Seniorenerotik im Fernsehen  Sexuelle Revolte 60+

Die Zeiten der Hausmütterchen sind vorbei. Ob Michaela May, Sabine Postel oder Jutta Speidel: Die Veteraninnen der sexuellen Revolution fordern ihr Recht auf Lust - auch im fortgeschrittenen Alter. Eine Wonne, den reifen Mädels bei ihrem erotischen Schauspiel zuzuschauen.

ZDF

Von Nikolaus von Festenberg


Er streift ihr sanft durchs Haar und packt kräftig ihre Brust. Sie stöhnen, sie husten. Sie rollen über den Boden, fallen übereinander her. Küssen sich, berühren sich. Etwas unbeholfen streifen sie sich die Hosen vom Leib. Beide sind alt, siebtes, achtes Lebensjahrzehnt.

Andreas Dresen hat mit seinem Film "Wolke 9" ein Tabu gebrochen und Senioren beim Sex gezeigt. Dresen war so mutig, ganz dicht ranzugehen. Und viele schien der Geschlechtsverkehr der Greise zu schockieren. Doch was 2008 Tabubruch war, hält jetzt im großen Stil Einzug ins deutsche Fernsehen.

Was haben wir in den letzten Wochen nicht alles im TV gesehen: Sabine Postel etwa, sonst als Bremer "Tatort"-Kommissarin bekannt, zog sich in "Zu schön, um wahr zu sein" als Seniorinnenmodel für eine Werbeagentur aus. Senta Berger und Friedrich von Thun fanden in "Hochzeiten" voller Würde erotisch Gefallen aneinander. Und gerade 60 geworden, hüpfte in dem ZDF-Herzkino-Beitrag "Elli gibt den Löffel ab" Rauschgoldengel Michaela May wie ein Spät-Hippie umher. Ihre Mission: den verschrateten Zufallsbekannten vom Campingplatz, einen Altersgenossen (Peter Prager), erotisch zu vereinnahmen.

Vorbei ist die Frühvernonnung

Auch Hannelore Hoger durfte in der "Bella Block"-Folge "Unter den Linden" zeigen, dass es unter der Asche der Jahre erotisch weiterglüht: Das Werben eines silberfüchsischen Wirts (Peter Simonischeck), der Riesenschnitzel und Flaschen von Rotweinen aus Küche und Keller herbeischaffte, blieb nicht unerhört.

Um es gleich zu sagen: Es geht in der erotischen Mobilisierung der Älteren nicht um die Ausweitung der Hochkunst-Sphäre. Die TV-Filme reichen von rührend ("Zu schön, um wahr zu sein") über parfümiert ("Hochzeiten") oder durch Zurückhaltung verdaubar ("Bella Block") bis zu kampfhennenhaftem Generve (Mays Gelöffel).

Auch "Wir haben gar kein Auto", eine Roadmovie-Radelei über die Alpen, die nach dem Buch des Ehepaars Jutta Speidel und Bruno Maccalini entstanden ist, wird nur als ideologisches Befreiungswerk in die Fernsehgeschichte eingehen: Trotz der platten Story aber bleibt die Ungeniertheit der Hauptdarstellerin Speidel in Erinnerung, die in aller Selbstverständlichkeit ihre Haut präsentiert. Die Frühvernonnung als Schwester Lotte in "Um Himmels Willen" war für Speidel offenbar keine berufliche Endstation, denn sie fügt sich nicht der bisher im Fernsehen üblichen Enterotisierung älterer Frauen.

Für die in die Jahre kommenden Töchter der 68er-Werterevolution wie Berger Hoger, Postel, May und Speidel (sie hat in der Jugend in Schulmädchenfilmen mitgespielt) existieren solche Schamgrenzen nicht mehr. Wunderbar.

Die Frauen schaffen Schranken ab. Sie folgen keinen Vorbildern oder Senderstrategien. Sie spielen jetzt in aller Selbstverständlichkeit mit ihren Reizen, verführen, knutschen. Sie machen das, was die älteren Männer schon immer taten, und zeigen, wenn sie Lust auf Lust haben.

Mit dem Schmäh der "Golden Girls" aus den Achtzigern hat das nicht mehr viel zu tun. Die Girls spielten noch mit Vorurteilen - und sie wetterten: "Je oller, je doller." Damals war das witzig. Jetzt ist es selbstgewisser Ernst.



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.