Irrer "Polizeiruf"-Zweiteiler Krank hoch vier

Der doppelte Wahnsinn: In einem "Polizeiruf"-Zweiteiler trifft das Rostocker auf das Magdeburger Team. Was für ein Haufen kranker, verkorkster, liebesbedürftiger Cops. Leider potenzieren sich mit den Psychoticks auch die Plotschwächen.

NDR/ Christine Schroeder

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"Wir beide Sex?" Amtshilfe war niemals alberner als in dem Moment, in dem der ewige Stenz Pöschel (Andreas Guenther) aus Rostock mit seiner Magdeburger Kollegin Brasch (Claudia Michelsen) Konversation betreibt. Sie auf seine Frage: "Bitte!?" Er: "Na wir beide waren beide beim SEK. Wir sind beide SEKs." Danach muss Pöschel dann einem Verdächtigen hinterherrennen, und er tut das mal wieder so, als habe er zu viele Cop-Thriller mit dem jungen Gene Hackman geschaut. Geliebter Idiot.

Zwei "Polizeiruf"-Teams in einem Krimi, das verspricht zweifaches Chaos. Nachdem fast zeitgleich in Rostock und Magdeburg zwei Menschen getötet wurden, müssen die Ermittler sich zusammenraufen und untersuchen gemeinsam ein Verbrechen, das zu Treuhandverbrechen in den frühen Neunzigerjahren und zu Waffengeschäften in der Gegenwart führt.

Die Doppelkonstruktion mit zwei Polizeiteams ist ja eine gewagte Sache; schon zweimal, im Jahr 2000 und 2012, trafen das Kölner und das Leipziger "Tatort"-Revier aufeinander. Das war Bräsigkeit mal zwei. In dem "Polizeiruf"-Zweiteiler "Wendemanöver", der diesen und nächsten Sonntag ausgestrahlt wird, wird hingegen der Wahnsinn verdoppelt. Regie führte Eoin Moore, quasi Head-Autor des Rostocker Teams.

Welche wunderbare Wendungen es hier doch gibt: Der zuvor so unberührbare Kommissar Drexler (Sylvester Groth) etwa steigt mit einem Verdächtigen ins Bett. Ein effektsicheres Coming-out der Ermittlerfigur, das als kleines, heftiges, visuelles Poem daherkommt. Danach kaut Drexler unterkühlt sein Graubrot und hält die Welt wieder auf größtmöglichem Abstand.

Tofu-Tussi mit Dienstmarke

Generell könnten die Zärtlichkeitsattacken in diesem Krimi nicht unerwarteter kommen. Lieblingsszene: Katrin König (Anneke Kim Sarnau), die Profilerin mit Öko-Touch, verhört einen Verdächtigen, der eine Firma zur alternativen Energiegewinnung leitet und einen sexy Sportwagen mit Elektromotor fährt. Und während der Mann charmant von Recycling und Upcycling plappert, kriegt die sonst so taffe Tofu-Tussi einen fiebrigen Blick. Auf die Frage, wie denn Herr Sowieso gestorben sei, haucht König schließlich wie verliebt: "Ermordet."

Das Timing in diesem "Polizeiruf" ist zum Teil wunderbar aberwitzig. So auch in der Szene, in der Kommissar Bukow (Charly Hübner), der mal wieder suspendiert ist, die Polizeipsychologin zu einem Unbedenklichkeitsattest zu überreden versucht. Er überreicht einen riesigen Blumenstrauß, in dem ein Fünfhunderteuroschein steckt. Sie: "Meinen Sie, dass ich so billig bin?" Er: "Nein, aber Sie schauen doch auch sonst tiefer." Suchender Blick ins Bouquet, in dem dann noch ein zweiter Schein steckt.

Doch so lässig getaktet diese Ermittlerauftritte sind, so ungelenk rattert der Plot durch die drei Stunden (Buch: Anika Wangard und Eoin Moore; Buchvorlage: Thomas Kirchner). Es ist nicht so sehr die Unübersichtlichkeit, die stört, sondern vielmehr die Unschärfe in der Haltung der Erzähler gegenüber ihren Sujets. Wendekriminalität, Kriegsgerät, die Erwähnung muss reichen, um eine unheilvolle Stimmung zu schaffen. Am Ende wird dann alles umständlich erklärt, komplex ist der Stoff trotzdem nicht.

