Letzter "Polizeiruf" vor der Sommerpause Geliebter Serientäter

Schluss mit Scheusal: König und Bukow treffen im letzten "Polizeiruf" vor der Sommerpause zum zweiten Mal auf den Frauenhasser Wachs - ein Krimi, der die losen Enden der letzten Folgen effektvoll zusammenbindet.
Kommissar Bukow (Charly Hübner) räumt auf - Szene aus "Der Tag wird kommen"

Kommissar Bukow (Charly Hübner) räumt auf - Szene aus "Der Tag wird kommen"

Foto: Christine Schroeder/ NDR

Man sieht sich immer zweimal. Und beim zweiten Mal wird es meist noch ein bisschen blutiger. Längst ist es zur schönen Tradition im ARD-Sonntagskrimi geworden, dass besonders ans Herz gewachsene Gewalttäter einen Folgeauftritt bekommen. Nach Lars Eidinger als theatralischer Stalker Kai Korthals im Kiel-"Tatort" und Florian Bartholomäi als zärtliches Monster Markus Graf im Dortmund-"Tatort" kehrt nun Peter Trabner als misogynes Oberscheusal Guido Wachs zurück in den Rostocker "Polizeiruf".

Wachs war der - Achtung, Profilersprech - "wütende Vergeltungsvergewaltiger" in der Folge aus dem November 2018, den die Rostocker Ermittler nur dadurch hinter Gitter bringen konnten, weil sie ihm eine Tat anhängten, die er gar nicht begangen hatte. Da saß am Ende der Episode der Richtige im Gefängnis - aber aus den falschen Gründen.

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Voll in die Visage

Foto: Christine Schroeder/ NDR

Nun gehört es zu der kranken Logik von Psychopathen, dass sie selbst zwar ihren abscheulichsten Trieben freien Lauf lassen, bei anderen aber geradezu kleinkariert auf Korrektheit pochen. Seit Hannibal Lecter gehört Rechthaberei zur unangenehmsten Eigenschaft unserer geliebten kranken Serientäter.

Verrat an den eigenen Idealen

Und so werden wir im neuen "Polizeiruf" Zeuge, wie der bibelfeste Wachs in seiner Zelle lange pastorale Briefe an König (Anneke Kim Sarnau) verfasst, in der er die Kommissarin auffordert, endlich zu bekennen, dass sie ihn nur durch die Verletzung aller rechtsstaatlichen Prinzipien dingfest machen konnte. Die Ermittlerin selbst wird von schweren Schuldgefühlen geplagt, weil sie im Fall Wachs tatsächlich ihre eigenen Ideale verraten hat.

In einer Szene sehen wir König aus der Perspektive der Zimmerdecke, wie sie sich nachts auf ihrem Bett hin- und herschmeißt. Offenbar wird sie dabei mittels einer Infrarotkamera von einem unbekannten Mann beobachtet, hinter flimmerndem Bildschirm hockt eine schattige Gestalt. Ein Motiv, wie man es aus dem klassischen Home-Invasion-Horror kennt.

Kartoffelsalat mit dem kleinkriminellen Vater

Kollege Bukow (Charly Hübner) sieht zwar, dass die Kollegin an dem Fall Wachs und einem weiteren, noch ungelösten Frauenmord zu zerbrechen droht. Doch er kommt mit Schutz und Beistand nicht recht hinterher, weil sein kleinkrimineller Vater Veit (anrührend gut: Klaus Manchen) an Krebs erkrankt ist und nun auch noch einen letzten großen Coup plant. Bei Kartoffelsalat bittet der Alte den Jungen, ihm noch einmal beim Boxen zuschauen zu dürfen. Ein Motiv, wie man es aus handfesten Milieu-Thrillern kennt.

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Der Rostocker "Polizeiruf" ist ja schon immer ein schönes Beispiel dafür gewesen, wie viele Dinge sich gleichzeitig erzählen lassen. Schöpfer Eoin Moore, der auch bei der aktuellen Episode Regie führte, hatte den MeckPom-Krimi von Anfang an als horizontale Erzählung angelegt, bei der sich verschiedene Nebenhandlungen über unterschiedliche Fälle ziehen sollten. In der letzten Folge sind diese Subplots arg leger gesponnen worden, da scheint die Redaktion ein bisschen den Überblick verloren zu haben.

Nun müssen diese Seitenstränge wieder gebündelt werden. Die Folge "Der Tag wird kommen", der letzte "Polizeiruf" der ARD-Krimisaison 2019/2020, ist in vielerlei Hinsicht ein Finale.

Königs Falschaussage gegen den Vergewaltiger und Mörder, Bukows heikles Verhältnis zu seinem unverbesserlich kriminellen Vater sowie die unterschwellige Anziehung zwischen den beiden Ermittlern - Drehbuchautor Florian Oeller, der schon starke Rostocker "Polizeirufe" wie den über rechtsradikale Landkommunen geschrieben hat, führt die vielen Geschichten in der Geschichte souverän zusammen. Regisseur Moore wechselt dabei zwischen Psychothriller, Milieustudie und Beziehungsdrama.

Eine so rasante wie riskante Erzählung, die auch deshalb weitgehend aufgeht, weil sie bei allem Hakenschlagen mit klarer Haltung zum Stoff ihrem Ende entgegenstrebt. Ein aufwühlender, harter Schlussakkord vor der großen Krimi-Sommerpause.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

"Polizeiruf 110: Der Tag wird kommen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD