Datingshow "Prince Charming" Die Befreiung der Anbeterklasse

Im neuen Dating-Format "Prince Charming" buhlen beim RTL-Ableger TV Now erstmals schwule Männer um einen Single. Das allein wäre semiinteressant. Tatsächlich geht es hier um die Zerschlagung des Trashsystems.

TVNOW

Von


Hurra, endlich Trash-Kommunismus! Sonderbarerweise wurde im Vorfeld zwar reichlich Aufhebens um den Umstand gemacht, dass in "Prince Charming" zum ersten Mal im deutschen Universum der "Bachelor"-artigen TV-Produktionen schwule Männer (womöglich ja wirklich) nach der Liebe suchen.

Viel interessanter an diesem RTL-Format sind nämlich die implodierten Machtverhältnisse: Nicolas - der hier nicht "Bachelor", sondern "der Prince" heißt, als seien Schwule irgendwie unwirkliche, glittrige Märchenwesen - verfügt nicht, wie sonst bei derlei Sendungen üblich, allein über die Kopulationsmittel.

Die traditionell emotional ausgebeutete Anbeterklasse könnte, wenn der Prince sich nicht genug Mühe gibt, ihr eigenes erotisches Tingeltangel in ihrer Villa veranstalten. Das ist der wirklich interessante Punkt an "Prince Charming", und dass alle Beteiligten zufällig homosexuell sind, ist nur die organisatorische Grundbedingung dafür.

Es ist darum schade, dass diese Überwindung aller Trashklassengegensätze exklusiv auf der Streamingplattform TV Now läuft und dort nur Premiumkunden zugänglich ist.

Die konnten sich dann anschauen, wie Prince Nicolas (eigentlich Medizinprodukteberater im Außendienst) dem Meer entsteigt, seinem eigenen Hintern das Gütesiegel "wirklich knackig und geil" aufdrückt und schließlich in einer weißen Kutsche, etwas ärmlich-adelig mit nur einem Pferd bespannt, zur Villa fährt, in der seine 20 Interessenten warten. Das ist eine deutlich zeit- und nervensparendere Variante als das endlose Limousinen-Defilée bei seinem Schwippschwager, dem Bachelor.

Die Kandidatenschaft ist vielversprechend

Die Kandidatenschaft ist vielversprechend: Es gibt einen pichelfreudigen Podcaster, dessen Sendung "Schwanz & Ehrlich" heißt, was sich auch kein deutscher Komödienautor ausgedachter hätte ausdenken können, einen Übereifrigen, der sich in Vorbereitung auf den Prince gleich drei Mikrodermabrasionen verpassen ließ (also sich das Gesicht quasi sandstrahlen ließ, nur mit winzigen Kristallen), einen Klischee-Stripper, natürlich mit Wegreiß-Polizeiuniform, und einen putzigen Ulkbert, der Nicolas als Präsent eine Gewürzmischung namens "Pfälzer Dubbes" überreicht. Dass es zwischen ihnen ordentlich scheppern wird, verspricht schon die Vorschau, die in dem Bonmot "Nennt die Fotze mich einfach Schlampe" gipfelt.

Preisabfragezeitpunkt:
10.10.2019, 10:36 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Anja Rützel
Anja Rützel über Take That (KiWi Musikbibliothek, Band 2)

Verlag:
KiWi-Taschenbuch
Seiten:
160
Preis:
EUR 10,00

Ein bisschen übertreibt die erste Folge dann mit den Monogamie-Schwüren der Kandidaten. "Bei den Schwulen", sagt Flugbegleiter Kiril, sei das zwar nicht so üblich, aber bei "Prince Charming" beteuert ständig irgendwer, dass er auf der Suche nach etwas Festem, Exklusivem, Topbürgerlichem sei. Klar, denn sonst würde die Prince-Prämisse wirklich sofort implodieren: "Es gibt keinen Prince, Verarsche!", ruft Germanistikstudent Aaron, als alle noch auf die Kutsche warten, "das ist 'Love Island' für Gays!".

