"Promi Big Brother" bei Sat.1 Durch Dick und Doof

Man kann mit seinem Leben etwas Sinnvolles anfangen - Proust lesen oder den Hamsterkäfig reinigen - oder man kann seine Zeit mit dem "Promi Big Brother" bei Sat.1 verschwenden. Hätten wir uns doch bloß für Ersteres entschieden!

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Ein Fernsehabend wie eine hochkomplexe Wurzelbehandlung, durchgeführt von einem flüchtigen Bekannten in einem endlosen Autobahnstau zu Beginn der Sommerferien: Die Auftakt- und Einzugssendung von "Promi Big Brother" geriet gestern auch für Trash-Connaisseure zu einer zähen Angelegenheit.

Die Problemzonen im Überblick

Das Show-Tamtam: Als hätte man diverse Sendungen der Neunziger und Nullerjahre sauer aufgestoßen. Abgeschmacktes Gemisch aus eingespielter Forrest-Gump-Parodie (die vermaledeite Pralinenschachtel!), Beefcake-Bühnenkomparsen in Goldhöslein, Kameraführung mit Strobo-Zuckungen, grimassierender Quatschband, Scheichballett und sinnlos viel Pyrotechnik, so festlich wie beim DJ-Bobo-Jubiläumskonzert. Warum Moderatorin Cindy aus Marzahn als pinke Freiheitsstatue verkleidet ein olympisches Feuer entzündete, soll bitte mal hurtig die Semiotik-Soko klären.

Die Kuschel-Moderatoren: Harm- und zahnlos nahmen Oliver Pocher und Cindy aus Marzahn die Parade der Tragik-Prominenz ab.

Jede kleinste, ohnehin schon meist überoffensichtliche Stichelei von Pocher (bevorzugte Themenkomplexe: Alkoholprobleme und mangelnde Prominenz der Teilnehmer) wurde dabei von Cindy sogleich mit klebriger Schmusigkeit niedergerungen: "Wir sind so froh, dass du dabei bist! Ich find dich toll!" Wenn es wirklich so ist, schlimm genug. Doch der Zuschauer, so die grausame Reality-Show-Psychologie, braucht bei diesen Formaten keinen zuckrigen Moderatoren-Claqueur, sondern einen verlängerten Arm mit einem spitzen Stöckchen, der die versammelte Trash-Prominenz dafür piekst und piesakt, dass man sich schon wieder diesen Plunder anschaut, statt endlich den Proust auszulesen oder den Hamsterkäfig zu reinigen.

Die Gebraucht-Bewohner: "Er ist ein Star bei YouTube", "Sie wurde von Dieter Bohlen 'Schlampe' genannt" - dass sich auch die Belegschaft von "Promi Big Brother" aus den überschaubaren Beständen des schon leicht durchgenudelten Reality-TV-Ensembles speisen würde, war abzusehen. Zwischen Balzshow-Prolline, der 14.-Platzierten bei "Deutschland sucht den Superstar", angestoßenen Ehemaligen wie Martin Semmelrogge und abgetakelten Figuren wie dem (frappant Mooshammeresk dreinschauenden) Discosänger Fancy strahlen "Stars" wie Jenny Elvers-Elbertzhagen und natürlich David Hasselhoff dann tatsächlich annähernd prominent. Der alte Blinden-Einäugige-Trick, immer noch voll funktionsfähig. Größte Nervensäge in der bislang blässlichen Riege: Percival Duke, Teilnehmer von "The Voice of Germany": Er bedachte bei seinem Einzug jede Kommode, jeden goldenen Schnörkelstuhl und jedes Sofakissen mit gockelig überdrehtem Gelächter.

Der goldene Satz: Kam konsequenterweise von David Hasselhoff, der in dieser Runde bislang verstörend verständig wirkte. "This is like 'Celebrity Rehab'", sagte er, als er - eingeschwollen in die Original-Blicklichtjacke, mit der er 1989 auf der Berliner Mauer breitbeinigst herumsprang - den Container betrat. Seine Kameraden wussten dieser luziden Erkenntnis nur traurige Stammeleien wie "Swag, Yolo, fick die Henne" (Natalia aus "Catch the Millionaire") und "Ich geh gerne durch dick und doof im Leben" (Semmelrogge) entgegenzuhalten.

Die Egal-Prüfung: Angesichts der "bestialischen Brandmauer", die eine Handvoll Bewohner bei ihrer ersten Prüfung in Feuerschutzkleidung mit diversen brennenden Gliedmaßen durchqueren mussten, sehnt man sich nach der hundertsten Känguru-Anus-Verkostung des nächsten Dschungelcamps. Auch krawummsige Formulierungen wie "das Becken der Pein", "die Todesrutsche" und "der Höllenschlamm" machten die müde Flammelei nicht interessanter. Die Freiwillige Feuerwehr in Hinterbrummseldorf sagt: Langweilig!

Die drängendsten Fragen: Hält Sat.1 all das für derart gelungen, dass es die qualvoll lange Einzugsshow im Anschluss gleich noch einmal wiederholen musste? Wird die Technik den Ton im Haus noch dergestalt modifizieren, dass man vielleicht auch einmal verstehen kann, was die Menschen dort sagen? Und hat Fancy wirklich vier Hoden?

