Präsidenten-Debatte bei Jauch Wulffs letzter Mann

Vereinte Frauenmacht gegen Christian Wulff: Bei Jauch forderten Ex-Schröder-Gattin Hillu und Ex-Ministerpräsidentin Simonis vollmundig den Rücktritt des Bundespräsidenten. Kein Problem für CDU-Mann Peter Hintze - mit Eifer legte er einen Sendezeit-sprengenden Einzelkampf für das Staatsoberhaupt hin.

dapd

Was auch immer durch den aktuellen Bewohner des Schlosses Bellevue so alles ramponiert worden sein mag - zumindest ein Kollateralschaden ist offenkundig. Er betrifft die öffentlich-rechtlichen Talkshows, genauer gesagt: ihren Wulff-spezifischen Erkenntnis- und Unterhaltungswert. Das vorrangige Gefühl, das einem am Sonntagabend bei Günther Jauch vermittelt wurde, war denn auch jenes, dass man das alles so oder ähnlich bereits oft, sehr oft gehört und gesehen hat. Wie immer saßen da einige, die den Amtsinhaber unbedingt weghaben wollen: diesmal Frau Hillu Schwetje, die Ex von Gerhard Schröder, dann die fast unvermeidliche Gertrud Höhler sowie die Ex von Kiel, Heide Simonis, die selbst mal ein Problem mit dem Zurücktreten hatte.

Ferner war da der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl, der die Wirtschaft zu vertreten hatte und der praktischerweise auch noch mit einer CSU-Politikerin verheiratet ist - womit schon klar war, wie er das ganze Theater um den Präsidenten finden würde, nämlich maßlos übertrieben. Und dann gab es noch einmal Peter Hintze zu erleben, jenen notorischen CDU-Pfarrer, den möglicherweise irgendeine höhere Macht, wenn nicht Frau Merkel, dazu ausersehen hat, den derzeit undankbarsten Job in Berlins politisch-medialem Komplex zu übernehmen und sich für Freund Wulff in die Bresche zu werfen. Eigenen Angaben zufolge firmiert er allerdings ganz aus eigenem Antrieb als - nun ja - eine Art Präsidentenberater (vermutlich kostenlos), und zwar schlicht und einfach deswegen, weil er seinem Gerechtigkeitsempfinden zu gehorchen hat und "wir hier schließlich in einem Rechtsstaat leben".

Letzteres muss es Hintze besonders angetan haben, denn er betonte es mit einer Vehemenz, dass man denken konnte, die Inhaftierung des Präsidenten stehe unmittelbar bevor. Es gab diverse Versuche, Herrn Hintze den Gedanken näherzubringen, dass es hier nicht in erster Linie um juristische Belange, sondern um Fragen des Stils, der Würde und der allgemeinen Erwartungen an die Ausübung des höchsten Amts im Staate gehe. Es fielen zum gefühlt tausendsten Mal die bösen Schlüsselbegriffe wie Vorteilsannahme und Abhängigkeit. Frau Höhler, die ansonsten eher ein wenig müde wirkte, ließ routiniert ein bisschen rhetorische Schärfe aufblitzen, indem sie Wulff vorwarf, das Amt "in Geiselhaft" genommen zu haben und es zu demontieren, um die Selbstdemontage zu vermeiden.

Und was sagt die Ex vom Ex-Kanzler?

Auch Frau Schwetje, die eigentlich etwas über den Hannoveraner Klüngel erzählen sollte, hieb lieber in dieselbe Kerbe - nicht ohne zu versichern, dass ihr Ex-Mann aber doch wohl von etwas anderem Kaliber gewesen sei. Als Novum brachte sie den Müllwerker ins Spiel, der nicht mehr als fünf Euro annehmen dürfe, nachdem sonst immer die kleinen Beamten als Beispiel herhalten mussten. Und Frau Simonis verdrehte verschiedentlich nur stumm die Augen, wenn Hintze sprach.

Das tat er viel und mit einem Eifer, der durchaus die Befürchtung wecken konnte, der Gottesmann glaube tatsächlich selbst, was er da von sich gab. Beispielsweise behauptete er allen Ernstes, es gebe nichts, aber auch gar nichts, was sich Wulff anlasten lasse. Angefangen vom Hauskredit über Einladungen und Urlaubsreisen bis hin zu den jüngst eruierten Merkwürdigkeiten unter den Stichworten Sylt, Handy-Überlassung und Förderung der niedersächsischen Filmwirtschaft sei alles offengelegt und geklärt.

Eine gewisse Unruhe machte sich breit, als sich abzeichnete, dass Hintze ohne Rücksicht auf die Sendezeit willens und in der Lage war, sich jeden Einzelposten en détail vorzunehmen. Als ein wenig amüsierter Jauch ihm irgendwann eine Karte mit der Auflistung des kompletten Sündenregisters herübereichte, verhinderte dies zwar das Ärgste, hemmte aber nicht den Redefluss. Der war auch nicht dadurch zu stoppen, dass neues demoskopisches Material präsentiert wurde, demzufolge der Ansehensabsturz Wulffs doch ziemlich eklatant ist. Dies sei kein Wunder, entrüstete sich der christdemokratische Einzelkämpfer, denn man sei ja hier bei der ARD. Beim ZDF gebe es wesentlich günstigere Zahlen.

