Tiefkühl-"Polizeiruf" aus Magdeburg Liebe, gefrostet

Ein Pflegekind wird ermordet, die Ermittlerin greift zur Flasche: Gegen das geballte Elend im Magdeburger "Polizeiruf" kann auch der Reihenhauscharme von Neuzugang Matthias Matschke nichts ausrichten.

MDR/ Christine Schroeder

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Wie wollen Sie ihren Kollegen in Erinnerung bleiben, wenn Sie mal Ihren Schreibtisch geräumt haben? Eine Flasche Whisky ist vielleicht nicht das schlechteste Vermächtnis. Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) findet sie im Schreibtisch des abgetretenen Kollegen Drexler; in einer besonders tristen Nacht im Laufe einer besonders tristen Ermittlung setzt sie sich die Buddel an den Hals und leert sie mit imposanten Schlucken.

Volllaufenlassen gegen den Frust. Wer könnte es der MDR-Ermittlerin verdenken? Wer könnte es der MDR-Redaktion verdenken? Die Fernsehkrimi-Produktion ging den Verantwortlichen der großen, über lange Strecken glücklosen ARD-Anstalt ordentlich an die Nerven.

Ein Desaster jagte in den letzten zwei Jahren das nächste. Das Leipziger "Tatort"-Revier wurde geschlossen, ein Erfurter "Tatort"-Revier eröffnet - und sofort wieder geschlossen, da sich die jungen Darsteller derart schämten, dass sie sofort wieder ausgestiegen sind. Der Hallenser "Polizeiruf" wurde geschlossen, ein "Polizeiruf"-Revier in Magdeburg eröffnet - und schon nach vier Folgen stieg Drexler-Darsteller Sylvester Groth enerviert wieder aus.Groth hatte offensichtlich Probleme mit den nicht immer ganz treffsicheren Drehbüchern.

Von Tiefkühltruhe zu Tiefkühltruhe

In der neuen Folge wird der trockene oder eben doch nicht ganz trockene Alkoholiker Drexler nun abgelöst von einem Kollegen namens Dirk Köhler. Und so sozial unverträglich sich Drexler aufführte, so menschlich engagiert gibt sich jetzt der Neue. Gespielt wird der von Matthias Matschke. Der Humor-Tausendsassa ("Ladykracher"! "Pastewka"! "heute show"!) hatte ja schon zuvor den Wechsel ins Spannungsfach gewagt, im ZDF-Samstagskrimi "Helen Dorn" gab er an der Seite der depressiv verwahrlosten Anja Loos den bürokratisch beflissenen Sidekick. Ein Krimi wie eine Tiefkühlpizza.

Von der ZDF-Tiefkühltruhe geht es nun in die MDR-Tiefkühltruhe; der Magdeburger "Polizeiruf" kommt ja ähnlich gefrostet und grimmig daher wie der Downer-Krimi mit Dorn. Umso reizender die Rolle, mit der nun Matschke die schlechte Laune und das schlechte Benehmen in Magdeburg aufzumischen versucht. Sein Kommissar Köhler ist ein aufgeräumter Bartträger mit Kindern, der sämtlichen Psychostress der Kollegen mit heiterer Miene und aufrechter Anteilnahme begegnet.

Nützt alles nichts. Das Elend-Ost-Szenario in der Folge "Endstation" (Buch: Stefan Rogall nach einer Idee von Michael Gantenberg) ist derart unheilvoll aufgeladen, dass ein glücklicher Ausgang von Anfang an unmöglich erscheint. Das Pflegekind eines Wäschereiehepaares wurde erschlagen aufgefunden, den Ermittlern offenbart sich ein Haufen fatal ineinander verschränkter Liebes- und Loyalitätskonflikte.

Gefrierbrand im Kleinbürgerglück: Wie kann dieser Tiefkühlkrimi aufwühlend sein, wenn alles so vorhersehbar fatal, oder genauer: so fatal vorhersehbar inszeniert ist. Regisseur Matthias Tiefenbacher, der vor allem Lustiges wie drei mal mehr, mal weniger geglückte Münster-"Tatorte" in seiner Filmographie stehen hat, inszeniert die Pflegefamilientragödie als allzu aufdringliches Elends-Patchwork, in der sämtliche Beteiligte in voller Lautstärke ihr Leiden in die Kamera schreien.

Nur Matschke als Köhler bleibt konziliant. Mit Reihenhausbesitzerlächeln versucht er zu retten, was zu retten ist. Das ist in dieser Folge nicht viel. Den Frust spülen wir mit einer Flasche Whisky weg.

Bewertung: 4 von 10

"Polizeiruf 110: Endstation", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
bonngoldbaer 27.05.2016
1.
"derart unheilvoll aufgeladen, dass ein glücklicher Ausgang von Anfang an unmöglich erscheint." Na und? Ist es etwa die Aufgabe von Krimis, den Zuschauern ein unrealistisches Happy End zu servieren? Oder die Illusion, dass so ewas möglich sein könnte?
cafe-wien 27.05.2016
2. Große Skepsis gegenüber Matschke
Ich bin mehr als skeptisch, dass der Versuchskomödiant Matthias Matschke wirklich den hervorragenden Schauspieler Sylvester Groth ersetzen kann. Dazu fehlt ihm eigentlich die Klasse. Werde es mir aber natürlich zu Gemüte führen, denn auch die Ansicht erbärmlichen Scheiterns kann ja erkenntnisreich sein. Insofern bin ich gespannt.
ed_tom_bell 27.05.2016
3. Im Osten was Neues?
Aufforderung zum Alkoholkonsum, Herr Buß? Noch dazu um sich den "Polizeiruf" schön zu saufen? Damit ist für den berühmten gesellschaftlichen Auftrag schonmal gesorgt. Bin dabei, zumal ich den Magdeburger "Polizeiruf" bisher, wenn auch nicht überragend, so doch wenigstens streckenweise ganz gut fand. Frau Michelsen ist natürlich sowieso über jeden Verdacht erhaben.
Dramaturgenfrau 27.05.2016
4. Ach, du Grüne Neune !
"Kommissar Köhler ist ein aufgeräumter Bartträger mit Kindern" - Das lässt Schlimmstes erwarten. Ich erinnere mich an den laufenden Meter Boris Aljinovic alias Felix Stark im Berliner Tatort: Ein unsäglicher Familiendaddy und Weichspüler, der auch noch andauernd seinen elenden pc-konformen Familyrubbish zum Besten gab. Wenn ich sowas lese, weine ich jetzt schon Sylvester Groth nach!
Lupus46 30.05.2016
5. Spiel mit Klischees
Egal ob Tatort oder Polizeiruf: Warum müssen in sovielen Krimis die Chefs immer solche Trottel sein?? Die Einführung eines neuen Kollegen kann doch nicht soo diletantisch ablaufen? Und warum sind die Ermittler / innen so stereotyp?? Das ist zum Wegaschalten. Und der Fall war ja sowas von vorhersehbar...... Kriegen die für die Drehbücher eigentlich Geld?? Fazit: Gepflegte Langeweile und der Beste war noch Matthias Matschke!
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