Der beste Regie-Einfall: Ein echter Blindhuhntreffer war die Idee, die seinerzeitige "Mini Playback Show"-Moderatorin Marijke Amado mitsamt ihrem Dickhund gleich nach ihrem Einzug ins Haus in eine Art Schweinekoben ("der Strafbereich") zu verfrachten.

Von dort sollte sie, unbemerkt von den anderen, ihre Mitbewohner beobachten und belauschen. Mal fielen ihr dabei minutenlang die Augen zu, dann sah man sie reglos, stieren Blickes und mumienhaft in eine Wolldecke gehüllt - endlich eine Leidensgenossin, jubelte da der einsame Chips-Raschler vor dem TV-Gerät.

Befragt, was sie von ihren neuen Mitbewohnern hielte, konnte sie die wenigsten beim Namen nennen und behalf sich mit Umschreibungen wie "der Klitschko-Mann" (Boxer Manuel Charr), "die No Angels da" (Ex-Girlband-Mitglied Lucy Diakovska) und "die Elvis-Wiedergeburt" (Fancy). Als sie am Ende dann leider doch noch mit den restlichen Bewohnern vereint wurde, verlangte sie sogleich nach Alkohol.

Es werden verdammt lange 14 Tage werden.



insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
awoth 14.09.2013
1. Ein Volk
bekommt die Unterhaltung, mit der entweder ein Erziehungsziel oder fette Gewinne erwartet werden. KEIN Fernsehsender strahlt in kostbarer Sendezeit überflüssigen Mist aus zum Selbstzweck! Wir sind halt auf dem Weg zurück ins Mittelalter! Noch gibt es allerdings und offenbar ein pasr Leute, die wissen, wie ein Fernseher funktioniert. Bologna und Bildungsmilliarden werden aber auch das noch richten! Dann haben wir Ruh von solchem Mist und werden uns wieder über Flatulenzkünstler auf verdreckten Marktplätzen amüsieren dürfen! Keep on moving!
ljamcoh 14.09.2013
2.
Ich mag Trash-TV eigentlich ganz gerne, bisher hat es mich auch nicht merklich dümmer werden lassen ;) Aber Promi BB gestern Abend war ziemlich langweilig, die mehr oder weniger prominenten Teilnehmer grösstenteils nervig. Am besten gefiel mir noch der süße kleine Havaneser, ich liebe diese Hunde. Aber er tat mir doch sehr leid, dieser Auftritt vor grölendem Publikum muss für die Hundedame doch furchtbar gewesen sein. Und muss man wirklich einen Hund schlimmstenfalls 2 Wochen ohne Spaziergänge und Auslauf einsperren? Ich werde BB nur am Rande weiterverfolgen, ansehen werde ich es nicht mehr.
labalex 14.09.2013
3.
Es zwingt einen doch niemanden, das zu gucken. Von daher muss man da jetzt auch keinen übertrieben negativen Bericht drüber schreiben. Aber negative Berichterstattung scheint ja immer besonders viel Spaß zu machen... Ich habe es übrigens auch nicht gesehen aber vielleicht schalte ich mal rein und amüsiere mich.
anselme1 14.09.2013
4. Promis? Wie bitte?
Irgendwie produzieren einige "Kreative" mittlerweile so einen langweiligen Schrott, dass ich sage: "Nur mehr davon", dann schaltet sich das Trash-Fernsehen von selbst aus. Es gibt echt viele gute Ideen und Themen für spannende Sendungen, aber nein, man produziert lieber immer wieder den gleichen Müll mit irgendwelchen xzy-Promis und Problemmenschen, die sich verbal vor der Kamera zerschlagen... und das wird oft wegen mangelnder Quote dann schnell abgesetzt und der nächste Müll auf uns rausgeschüttet. Keine TV->Chefs der Privatsender scheint aus den Kritiken lernen zu wollen. Aber das liebe Geld, was da verbraten wird, mit Dekor, mit Helfern, mit Gagen, mit Printwerbung, um die Sendung anzukündigen, au weia, sag ich da nur. Inzwischen ist das alles eine Zumutung, von den langen Werbepausen ganz zu schweigen. (Aber das ist ein ganz anderes Thema)
fatherted98 14.09.2013
5. Man sollte...
...hier mit anderen Mass messen...das ganze ist Trash TV...und das wird noch nicht mal geleugnet...also was sollten wir erwarten? Das Big Brother Format hat sich schon immer durch absolute Langweile ausgezeichnet...warum Menschen darauf warten das irgendwas peinliches oder nacktes im BB Haus passiert, beim heutigen Angebot im Internet, weiss ich auch nicht...aber diese Serie wird floppen, wenn die Macher die Leute nicht ganz gehoerig aufeinanderhetzen...das ist das was der Zuschauer sehen will..Streit, Missgunst und Verrat...alles andere interessiert nicht. Da waren Formate wie DIE BURG in der in das Badewasser von Teilnehmerinen gepinkelt wurde doch schon viel unterhaltsamer...immer auf Trash Ebene natuerlich...ich wuerde Trash schon als eine Art neuer Kunstform sehen...schliesslich ist Kultur das was wir draus machen..und ob es wirklich unterhaltsamer ist sich 4 Stunden Wagner anzutun als 2 Stunden SAT 1 zu gucken...da wuerde ich mich fuer Sat 1 entscheiden...das gibts wenigstens noch Werbepausen.
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