"Promi Big Brother" mit Zlatko Zurück in den Schmuh-Dunst

Zlatko, der erste deutsche Trash-TV-Star, ist zurück. Und er hat, sehr sympathisch, überhaupt keinen Bock darauf. Rettet er die neue Staffel "Promi Big Brother" - oder gibt er dem Format den Gnadenstoß?

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Die tiefklaffende Verachtung, mit der Zlatko das Wort "Sushi" ausspricht. Wie er sich den Limonadenbestand im Kühlschrank besieht und schnaubig "Gurke-Limette" vom Etikett liest. Zlatko Trpkovski, wiedergekehrt aus dem Trash-TV-Urschlamm, geht durch den Luxusbereich der gerade neu angebrochenen Staffel "Promi Big Brother " und sagt mit jedem Wort, jedem Blick, was er von dem ganzen Scheiß hier hält. Und von uns, die sich diesen ganzen Scheiß auch noch anschauen. Und natürlich hat er völlig recht.

Sat.1 ist mit dieser Verpflichtung der größte Genre-Coup gelungen, den das Schundfensehwesen 19 Jahre in sich barg: Eine zumindest personelle Rückkehr in die Zeit, in der es nicht öde, sondern neu, hochinteressant und für nicht wenige gar skandalös war, Menschen dabei zuzuschauen, wie sie im Container saßen und auf Geheiß einer robotischen Dröhnstimme die Hauptstädte der Welt auswendig lernten.

Vernischte Bekanntheit

Seit 2003 hat Zlatko sich hocheffektiv aus der Öffentlichkeit verabschiedet und als Automechaniker gearbeitet, und dass er nun wiedergekehrt ist - nur für das Geld, wie er immer wieder und höchst glaubhaft betont -, ist die kurzzeitige Rettung eines schon leicht angewesten Trash-Formats - und gleichzeitig vielleicht seine Komplettzerstörung.

TV-Rückkehrer Trpkovski (M.), Moderatoren Jochen Schropp, Marlene Lufen: der einzige Kandidat, der nur seinen Vornamen sagen muss, weil man ihn hinter dem Grau- und Glatzenfilter nicht gleich erkennt
Willi Weber/ Sat.1

TV-Rückkehrer Trpkovski (M.), Moderatoren Jochen Schropp, Marlene Lufen: der einzige Kandidat, der nur seinen Vornamen sagen muss, weil man ihn hinter dem Grau- und Glatzenfilter nicht gleich erkennt

Fast drei Stunden nämlich hatte man vor seinem Einzug schon dem Almklausi, dem Pumptobi, der Murmeltiertheresia und den anderen Schonmalgesehens in verrotteter Campingplatz-Kulisse beim Furzen und Sich-Definieren zugesehen: Ich bin der-und-der, ich mache das-und-das, keiner der Insassen ist selbsterklärend, ihre Bekanntheit ist vernischt und fällt so schnell zusammen wie Bierschaum.

Menschgewordene Unwilligkeit

Labor-und-Lupe-Formate wie "Big Brother" können interessant sein, wenn man medial konstruierte Menschen, die man zu kennen glaubt, noch mal von einer ganz anderen Seite emotional-endoskopiert - doch damit das funktioniert, muss man sie, eben: überhaupt erst einmal schon kennen.

Zlatko, der seit 2003 Abgetauchte, ist bei seinem Einzug schließlich der einzige, der nur seinen Vornamen sagen muss, weil man ihn hinter dem Grau- und Glatzenfilter eben nicht gleich erkennt. Den Namen aber hat jeder noch gespeichert, fatalerweise auch eine passende Einlaufmelodie, mindestens nämlich den Refrain von "Großer Bruder", Zlatkos Bruderhymne mit Jürgen, die im Jahr 2000 vier Wochen lang auf Platz eins der Singlecharts stand. Von "Wenn du willst, dass ich schlucke, trinke Ananassaft", dem gesungenen Fellatio-Tutorial von Kandidatin Ginger Costello-Wollersheim, hört man in der Einzugssendung zum ersten - und, wenn es ein Gottwesen gibt, auch zum letzten Mal.

Warum das denn sein erstes TV-Format seit 16 Jahren sei, wieso er sonst nichts mehr gemacht habe, wollen die anderen wissen, und Zlatko, diese menschgewordene Unwilligkeit, presst sich ein paar Worte raus wie aus einer verdorrten Zahnpastatube: "Weil mir das zu viel war und zu blöd. Du musst dafür geboren sein, um den Käse zu machen. Ich bin nicht dafür geboren, prominent zu sein."

