Promis über Thomas Gottschalk "Er ist das trojanische Pferd der Unterhaltung"

Thomas Gottschalk begann seine Karriere als Berufsjugendlicher, nun wird er 70. Kollegen und Weggefährten erzählen von gemeinsamen Erlebnissen.
Gesammelt von Arno Frank und Alexander Kühn
Thomas Gottschalk: "Er hat ein paar Vorteile, die ich nie nachholen kann"

Thomas Gottschalk: "Er hat ein paar Vorteile, die ich nie nachholen kann"

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Tom Weller/ picture alliance/ dpa

Schauspieler Christian Ulmen, 44, kannte Gottschalk lange Zeit nur aus dem Fernsehen

"Das erste Mal, dass ich ihn leibhaftig sah, war vor etwa zehn Jahren, eine Zufallsbegegnung im Flugzeug. Thomas Gottschalk war einer der letzten, die reinkamen, er hatte vorn in der Businessclass seinen Platz. Er hat von dort aus wirklich allen zugenickt, bis in die letzte Reihe - als käme er aus den Kulissen bei "Wetten, dass..?". Im Kleinen kenne ich solche Situationen ja auch. Mein Impuls ist dann immer: kein Blickkontakt zu den Leuten, schnell sitzen, meine Ruhe haben.  Bei ihm hatte ich das Gefühl, er sucht das: "Servus! Na?" Als würde er gleich den Flug moderieren, bis hin zu den Sauerstoffmasken. Für mich war es ein erhellendes Erlebnis zu sehen, so geht es auch. Warum sich immer so schwertun! Nach der Landung wartete er auf seine Koffer, und Leute setzten sich neben ihn. "Servus, wo kommst du denn her?", "Servus, wo fliegst du denn hin?". Diese Nahbarkeit hat mich fasziniert. Er hätte alle Möglichkeiten gehabt, einen VIP-Service zu mieten, dann holen die dich schon vorher raus und bringen dich auf verschlungenen Wegen oder in unterirdischen Gänge nach draußen. Er hätte jede Chance gehabt, Kontakt zu vermeiden. Stattdessen setzt er sich ihm aus, offenbar gern. Was mag das sein: Menschenliebe?"

Moderator Frank Elstner, 78, hat "Wetten, dass..?" erfunden und die Show 1987 an Gottschalk übergeben

"Er hat ein paar Vorteile, die ich nie nachholen kann. Seinen unverwechselbaren Kopf etwa. Und seine Größe. Er misst 1,92 Meter, ich 1,73. Er ist eine Erscheinung, die sofort Platz greift. Ich kann zwei Stunden lang unbemerkt in einem Restaurant sitzen. Wenn er zur Tür reinkommt, weiß innerhalb von Sekunden jeder, dass er da ist. Wenn wir zu seiner großen Zeit irgendwo gemeinsam auftauchten, sind die Leute immer zuerst zu Thomas hin. Die Festsau, die am schönsten geschmückt ist, wird als Erstes gestreichelt."

 TV-Produzent Holm Dressler, 70, hat als ZDF-Redakteur "Wetten, dass..?" betreut

"Thomas war in der Zusammenarbeit einzigartig. Und ganz anders als sein Vorgänger Frank Elstner. Frank liebte große Redaktionssitzungen. Der hätte am liebsten noch seinen Fahrer mit an den Tisch genommen oder seine Putzfrau. Er wollte sich in seiner Kreativität absichern. Für Thomas war das nichts. Er konnte sich immer darauf verlassen: Mir fällt in der Sendung schon was ein. Weil andere Moderatoren das so verlangen, haben ihm Redakteure anfangs zu jedem Gast 20 bis 30 Seiten mit Informationen aufgeschrieben. Günther Jauch etwa fand das toll. Bei Thomas war schnell klar, dass er das nicht liest. Nicht, weil er gedacht hätte, da steht nur Käse drin. Sondern weil er sagte: Das kann ich mir eh nicht merken. Wir haben ihm dann nur eine Seite aufgeschrieben, auf der stand, warum der Gast da ist. Die hat er gelesen, allerdings erst samstags um 19.30 Uhr."

Moderator Wolfgang Lippert, 68, hat 1992 von Gottschalk "Wetten, dass..?" übernommen - und die Sendung 1993 wieder an ihn abgegeben

"Ende 1994 hat Thomas mich in sein Haus nach Malibu eingeladen, einige Zeit nachdem ich Wetten, dass..?" wieder an ihn abgegeben hatte. Das waren ein paar ganz launige Tage, die wir miteinander verbrachten. Wir haben in einem begehbarem Humidor Zigarre geraucht, sind ein bisschen durch die Gegend gecruist und haben den Regisseur Wolfgang Petersen besucht und weitere Stars, die dort leben. Ich glaube, es tat Thomas damals ein bisschen leid, wie alles für mich gelaufen ist." 

"Eigentlich wollte ich hier etwas darüber meckern, dass einer noch immer Fernsehen macht, der bei seinem Alter jetzt eine Sieben vornedran hat. Dann ist mir eingefallen, dass ich nächstes Jahr auch schon 80 werde"

Karl Dall über Thomas Gottschalk

 

Komiker Mike Krüger, 68, hat mit Gottschalk mehrere Kinofilme gedreht, darunter "Die Supernasen"

"Thomas hatte schon immer die Gabe, dass Leute ihm alles ermöglichen, was er sich ausgedacht hat. Wenn wir zusammen ein Drehbuch geschrieben hatten und er dem Produzenten Karli Spiehs davon erzählte, blieb dem nichts anderes übrig, als es zu verfilmen. Weil er dachte, das wird das größte Kinokunstwerk aller Zeiten. Gut, das waren unsere "Supernasen"-Filme ja auch. Thomas ist aber auch einer der faulsten Menschen, die ich kenne. Wenn wir an einem Drehbuch gearbeitet haben, dann habe ich geschrieben, während er fröhlich durch den Raum marschierte, mir ein paar Sätze zurief und dann fragte: "Hast du alles im Block?" Diese Mischung hat uns viel Erfolg gebracht.

