Fall einer eskalierten Selbstermächtigung stammt von Florian Oeller, der einige der besten Rostocker »Polizeirufe« geschrieben hat. Etwa den handfesten Milieuschocker »Fischerkrieg« oder den Rechtsruck-Thriller »In Flammen«, in dem die Ermittler auf schmerzhafte Tuchfühlung mit Neu- und Altnazis gingen. In »Sabine« wird das Publikum nun rigoros in die Perspektive der Mörderin gezwungen, um dann die größeren Zusammenhänge reflektieren zu müssen.

»Sabine« handelt von jenem gesellschaftlichen Spaltungsprozess, der heute unter dem neuen Schlagwort »Klassismus« diskutiert wird. Grob geht es um die Frage, die auch junge Autoren wie Julia Friedrichs  (»Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können«) oder Christian Baron  (»Ein Mann seiner Klasse«) umtreibt: Wie wird die Schicht der Prekären trotz aller vollmundigen Bildungs- und Aufstiegsversprechen in ihrem prekären Status gehalten?

Eine Frau ihrer Klasse

Erst am Mittwoch hat das Statistische Bundesamt einen Datenreport veröffentlicht, der deutlich macht, dass Corona die soziale Ungleichheit noch mal massiv und nachhaltig verstärkt . Demnach geraten gerade alleinerziehende Geringverdiener wie Sabine immer weiter ins gesellschaftliche Abseits. Im »Polizeiruf« sieht das dann so aus: Der Banker schaut gespielt mitleidig, wenn er der Aufstockerin einen Minikredit verweigert. Die Lehrerin verkauft die verweigerte Gymnasialempfehlung als Akt der Anteilnahme. Sabine bleibt eine Frau ihrer Klasse. Nämlich der untersten.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Gefangen in der eigenen Herkunft: Das gilt auch für Kommissar Bukow (Charly Hübner), der seinen Vater in der Urne mit sich rumträgt und mal wieder mit dem eigenen familiären Versagen konfrontiert ist. Regisseur Stefan Schaller, der zuvor bereits den fordernden Schwarzwald-»Tatort« über einen Schizophrenen mit deutschen Schlagern inszeniert hat, findet für alle widersprechenden Gefühle den richtigen Ton. Lieder von Ton, Steine, Scherben und Münchner Freiheit werden in die Handlung gestreut wie Asche in den Wind.

Bukow und Kollegin König (Anneke Kim Sarnau) tapsen, tanzen und trinken sich hier immer näher aneinander ran. In der schönsten Szene liegen sie sich bei der Abschiedssause für Bukows Vater in den Armen und singen auf der Karaoke-Anlage des Alten Rio Reisers »Halt Dich an Deiner Liebe fest« .

Um sich an ihr festzuhalten, muss man sie aber natürlich erst einmal finden. Das ist das Wunderbare an dem Rostocker »Polizeiruf«: dass er trotz des pessimistischen Panoramablicks auf die Welt, wie er jetzt auch wieder bei »Sabine« zum Wirken kommt, die Hoffnung aufkommen lässt, da gehe vielleicht doch noch was. Mit der Liebe, der Solidarität, dem Wir.

Bewertung: 10 von 10 Punkten

»Polizeiruf 110: Sabine«, Sonntag, 20.15, Das Erste

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