"Rein, Spaß haben, Kohle kassieren, danke schön, auf Wiedersehen"

Worauf ihn alle mit ungläubigen Kalbsgesichtern anschauen, weil man sowas eben nicht mehr kennt in der aktuellen Schnellaufbrüh-Prominenzwelt, in der sich niemand rar macht, die ganz im Gegenteil darauf aufbaut, dass man sich aufdrängt, wo es geht, sich aufs peinlichste im Fernsehen verheiraten lässt und sich mit Bachelor-Beischlaf brüstet, unverlangt herauströtet, mit welcher Methode man verhütet und sich hysterisch über ein paar Radieschen freut, nur, um kurz im grellen, verzerrenden Licht zu stehen, um gesehen zu werden.

Promi-Big-Brother-Kandidatinnen: Keiner der Insassen ist selbsterklärend, ihre Bekanntheit ist vernischt
Willi Weber/ Sat.1

Promi-Big-Brother-Kandidatinnen: Keiner der Insassen ist selbsterklärend, ihre Bekanntheit ist vernischt

Wiedergänger Zlatko sagt, was alle sehen, aber niemand ausspricht: Alles nur Schmuh hier, alles künstlicher Blödsinn. Und könnte, wenn er sich nicht doch noch korrumpieren lässt, der grobe Entkerner sein, der diesen ganzen aufgetürmten Unsinn wreckingballmäßig zerkloppt. "Wir sind alle das, was wir sind, und wir sind es hoffentlich in unserer besten Form", sagt Schmonzenschaupielerin Sylvia Leifheit in ihrem Vorstellungsfilmchen, und man weiß nicht, ob sie das aus dem Konversationshandbuch für Sektenführerinnen oder für Diätshake-Verkäuferinnen hat.

Zlatko beschreibt seinen Plan für die nächsten zwei Wochen "Promi Big Brother" so: "Rein, Spaß haben, Kohle kassieren, danke schön, auf Wiedersehen". Und man weiß schon nach der ersten Folge, wem man die 100.000 Euro Gewinnprämie am meisten gönnen würde.