Thomas war immer ein Popstar, so hat er sich auch gesehen. Wenn bei "Wetten, dass..?" jemand aus Hollywood zu Gast war, hatte man nicht das Gefühl, dass neben Thomas ein Superstar sitzt, sondern dass der Star denkt: Was für ein großer Moderator! Er hat sie behandelt wie Freunde: Das ist mein Kumpel aus Amerika, der mal eben bei mir in der Offenburger Messehalle vorbeikommt. Ich werde nie vergessen, wie wir samstagnachmittags zusammen in der Garderobe von "Wetten, dass..?" saßen. Thomas bekam von seiner persönlichen Maskenbildnerin gerade sein Haupthaar in ein Handtuch geschlungen. Da kam der Aufnahmeleiter rein: "Du musst runter in die Halle, Michael Jackson will jetzt proben. Er hat gerade alle rausschmeißen lassen, nur die Kameraleute und der Regisseur dürfen bleiben. Und er möchte den Gastgeber der Show treffen." Thomas sagte: "Warum? Er trifft mich doch heute Abend!" Und der Aufnahmeleiter, ganz aufgeregt: "Thomas, es ist Michael Jackson!" Dann ist Thomas runter in die Halle, im Bademantel, mit Handtuchturban, sagte kurz: "Michael, nice to meet you." Danach kam er wieder hoch und sagte, ich weiß wirklich nicht, warum der mich jetzt treffen wollte."

Komiker Karl Dall, 79, kennt Gottschalk seit den Siebzigerjahren und war häufig in dessen Sendungen zu Gast

"Er fing mal richtig frech an, damals fühlte ich mich ihm ein bisschen verwandt. Etwa sein Spruch gegenüber einer 60-jährigen Artistin mit knappem Höschen, sie solle aufpassen, dass sie sich nicht die Eierstöcke verkühlt. Heute ist im Fernsehen alles angepasst, ich bin ich der Letzte, der noch frech ist. Ich war immer froh, dass ich nicht seine Popularität habe. Ihn grapschen die Hausfrauen rechts und links an, da muss man ja sehr aufpassen inzwischen. Jetzt, wo ich Mundschutz trage, sehe ich allerdings besser aus als früher. Blöderweise erkennt mich damit keine Sau mehr. Vor vielen Jahren habe ich Thomas in seinem Haus in Malibu besucht. Er hat Sushi kommen lassen. Ich hatte das noch nie gegessen und rief: Was ist denn das für eine Scheiße? Inzwischen mag ich Sushi sehr gern. Jetzt lebt er in Baden-Baden, dem Seniorenheim der Nation, das passt ganz gut. Wenn sich die Zeiten wieder normalisiert haben, werde ich ihn gern besuchen. Eigentlich wollte ich hier etwas darüber meckern, dass einer noch immer Fernsehen macht, der bei seinem Alter jetzt eine Sieben vornedran hat. Dann ist mir eingefallen, dass ich nächstes Jahr auch schon 80 werde. Da sage ich lieber nix!"

 Komiker Oliver Polak, 44, ist Gottschalk-Fan 

"Ich glaube, dass Gottschalk, nach der Generation Rosenthal und der Generation Carrell, derjenige war, der das Steife, das Rauhe, das Kalte hier in Deutschland endgültig durchbrach. Er war deutsch und gleichzeitig so international. Furchtlos, er selbst. Seine Outfits, seine Sprüche, seine Konter, er war Popkultur. Er ist das trojanische Pferd der Unterhaltung. Amerikanisches Entertainment, getarnt als fränkischer Lehrer. Und eine Stimme, so vertrauenserweckend wie von einem engen, geliebten, weisen Verwandten."

DER SPIEGEL

Moderator Jörg Thadeusz, 51, hat mehrmals mit Gottschalk zusammengearbeitet

Ich war mal sein Schreibscherge, bei der "Goldenen Kamera". Er brauchte zwar niemanden, der ihm Gags schreibt. Aber er hat sich das alles angehört. Wie er sich am nächsten Tag dann mit seiner "Ach, seid ihr auch da?"-Haltung vor diese erlauchte Gesellschaft gestellt hat, das war schon einmalig. Für ihn ist das aber so. Die sitzen da halt. Er ist so, er spielt sich nicht. Später moderierte ich einmal einen Abend mit ihm, und auf der Bühne ist er als Gesprächspartner auch sehr angenehm. Man muss ihn nur anspielen. Dann ist er witzig, aber niemals auf Kosten eines Geringeren. Der Unterschied, den es zwischen uns gibt – er ist immerhin Thomas Gottschalk – war einfach aufgehoben. Ich hätte zwischendurch auch einfach mal nichts sagen können und mich trotzdem wohlgefühlt. Seine Einstellung ist: "Was soll schon Schlimmes passieren?", und damit hat er recht. Er ist eine stetige Aufforderung an uns, einfach mal den Stock aus dem Hintern zu nehmen.

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