Keine Rosen, sondern Krawatten gibt es in der Zeremonie

Aber nein, natürlich finden alle Nicolas dann am allertollsten und sind sehr glücklich, wenn sie am Ende zu den Auserwählten gehören, denen er bei der obligatorischen Aussortier-Zeremonie keine Rose übergibt, dafür aber eine schwarze Krawatte um den Hals hängt - was amüsant wäre, wenn die Weitergekommenen ihre Krawatten danach nicht ablegen, sondern bis zum Ende der Staffel durchtragen würden, sodass ihr Hals mit jedem neu gewonnenen Binder immer wolfgangpetrymäßiger umschnürt würde.

Dass es für Nicolas nicht leicht werden könnte, seine potenziellen Princegemahle bei der, ach komm, Stange zu halten, das zeigt sich im finalen Rausschmiss: Daniel und Dominik stehen da Arm in Arm und warten, wer den letzten Schlips abstaubt, die anderen schauen gebannt zu. "Äh, streicheln die sich gerade?", fragt dann einer der Beobachter, und tatsächlich nutzen die Vielleicht-gleich-Geschassten die Spannungssituationen für ein bisschen Gekraule im Hüft-Hintern-Bereich. Womöglich wird diese Datingshow tatsächlich und aufrichtig spannend.

"Prince Charming" ist auf TV Now zu sehen. Neue Folgen sind für Premiumkunden immer mittwochs verfügbar.



insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
TOKH1 31.10.2019
1. Wie GEIL
gut geschrieben und pointiert. Das ist ja mal wirklich ein Interessantes Vormat und längst überfällig.. Allerdings stehe ich nicht auf Männer. BTW: Gibt es eigentlich eine Show für Lesben in dem Format. Da stehe ich nämlich völlig drauf. Vor allem, wenn die Damen dann zusammen in den Zimmern untergebracht...rofl rofl....
Das Pferd 31.10.2019
2.
wie immer wunderbar. und spart so viel Zeit.
PeterAlef 31.10.2019
3. ...wie immer witzig geschrieben...
...aber noch sinnfreier als sonst. Was soll's...die Kanzlerin ist ja vorbildhaft für sinnfreies Denken und Handeln...da sind sich Anja und Angela recht nahe...
Bondurant 31.10.2019
4. Falsch Lorbeeren?
neuen Dating-Format "Prince Charming" buhlen beim RTL-Ableger TV Now erstmals schwule Männer um einen Single. Erstmals? Vor ein paar tagen sah ich eine Ausgabe von "Dinnerdate" bei der guten alten Tante ZDF - und was soll man sagen: drei schwule Hobbyköche buhlten um einen Single-Mann.
nokaner 31.10.2019
5. Doch nicht so weltoffen...
RTL und die RTL Group geben sich immer gerne weltoffen. Alleine die Tatsache dieses Format ins Streaming zu verbannen und nicht auf dem "Hauptsender" zu zeigen, sagt schon alles. Bauer sucht Frau, Schwiegertochter gesucht etc... die schlimmsten Formate in denen Paare vorgeführt und vermarktet werden- das alles gibt es zur besten Sendezeit. Aber wenn es ein wenig in Richtung "Minderheiten" geht, wandert das Zeug zu Drittsendern die kein Mensch guckt (RTL Passion) oder gleich ins Streaming. Was ja nicht schlecht ist- da Streaming die Zukunft. Aber wenn man Rotz-Formate wie "Take me out" am Freitag abend zeigt, dann hätte man auch mal den Prince Charming auf die Allgemeinheit loslassen können. Aber bei manchen Themen wird es den Privaten dann doch zu "heiß". Als Klamauk und Witzfigur wird der Schwule gerne gesehen. Wird es dann doch etwas realistischer, wird gerne ausgeblendet. Das habe ich schon so oft beobachtet. Da sind die Öffentlich-Rechtlichen ein Stück ehrlicher.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.