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Münchner "Polizeiruf": Der Cop und die Transsexuelle

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"Polizeiruf" über Transsexualität Männchen, Weibchen, Münchner Allerlei

Transsexuelle, die beim Strippen Geld für den körperlichen Umbau verdienen. Streifenpolizisten, die ihre Muckis vorführen. Der Münchner "Polizeiruf" steigt tief in die Welt geschlechtlicher Konstruktionen ein. Ein furioser Krimi über das Ende männlicher Gewissheiten.

40.000 Euro braucht es noch, dann ist sie endlich in dem Körper, der ihr Zuhause sein könnte. Durch ihre Shows in einer heruntergekommenen Stripbar wird die transsexuelle Tänzerin Almandine Winter (Lars Eidinger) das Geld für die Operationen aber nicht zusammenbekommen. Am Ende dieses außergewöhnlichen Krimis bezahlen ausgerechnet die Machos der Münchner Polizeiinspektion 25 für den geschlechtlichen Transformationsprozess. Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) hat die Bullen durch ein geschicktes Ermittlungsmanöver dazu gebracht. Sieht so ein Happy-End aus?

Nein, Glück kommt in diesem Münchner "Polizeiruf" nicht vor, abgeschlossene Prozesse gibt es nicht. München ist hier eine einzige offene Wunde, sexuelle Identitäten entpuppen sich als Illusion, die einzige annähernd gefestigte Persönlichkeit ist Almandine Winter, die Transsexuelle im Umbaumodus. Kurz: Der Zuschauer hat wenig, an was er sich verlässlich halten kann.

Nicht mal einen unfehlbaren Kommissar. Am Anfang gibt der sich noch überlegen. In einer Szene, die eine hübsche hämische Anspielung ist auf die küchenpsychologische Ermittlerführung in anderen TV-Revieren, veräppelt Meuffels in einer Sprechstunde die Polizeipsychologin. Er erzählt von monströsen kindlichen Traumata - und lacht sich danach mit den Kollegen darüber kaputt, dass die Seelentrulla die Geschichte auch noch geglaubt hat. Wo in anderen Fernsehkrimis die psychische Versehrtheit des Kommissars nicht groß genug sein kann, da wird sie im Münchner "Polizeiruf" weitgehend runtergefahren. Souverän ist dieser Meuffels trotzdem nicht.

Macht, Ohnmacht und sexuelle Unbestimmtheit

In einer Zelle der Münchner Polizeiinspektion 25 ist eine Transsexuelle zu Tode gekommen. Sind die Beamten schuld? Haben sie fahrlässig gehandelt oder gar schuldhaft? Meuffels übernimmt die interne Ermittlung, gibt den Verständnisvollen, wo er es für notwendig hält, und droht, wo es angemessen scheint. Nebenbei nähert er sich verständnisvoll Almandine Winter, der Lebensgefährtin der Toten. Aber ist Meuffels tatsächlich der knallharte und weltgewandte Cop, der einerseits die Stenze im Streifendienst bespielen kann und der sich andererseits ins komplizierte Lebensmodell der transsexuellen Stripperin einzufühlen vermag?

Regie bei diesem grandiosen Krimi-Grenzgang führte Jan Bonny, der schon 2007 in seinem Frau-verprügelt-Ehemann-Drama "Gegenüber" geschlechtliche Stereotype auflöste, seitdem aber sonderbarerweise nie wieder einen großen Spielfilm gedreht hat. Das Buch stammt von Günter Schütter, der an der legendären Münchner "Polizeiruf"-Folge "Der scharlachrote Engel" von Dominik Graf mitgewirkt hat, in der männlicher Machtillusionismus in radikalster Form beschrieben wurde. In ihrem "Der Tod macht alle Engel aus uns" steigen die beiden nun tief ein in einen Polizisten-Kosmos, bei dem Macht, Ohnmacht und sexuelle Unbestimmtheit ganz dicht beieinander liegen.

Die unheilvolle, testosterongeschwängerte Atmosphäre in diesem Cop-Krimi erinnert an die letzte, sehr gute Münchner "Tatort"-Episode "Macht und Ohnmacht", wo es um Machtkämpfe unter der Männerdusche ging. Doch hier bröckeln neben dem Glauben an die eigene Überlegenheit eben auch die sexuellen Konstruktionen. Die betont heterosexuellen Cops, so findet Meuffels nach und nach heraus, waren eng und unheilvoll mit dem transsexuellen Milieu verbandelt.

Männchen, Weibchen, Münchner Allerlei: Wer lieb gewonnene Gewissheiten bestätigt bekommen will, sollte sich lieber eine "Soko"-Folge anschauen als diesen "Polizeiruf".

"Polizeiruf 110: Der Tod macht Engel aus uns allen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD