Promi-Trash "Die Alm" Schneckenschleim im Alpen-Camp

Ekliges Getier im Dunkeln ertasten, Mahlzeiten aus ungewöhnlichen Zutaten, bemüht sarkastische Moderationen: Für die Neuauflage von "Die Alm" hat sich ProSieben kräftig beim großen Vorbild bedient - dem RTL-Dschungelcamp. Und zwar so schamlos, dass das fast als Flirt durchgeht.

ProSieben

Von Peer Schader


Wir leben in einem freien Land - und wenn zwei Sender sich lieben, sollen sie das nicht geheim halten müssen. Auch wenn es sich dabei womöglich um eine Liebe handelt, die von den Eigentümern nicht gutgeheißen wird. Aber jetzt ist es eh raus: Da geht was zwischen ProSieben und RTL! Sonst würde der erste dem zweiten Sender mit seiner neuen Reality-Show "Die Alm" ja nicht so heftig Avancen machen.

Die Auftaktsendung am Samstagabend war in jedem Fall eine einzige Liebeserklärung an RTL. Denn ProSieben hat sich wirklich Mühe gegeben, alles exakt so aussehen und funktionieren zu lassen wie im australischen Dschungel, in den der - bisherige - Konkurrent aus Köln einmal im Jahr verirrte Promis schickt, um sich dort mit ein paar Millionen Zuschauern ein bisschen über sie lustig zu machen.

Das Problem ist nur: Die ProSieben-Ranschmeiße sieht fast aus wie eine billige Kopie. Und das ist fürs Flirten nun wirklich keine gute Voraussetzung.

Nichts zu tun, dafür wird gemeinsam gesungen

Falls Sie dem nicht ganz folgen können - die Erklärung folgt sofort: Am Samstagabend hat ProSieben neun Damen und Herren, von denen die meisten durch vermeintliche Fernsehkarrieren bekannt sind, auf einen alten Bauernhof in die Südtiroler Alpen getrieben, damit sie dort - verrotten können. Zumindest sah es in der ersten Folge danach aus. Denn zu arbeiten gab's noch nix, nur ausführlich die mittelkomfortablen Heubetten zu bestaunen, in der Sonne zu braten und abends gemeinsam Lieder mit Gitarrenbegleitung zu singen.

In den kommenden zwei Wochen wird sich das vermutlich ändern. So war es zumindest bei der Premiere vor sieben Jahren, als "Die Alm" das erste Mal lief und das von ProSieben verpflichtete Personal zum Ausmisten, Melken und Güllebaden eingeteilt war. Auch das war damals schon eine Art alpine Dschungelcamp-Kopie.

Für die Neulinge hielten sich die Strapazen zu Beginn der neuen Staffel in Grenzen - selbst wenn die Hälfte bereits nach dem Einzug bereits völlig fertig ist. Die frühere "Germany's Next Topmodel"-Kandidatin Gina-Lisa Lohfink fürchtet sich bereits vor der "Bild"-Zeitung, weil ihr rausgerutscht ist, dass sie sich Botox hat spritzen lassen. Ihr Kumpel, Ex-"Topmodel"-Coach Rolf Scheider, wurde vor dem Auftrieb von einem Schaf niedergestreckt. Werner Lorant - früher Fußballtrainer, heute pleite - hat so ausgiebig in der Nase gebohrt, dass man Angst haben musste, er müsse die nächste Zeit einhändig ackern. Und Carsten Spengemann, welcher sich seit den neunziger Jahren als Moderator ausgibt, hat sichtlich keinen Bock auf den ganzen Unfug, braucht aber vermutlich das Geld.

Akribisch winzige Details abgeschaut

Die Höhepunkte an Tag eins hielten sich also in Grenzen. Für den Sonntagabend hat ProSieben allerdings einen handfesten Streit zwischen dem Huber Josef, dem steinalten Chef des Hofes, und Teamküken Thomas angekündigt, der schon mal bei "DSDS" war, sich seitdem "Der Checker" nennt und deswegen im Leben ja wohl nichts mehr zu sagen lassen braucht.

Damit wären wir wieder bei der heimlichen Senderliebe. Denn viel spannender als die Promis war es, an diesem Abend zu beobachten, mit welcher Akribie sich ProSieben auch winzigste Details bei "Ich bin ein Star! Holt mich hier raus" abgeguckt hat.

Das fängt schon bei der Ausstattung an: Statt in einem Baumhaus über Palmen sitzen die Moderatoren in einem - nun ja: Almhaus unter Tannen, das wirklich exakt so aussieht wie eine mit Alm-Accessoires vollgestellte RTL-Variante, samt kleiner Brücke daneben. Statt Dschungelprüfungen gibt es die "Muh-Prüfung" zu bewältigen, zu der als erstes Tessa Bergmeier, ebenfalls aus dem "Germany's Next Topmodel"-Nachlass stammend, antrat. Es ging darum, im Dunkeln Krebse, Schlangen und Echsen zu ertasten. Offenbar war es ProSieben nicht gelungen, ein paar in den Bergen beheimatete Arten einzufangen. Am Sonntag soll "Der Checker" das "Alm-Menü" verspeisen: Hühnerfüße, Blutnudeln, Rinderzunge, Schneckenschleim. Kennt man ja.