insgesamt 20 Beiträge
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dasfred 10.08.2019
1. Zlatko hat wenigstens die Schuhe ausgezogen
Ich frage mich, hat der Big Brother Casting Chef es ernst genommen und war bei RTL Containern. Einige Stars sind dort schon zweimal verkocht und ausgepresst, bis kein Saft mehr rauszuholen war. Benutzt, ausrangiert und nun wiederverwertet. In Ansätzen scheint es noch möglich, mit der passenden Musik und den richtigen Off- Texten noch leichte Fernsehkost zuzubereiten. So ein Tobi oder einige von den anderen Aufgespritzten als Beilage, können reichen, um das Format zu füllen. Wenn die, von den Zuschauern nominierten Topacts allerdings aus einem One Hit Wonder von vor Jahrzehnten, einem verstrahlten Dschungel König und einem Nachmittags Detektiv bestehen, dann fürchte ich, dass eigentliche Ziel dieser Staffel besteht darin, die Dividende der SAT1 Aktionäre nicht allzusehr zu mindern. Also, zum nebenbei laufen lassen ging es. Natürlich aufgezeichnet und die Werbung übersprungen.
kajoter 10.08.2019
2.
Auch derartige Sendungen sollten einem intensivierten Umweltschutz zum Opfer fallen. Man bedenke den Aufwand, den sie erfordern, und stelle ihn in Relation zum Ertrag. Gut, zugegeben - das ist etwas scharf formuliert. Aber es kommt noch ein weiterer Punkt hinzu. Man schaue sich die Methoden des Medien-Moguls R. Murdoch an. Diese bestehen größtenteils aus Trash. Und dann bedenke man, dass z.B. die Pro-Brexit-Abstimmung von genau diesem Trash extrem unterstützt wurde. Oder man schaue sich den Polit-Trash von Hannity, Tucker Carlson, Laura Ingraham und all den anderen Trashern auf Fox an, der mittlerweile zum inoffiziellen Regierungssender mutierte. Das passiert, wenn Trash zum Leitmedium ganzer Gesellschaftsteile wird. ich finde Frau Rützels Bemühungen, dieses Niveau auf eine augenzwinkernd humorvolle Ebene zu schieben, durchaus anerkennenswert. Schließlich kann man angesichts dieser Dauer-Katastrophe nicht permanent in Weltuntergangsvorahnungen versinken. Aber mir fehlen dabei häufig Elemente der Demaskierung, der Richtigstellung und der - ja auch das: der Anklage. Denn die Macher dieses Genres sind in der Regel intelligente Menschen, die genau wissen was sie tun, die in ihrem Leben aber anderen Gewichtungen folgen. Und wenn man sich diese genauer anschaut, könnte man sie problemlos den Bereich der Menschenverachtung zuordnen. Worte haben Konsequenzen, sagt man seit einiger Zeit. Ein ganzes Sendeformat aber auch, möchte ich hinzufügen. Die USA erlebt gerade diese Konsequenzen und darüber kann niemand mehr schmunzeln oder gar lachen.
retterdernation 10.08.2019
3. Zufälle ...
aus Versehen beim Zappen in dieses Camp gebootet. Keine Meinung zuvor von dieser Aufführung gehabt und gleich weiter mit der Gangschaltung die TV-Liste abgeblitzt. Wenn man schon einmal Fernsehen will. Allein. Ohne jemand, der einem etwas intellektuelles überstreifen will. Dann kann das schief gehen. Und vieles deutete daraufhin. Denn aller Versuche zum Trotz ging da irgendwie nix wirkliches. Also die TV-Leiste zurück geblitzt. Noch einmal in diesem Camper-Camp hängenblieben. Das hatte auf einmal wenigstens irgendetwas. Vielleicht lag es an der altbekannten Big Brother Stimme und an den Erinnerungen an die wilden Jahre des Privatfersehens. Damals als alles ging. Man schon am frühen Abend in den Boulevard-Magazinen im TV den Geburtstag von Dolly Buster mit einem leicht verpixelten Porno abfeierte oder sich ein A beim Glücksrad kaufte. Niemand ist frei von Sünde hieß es nicht nur im TV in dieser Zeit. Viele unter uns werden sich an diese Epoche erinnern. Die manche mehr, andere weniger mitverfolgten. Zlatko - und der Big Brother Trash gehörten zu den Formaten - die Millionen täglich ihre Unterhaltung ins Haus lieferten. Sich zum Kasper der Nation machten. Wegbereiter für alle möglichen Formate, die im Anschluss folgten. Tausende von Namen. Die kamen und gingen. All dies schoss mir da gestern beim betrachten der Show durch den Kopf. Die von der Zusammensetzung gar nicht so schlecht erscheint. Jedem sein Body, möchte man meinen. Vielleicht schaue ich sogar noch einmal rein. Der Abgründe wegen. Weshalb auch sonst. Oder wegen Zlatko. Zufälle - heißt die Überschrift. Fein - diesen Artikel der geschätzten Autorin entdeckt zu haben.
dhoerschdle 10.08.2019
4. Wow....
Wenn Zlatko schon der Bekannteste im Container ist, dann sagt das einiges, oder alles über seine WG Kollegen aus.
m82arcel 10.08.2019
5.
Irgendwie kann Sat1 es einfach nicht. Der Cast ist suboptimal (die Konfro-Versuche des Trovato-Typen werden mangels Sparringspartner kaum zünden), die Inszenierung ist kühl und wenig originell (haben die sich nicht angeschaut, welchen Aufwand man bei Masked Singer betrieben hat?), die Moderatoren sind "nett" (sind alle guten Autoren bei RTL? Gags auf Vorabendniveau sind beim Trash-TV zu lahm) und der Schnitt ist im Jahr 2001 hängen geblieben (es ist vielleicht zwei mal witzig, wenn die Kandidaten nicht verstehen, dass sie nur ein Teil mitnehmen dürfen - das bei jedem in voller Länge zu zeigen, nervt nur). Und dann die Länge. Von 20.15 Uhr bis 0.15 Uhr, ohne dass man wirklich was zu zeigen hat? Das macht keine Lust auf mehr. Während das Dschungelcamp immer gefühlt etwas zu kurz ist und man sich freut, am nächsten Tag wieder einzuschalten, war das gestern locker 2 Stunden zu lang. Warum sollte man heute wieder einschalten? Um sich das ganze Einzugs-Gedöhns noch einmal anzuschauen? Da gucke ich dann vielleicht doch lieber mal wieder Arte.
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