Überhaupt die Medien. Man hatte eigentlich gedacht, es habe sich mittlerweile herumgesprochen, dass etwa SPIEGEL, "Süddeutsche-Zeitung", "Stern" und "Bild"-Zeitung eben nicht jeden Tag zusammenhocken, um neue finstere Ränke gegen einen ohnehin ungeliebten Präsidenten zu schmieden. Keiner der Anwesenden sah denn auch einen Anlass, sich abermals auf diesen Nebenschauplatz zu begeben - bis auf Hintze. Der legte zwar Wert auf die Tatsache, weder einer Verschwörungstheorie anzuhängen noch von einer Kampagne auszugehen, aber so richtig mochte er dann doch nicht davon Abstand nehmen. Denn da es ja laut Hintze dem Präsidenten objektiv nicht das Geringste nachzuweisen gibt, muss es nun mal irgendwelche Kräfte geben, die hinter all dem Unheil stecken, das sich da ungerechterweise über Wulff zusammengebraut hat.

Und das sind dann irgendwie doch wieder die Medien, die seit Wochen einen "Hype" produzieren. Fast überflüssig zu erwähnen, dass Wulff in den Augen Hintzes selbstverständlich ein guter Präsident ist mit einer tadellosen Leistungsbilanz, allein schon wegen seiner Verdienste um die Integration. Der Titel der Sendung lautete übrigens "Wulff und die Amigos - wenn Politik auf Wirtschaft trifft". Am Montagabend, bei Plasberg, wo bekanntlich immer die Politik auf die Wirklichkeit trifft, geht es darum, ob Christian Wulff eine Zumutung ist.

Peter Hintze ist auch wieder dabei. Und nach Lage der Dinge ist nicht ausgeschlossen, dass den Zuschauern abermals einiges zugemutet wird.



insgesamt 294 Beiträge
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forumgehts? 13.02.2012
1. Tja,
Zitat von sysopdapdVereinte Frauenmacht gegen Christian Wulff: Bei Jauch forderten Ex-Schröder-Gattin Hillu und Ex-Ministerpräsidentin Simonis vollmundig den Rücktritt des Bundespräsidenten. Kein Problem für CDU-Mann Peter Hintze - mit Eifer legte er einen Sendezeit-sprengenden Solo-Fight für das Staatsoberhaupt hin. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,814857,00.html
wenn man den Hintze schon gehört hat, dann braucht man den Kuntze eigentlich nicht mehr!
rascher 13.02.2012
2. Alle Achtung
Zitat von sysopdapdVereinte Frauenmacht gegen Christian Wulff: Bei Jauch forderten Ex-Schröder-Gattin Hillu und Ex-Ministerpräsidentin Simonis vollmundig den Rücktritt des Bundespräsidenten. Kein Problem für CDU-Mann Peter Hintze - mit Eifer legte er einen Sendezeit-sprengenden Solo-Fight für das Staatsoberhaupt hin. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,814857,00.html
Gott sei Dank gibt es noch Politiker, die öffentlich gegen den medialen Schlammstrom schwimmen. Auch wenn der Spiegel meint, wieder einmal einen Kübel Häme ausleeren zu müssen, Hut ab vor Peter Hintze.
montaxx 13.02.2012
3. Ach ja....
Zitat von sysopdapdVereinte Frauenmacht gegen Christian Wulff: Bei Jauch forderten Ex-Schröder-Gattin Hillu und Ex-Ministerpräsidentin Simonis vollmundig den Rücktritt des Bundespräsidenten. Kein Problem für CDU-Mann Peter Hintze - mit Eifer legte er einen Sendezeit-sprengenden Solo-Fight für das Staatsoberhaupt hin. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,814857,00.html
Ach ja,der Herr Hintze.Der hat ja nun schon überall gewirkt.Zuerst als Geistlicher,dann als Scharfmacher,vulgo: Generalsekretär seiner Partei und nun darf man ihn,den gelernten Pfarrer,als Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt bezeichnen.Für mich ein Beispiel von vielen (in allen Parteien),dass man es in der Politik eben auch ohne Fachkenntnisse zu einem äußerst auskömmlichen Einkommen bringen kann....
Werner655 13.02.2012
4. Wiederholung
Zitat von sysopdapdVereinte Frauenmacht gegen Christian Wulff: Bei Jauch forderten Ex-Schröder-Gattin Hillu und Ex-Ministerpräsidentin Simonis vollmundig den Rücktritt des Bundespräsidenten. Kein Problem für CDU-Mann Peter Hintze - mit Eifer legte er einen Sendezeit-sprengenden Solo-Fight für das Staatsoberhaupt hin. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,814857,00.html
Dass nach der gestrigen Vorstellung des Herrn Hintze bei Jauch, gerade dieser Herr Hintzebei heute bei Plaßberg erneut "zum Schuss" kommen soll, spricht Bände. Scheinbar ist man seitens der GEZ-Sender nicht in der Lage "eigene" Diskutanten aufzutun und einzuladen.
heinobern 13.02.2012
5. Wulff-Talker sind Stalker
Zitat von sysopdapdVereinte Frauenmacht gegen Christian Wulff: Bei Jauch forderten Ex-Schröder-Gattin Hillu und Ex-Ministerpräsidentin Simonis vollmundig den Rücktritt des Bundespräsidenten. Kein Problem für CDU-Mann Peter Hintze - mit Eifer legte er einen Sendezeit-sprengenden Solo-Fight für das Staatsoberhaupt hin. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,814857,00.html
Man hat ja als gebührenzahlender Fernsehkonsument mit den öffentlich-rechtlichen Programmen schon oftmals die Geduld eines tibetanischen Maulesels. Aber so ganz allmählich fühle ich mich von all diesen unsäglichen Wulff-Talkern verfolgt, ganz gleich für oder gegen wen sie argumentieren. Man kann es einfach nicht mehr sehen und hören. Für mich sind die Wulff-Talker mittlerweile Stalker und ich wünsche sie dorthin, wohin die meisten den Präsidenten auch gerne hätten. Sollen sie doch dem Präsidenten mit gutem Beispiel vorangehen.
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