"Polizeiruf"-Cop im Krankenhaus Kommissar Kaputt jagt Dr. Pfusch

Was geht ab im Dachstübchen eines Cops im Fieberwahn? "Polizeiruf"-Kommissar Hanns von Meuffels muss mit mobilem Tropf im Krankenhaus ermitteln. Ein munterer Morphiumtraum - der als Kritik am Gesundheitswesen unschön in der Realität aufschlägt.

BR

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Ist das schon der Himmel? Während Fred Astaire sein "Heaven, I'm in Heaven" aus dem Musical-Klassiker "Cheek to Cheek" gurrt, fliegt die Kamera wie in einem Traum über die Alpen. Wenig später sieht man, wie Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) etwas weniger geschmeidig im Bademantel über die Gänge eines Krankenhauses schlurft. Neben sich den mobilen Tropf, die Stirn glüht bei 40 Grad Fieber.

Nachdem er bei der Verhaftung eines Junkies einen Schuss in die Brust bekommen hat, schwebt der Polizist irgendwo zwischen Dies- und Jenseits. Gelegentlich schlüpft der Junkie namens Jürgen (Georg Friedrich) zu ihm unter die Krankenbettdecke und kuschelt sich an, um noch einmal über den eskalierten Einsatz zu quatschen. Was ja gar nicht sein kann: Der Junkie kam bei dem Einsatz ums Leben.

Also ist Jürgen ein Engel und von Meuffels wirklich schon im Himmel? Nein, doch eher in der Pflege-Hölle. Denn zwischen Delirium und Wachzustand erkennt der Kommissar schnell, dass in dem Krankenhaus irgendwas nicht stimmt. Ständig stolpert von Meuffels in klinisch gesäuberte Zimmer, in denen tags zuvor noch muntere und optimistische Patienten lagen. Wo sind die plötzlich alle hin?

Dialog mit einem Toten

Über den Verbleib will sich das Personal nicht äußern, überhaupt mögen Ärzte und Schwestern keine Fragen. Doktor Klenk (Peter Jordan) gibt prinzipiell keine Auskünfte, Klinikleiter Professor Doktor Brettschneider (Walter Sittler) fliegt mit wehendem Kittel in ganz anderer Mission durchs Krankenhaus. Er sucht Investoren. Auf die Klagen und Fragen von Meuffels gibt hier keiner was. Mal ehrlich: Wer hört schon auf einen Typen, der einen Tropf hinter sich herzieht und dem hochdosierte Schmerzmittel gespritzt werden?

Hendrik Handloegten ist ein Feinausdeuter. Vom Pubertätsdrama "Paul is Dead" bis zur psychopathologischen Jungferntragikomödie "Ein spätes Mädchen" mit Fritzi Haberlandt - seine Filme reflektieren stets bis ins letzte Detail den Gemütszustand seiner Figuren. Die Psyche, sie ist bei Handloegten oftmals eine fein ausdekorierte Puppenstube.

Jetzt heißt es also: Willkommen im Dachstübchen des delirierenden von Meuffels. Auf Passagen mit abgenutzter LSD-Optik hat Handloegten in seinem "Polizeiruf" dankenswerterweise verzichtet, das Irreale bricht sich in abstrusen Blickwinkeln und aberwitzigen Epiphanien Bahn - etwa wenn der tote Junkie Jürgen wie selbstverständlich ins Krankenbett des Cops kriecht.

Doch je tiefer wir mit von Meuffels hinabsteigen in sein angeschlagenes Bewusstsein - die Verquickung des Fiebertraums mit einer Kritik am Zustand des Gesundheitswesens (Buch: Alex Buresch, Matthias Pacht) geht beim besten Willen nicht auf. Ständig schieben sich Chinesen durchs Krankenhaus, die offensichtlich ihren Anteil am Unternehmen erwerben wollen. Und die vielen rätselhaften Todesfälle wurden möglicherweise durch Keime ausgelöst. So steigt der anfänglich kunstvoll taumelnde "Polizeiruf" ein bisschen sehr abrupt in die Debatte um das Gesundheitssystem ein.

Und nichts gegen einen ordentlichen Morphiumrausch, wir wollen ja nicht spießig erscheinen. Aber möchte man bei einer Diskussion über kriminelle Machenschaften von Medizinern wirklich einen schwer sedierten Cop als Gewährsmann?


"Polizeiruf: Fieber", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 4 Beiträge
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Peletua 03.11.2012
1. Wie gerufen
Nachdem ich ganz aktuell bereits den dritten Fall einer schweren Infektion aufgrund kaputtgesparter Hygiene in einer kommerziell betriebenen Klinik erlebe und nur hoffen kann, dass die betroffene, mir sehr nahe stehende Person nicht wie die anderen beiden an dieser Infektion stirbt, kann mir kein Mittel zu stark sein, das auf die von der Schwarz-Gelb-Politik tolerierten Missstände in deutschen Kliniken hinweist. Insofern kommt ein Film wie dieser wie gerufen.
psypunk 04.11.2012
2. Na...
...da freut man sich ja schon auf den nächsten Krankenhausaufenthalt.
ideen 04.11.2012
3. Shining
Lieber Christian, sind dir die vielen Anspielungen auf Shining entgangen, z.B. die langen Gänge, der viele Schnee, die Toten die auftauchen, die Traumsequenzen, die Berge, die Musik..... Du solltest öfter ins Kino gehen.
kanikombolé 04.11.2012
4. Zauberberg?
Zitat von ideenLieber Christian, sind dir die vielen Anspielungen auf Shining entgangen, z.B. die langen Gänge, der viele Schnee, die Toten die auftauchen, die Traumsequenzen, die Berge, die Musik..... Du solltest öfter ins Kino gehen.
Leider kenne ich Shining nicht, aber wenn all diese Parallelen stimmen, dann sollte so etwas in einer Rezension tatsächlich erwähnt werden. Mich haben die Schneesequenzen übrigens an den durch den Schnee laufenden Hans Castorp aus dem Zauberberg erinnert.
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