"Wir haben keine Texte mehr!"

Am schlimmsten ist aber, dass das Moderatorenpaar Janine Kunze ("Karnevalissimo") und Daniel Aminati ("taff") ernsthaft versucht, Sonja Zietlow und Dirk Bach zu spielen. Zumindest klang das Wechselspiel ironisch gemeinter Kommentare, das sich die beiden gegenseitig von ihren Karteikärtchen vorlasen, so als hätten es die RTL-Autoren aus dem Dschungel geschrieben - und dann wieder verworfen, weil es noch nicht gut genug ist.

"Bei Ihnen zu Hause ist es viertel nach acht - und bei uns hier ist es viertel nach acht", begrüßte Aminati das Publikum mit einer Anspielung aufs Vorbild, bei dem stets der Zeitunterschied zu Australien angesagt wurde.

Als in der ersten Hälfte der Live-Sendung prompt eine falsche Zuspielung gezeigt wurde, die beiden Moderatoren viel schneller wieder im Bild waren als gedacht und Kunze leicht verzweifelt "Wir haben keine Texte mehr!" Richtung Regie japste, klang das schon nicht mehr ganz so lässig. Aber funktionieren kann es natürlich trotzdem: gerade weil ProSieben so exakt RTL studiert hat. Und weil es vielen Zuschauern womöglich egal ist, ob das jetzt genauso toll getextet oder geschnitten ist - Hauptsache, da steigen ein paar Leute in die Gülle, über die man lachen kann, so, wie man das von der Konkurrenz gewöhnt ist.

Es lebe die Liebe.

"Die Alm - Promischweiß und Edelweiß", ProSieben, täglich 22.15 Uhr.



insgesamt 85 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pepito_Sbazzagutti 21.08.2011
1. Keine Panik !!
Immerhin scheint die "Alm" der SpOn-Redaktion mit zwei Threads innerhalb von drei Tagen doch am Herzen zu liegen. Zu Beginn der Diskussion gleich gute Nachrichten an die Weltuntergangswarner: Auch nach dem Ende dieser "Alm"-Staffel wird sich die Erde weiter drehen, das Ende der Zivilisation wird noch einmal verschoben und vermutlich wird sogar jeden Morgen wieder die Sonne aufgehen. Wer sich diesen Stuss ansehen möchte, der soll es tun; wer nicht, der lässt es bleiben. Wenn man vom Fernsehen keine Qualität mehr erwartet, dann wird man auch nicht enttäuscht :-)
breisig 21.08.2011
2. .
ich bin dschungelcampfan und hatte mir von der alm mehr versprochen. trotzdem ziehe ich mir die alm weiter rein, viell. steigern die sich ja noch. das moderatorenduo versuchte krampfhaft zietlow und bach zu imitieren, der beste satz kam von der kunze, "wir haben keine texte mehr." die ist mit freier moderation also überfordert. da ich den lorant noch aus seiner glanzzeit als 60-trainer kenne tut der mir fast etwas leid, aber das leben ist nicht immer nur fi.. und pommes.
steamiron 21.08.2011
3. .
Zitat von Pepito_SbazzaguttiImmerhin scheint die "Alm" der SpOn-Redaktion mit zwei Threads innerhalb von drei Tagen doch am Herzen zu liegen. Zu Beginn der Diskussion gleich gute Nachrichten an die Weltuntergangswarner: Auch nach dem Ende dieser "Alm"-Staffel wird sich die Erde weiter drehen, das Ende der Zivilisation wird noch einmal verschoben und vermutlich wird sogar jeden Morgen wieder die Sonne aufgehen. Wer sich diesen Stuss ansehen möchte, der soll es tun; wer nicht, der lässt es bleiben. Wenn man vom Fernsehen keine Qualität mehr erwartet, dann wird man auch nicht enttäuscht :-)
Ich habe den Artikel nicht gelesen. Aber ich wette, dass Ihr Beitrag informativer, und vor allem spannender.. ist. Als diese kaputten Leute im Fernseher!!
NormanR, 21.08.2011
4. Gestern Abend auf Vox
ein schöner "Märchenfilm" mit Moritz Bleibtreu: er kämpfte gegen die Verblödung der Massen mit Manipulation der Quoten. War das toll!! Leider nur ein Traum. Und der Film schon von 2007. Seither hat sich alles nur noch verschlimmert!!!
uwemichael 21.08.2011
5. Unterschied Sarkasmus / Zynismus
Zitat von sysopEkliges Getier im Dunkeln ertasten, Mahlzeiten aus ungewöhnlichen Zutaten, bemüht sarkastische Moderationen: Für die Neuauflage von "Die Alm" hat sich ProSieben kräftig beim großen Vorbild bedient -*dem RTL-Dschungelcamp. Und zwar so schamlos, dass das fast als Flirt durchgeht. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,781453,00.html
Frage an den Autor: meinten Sie vielleicht "...bemüht zynische Moderationen..."?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.