Als Polit-Panorama auf drei Stunden ist dieser "Polizeiruf" misslungen, für die einzelnen irren Auftritte der Ermittler rechnet sich das Zeitinvestment trotzdem. Wahnsinn, potenziert. Oder wie sagt Protz-Polizist Pöschel, als er vom suspendierten Bukow den Job übernimmt: "Die Leitung des Falles liegt bei mir, ist also in guten Händen." Dann rüttelt er hilflos an der Balkontür, die er nicht aufbekommt.

Bewertung: 6 von 10 Punkten.


"Wendemanöver", diesen und nächsten Sonntag 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Seite 1
hermes69 25.09.2015
1. Gab es in den letzten 10 jahren
eigentlich nur 1 deutschen Tatort/Polizeiruf etc. OHNE irgendwelche, ausgelutschten Psychoschwächen der Darsteller? Scheidung - am saufen - Depressiv - kriegt nix mehr auf die Reihe etc. Man kann die Uhr danach stellen. Naja, ich schau mir den Mist nicht an, obwohl ich die zwei männlichen Akteure als Schauspieler eigentlich sehr schätze.
blabla55 25.09.2015
2. Weg damit.
Eine riesengrosse Industrie,Polizeiruf,Tatort usw aber der Zwangsabonnent Zwangsabonnent der Öffentlich-Rechtlichen zahlt ja.
rebelonline 25.09.2015
3. Gut
das es solche Formate noch gibt und noch nicht vom Trash-TV verdrängt wurden. Ich finde die deutschen Krimireihen gut und hoffe, dass ich Sonntags von Castingshows verschont bleibe. Sollte sich das ändern, gibt es immer noch die Möglichkeit, den Stecker zu ziehen.
mikefromffm 25.09.2015
4. Weg Damit?
Die Menschen, die dafür zahlen, schauen gerne den Tatort an, wenn man sich die Quoten anschaut.
cafe-wien 27.09.2015
5. Wie ARD-Redakteurinnen sich Spannung vorstellen
Man kann schon froh sein, wenn sich Redakteurinnen, Drechbuchautoren und Regisseure an die Charakter-Guidelines halten, die für die Tatort- und Polizeirufdarsteller ausgegeben sind. Aber auch einen Buckow muss man nicht so holzschnittartig zeigen, dass er in fast jeder Folge "suspendiert" ist. Und das Groth jetzt den Schwulen mimen soll, ist wieder so ein lächerlich reflexhafter pc-Einfall, wie ihn eben nur saturierte Redakteurinnen an ihren teuren Mahagonischreibtischen auf ihren noch teureren Gesundheitsbürostühlen haben können, wenn sie aufstehen, um sich von ihren teuren Espressomaschinen einen Latte Macchiato machen zu lassen. Das alles hört sich nach einem Klischee nach dem anderen an. Und es ist ein dramaturgisches Verbrechen, zwei atmosphärisch und charakterlich völlig unterschiedliche Teams zusammen spielen zu lassen! Gerade die Unterschiedlichkeit macht für den Zuschauer Spaß, wenn sie in ihrem jeweiligen Umfeld belassen wird - sie macht keinen Spaß, wenn man die verschiedenen Charaktere und Atmosphären alle in einen Sack wirft, durchschüttelt, und hofft, das dabei was "ganz Spannendes" rauskommen möge - so, wie sich eben auf 08/15 geeichte und über Zwangsgebühren bis zur Kiste vollabgesicherte Redakteurinnen "Spannung" vorstellen. Tut es nämlich nicht, liebe Redakteurinnen der ARD! Ich meinerseits will eine Claudia Michelsen nicht neben einem Buckow sehen! Ich will mir einen Groth - Frauentyp übrigens, liebe Mahagoniredakteurinnen! - nicht als Schwulen vorstellen! Was soll also dieses Leipziger Allerlei? Ist das wie sich ARD-Intendanten sparen vorstellen? Nein? Was soll das dann also? Einfach nur sinnlos!
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