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BR-"Polizeiruf": Ruhig Blut, Bayer!

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"Polizeiruf" in Mundart Bayern brutal

Daheim sterben die Leut: Der TV-Krimi hat die Provinz und die Mundart wiederentdeckt. So kommt der neue "Polizeiruf" als oberbayerischer Gewaltreigen mit Tiefgang daher. Ein famoser Krimi - auch wenn Matthias Brandt als zugezogener Kommissar von Meuffels nur Bahnhof versteht.

Mundart war die letzten Jahre im gehobenen Fernsehkrimi ja fast ein Tabu. Wie viel Mühe man sich etwa gegeben hat, lokale Idiome aus den jungen "Tatort"-Revieren von Stuttgart und Leipzig zu verdrängen. Als wollte man da ein einheitliches Fernsehdeutschland konstruieren, in dem sich der Norddeutsche genauso zu Hause fühlen kann wie der Niederbayer. Der Effekt ist aber leider der umgekehrte: In dieser wirklichkeitsbereinigten und dialektbefreiten TV-Welt muss sich einfach jeder fremd fühlen.

Dafür drängt jetzt umso grimmiger die Mundart zurück in die Primetime: Im März lief auf Arte die ZDF-Produktion "Das unsichtbare Mädchen", ein Krimi von Dominik Graf, der vom Sex Traffic in Oberfranken erzählte und dabei auf rabiaten Dialekt setzte. Am Donnerstag zeigte die ARD einen Fall des Kommissars Kluftinger, der mit Schmerbauch und Allgäuerisch in Sachen Russenmafia ermittelte. Wenn jetzt im Krimi Mundart gesprochen wird, dann ist das also alles andere als eine Rückbesinnung auf heile Heimatwelten, im Gegenteil: Dann geht es um Globalisierungsauswüchse in der Provinz, dann geht es um das ganz Große im Kleinen.

So auch in dem neuen "Polizeiruf" des Bayerischen Rundfunks, einer rechtsphilosophischen Reflexion vor der rustikalen Kulisse Oberbayerns: Wie, so lautet hier die Frage, geht die Gesellschaft mit jemandem um, der Schuld auf sich geladen hat, für diese aber nie belangt wurde? Die Gesellschaft, das ist in diesem Fall ein Dorf am Rande der Alpen. Der Schuldige, das ist ein Bauernsohn namens Xaver (Daniel Christensen). Der soll vor zwölf Jahren den Wirtshaussohn mit einer Bierflasche erschlagen haben. Damals wurde er aus Mangel an Beweisen freigesprochen, jetzt gibt es neue Erkenntnisse. Angeklagt aber kann der Täter nicht werden. Es gilt der Rechtsgrundsatz: Ne bis in idem. Nicht zweimal in der gleichen Sache.

Starkbier, Bohnerwachs und Testosteron

Daran hat die junge Polizistin Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) nicht gedacht, als sie eigenmächtig mit den neuen Beweisen in ihrem Heimatdorf auftaucht. Die Schwester hat sich gerade mit dem Totschläger verlobt, nach Jahren der Zweifel und des Misstrauens ist die Dorfgemeinschaft endlich wieder zusammengewachsen. Doch nun bricht sie ein weiteres Mal jäh auseinander. Erst malen die Männer in großen Lettern das Wort "Mörder" auf Xavers Auto, dann formiert sich vor seinem Haus ein Lynchmob. Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) versucht, das Schlimmste zu verhindern. Das Dorf als Alptraum.

Regisseur Hans Steinbichler hat vor knapp zehn Jahren mit seinem Debütfilm "Hierankl" einen Neuentwurf des Heimatdramas vorgelegt und damit für Aufsehen gesorgt. Mit der "Polizeiruf"-Episode "Schuld" (Buch: Stefan Kolditz) kehrt er jetzt zu seinen Wurzeln zurück. Und das ganz wörtlich: Gedreht wurde zum Teil im Haus seiner Tante. Das hübsche aufgeräumte Dörfchen mit seinen Milchwirtschaftsbetrieben glaubt man förmlich erschnuppern zu können, aus dem Fernseher steigt ein Odeur aus Starkbier, Bohnerwachs und säuerlicher Milch auf. So riecht Heimat.

Von Idylle ist hier allerdings nicht viel zu spüren. Steinbichler inszeniert sein Dorfdrama als klassischen Belagerungswestern: Von Meuffels ist der Sheriff, der seinen Gefangenen vor dem aufgebrachten Mob schützt, um ihn am nächsten Morgen in Sicherheit bringen zu können. Feuer wird gelegt, ein Hund aufgeschlitzt, Testosteron verspritzt. Wenn der Staat vermeintlich versagt, übernehmen die Hormone die Rechtsausübung. Von Meuffels kann mit der Dienstwaffe das Schlimmste verhindern. In der aufgeladenen Atmosphäre versucht er das Verbrechen von einst zu rekonstruieren.

Mit seinem letzten "Polizeiruf", einem Schreckensszenario über einen islamistischen Terroranschlag, hatte Steinbichler kein Glück; der Jugendschutz verbannte ihn wegen angeblich drastischer Gewaltdarstellungen von der Sonntags-Primetime in den späten Freitagabend. Und man kann sich vorstellen, dass mancher Programmgewaltige auch diesen Dialekt-Thriller gerne zu später Stunde verklappt hätte. Schließlich stellt er für jeden Zuschauer außerhalb Oberbayerns eine echte Herausforderung dar.

Ein Umstand, der in diesem ansonsten durch und durch grimmigen Krimi ironisch angerissen wird. Als der Totschläger Xaver aufgewühlt sein Handeln erklären will, schaut ihn der Kommissar aus dem Norden nur verständnislos an: "Ich verstehe Sie nicht." Eine schöne Zumutung, dieser Krimi.


"Polizeiruf 110: Schuld", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD