»Promis unter Palmen« auf Sat.1 Eine Eskalation von Ekelhaftigkeiten

Der Sender Sat.1 zeigt zum Auftakt von »Promis unter Palmen« homophobe Beleidigungen. Die Besetzung legt nahe, dass sie kalkuliert geschahen. Das ist indiskutabel und zerstört das Format unrettbar.
Der Cast von »Promis unter Palmen«

Der Cast von »Promis unter Palmen«

Foto: Sat.1

Es gibt zwei mögliche Erklärungen dafür, warum sich Sat.1 dazu entschlossen hat, die Auftaktfolge der neuen Staffel von »Promis unter Palmen« in dieser Form zu senden. Beide sind verantwortungslos und schäbig.

Die erste Theorie beinhaltet immerhin zusätzlich noch einen Hauch destruktiver Planungsperfidie: Vielleicht will man mit diesem bis zum Äußersten und darüber hinaus getriebenen Format das Genre Trash-TV endgültig für alle Zeit unmöglich machen, um den in diesem Sujet uneinholbar überlegenen Konkurrenzsender RTL nachhaltig zu beschädigen. Die zweite, leider deutlich wahrscheinlichere und ruchlosere Theorie: Sat.1 hat aus den ausgiebigen Diskussionen um die letztjährige PuP-Staffel nichts gelernt und sieht völlig bewusst weiterhin kein Problem damit, mit Homophobie und ganz allgemein mit Menschenverachtung Quote und Geld zu machen.

Was in dieser ersten Folge genau passiert ist, mag man nur so ausführlich wie eben notwendig wiedergeben. Eine ohnehin schon extrem unappetitliche Spirale von Entgleisungen und Ekelhaftigkeiten eskalierte darin in einer Szene, in der der stark angetrunkene Marcus Prinz von Anhalt die Dragqueen Katy Bähm grob homophob beleidigt. Ausgerechnet Willi Herren, der bislang in anderen Formaten nicht unbedingt als Kämpfer für Anständigkeit aufgefallen war, tritt dem pöbelnden Hassbolzen sehr engagiert und deutlich entgegen. Am nächsten Morgen entschuldigt sich der Proletenprinz extrem halbherzig, bleibt aber grundsätzlich bei seiner Meinung. Und dann wird alles erst richtig schlimm, weil alle weitermachen, als sei nichts passiert. Zwar wird er am Ende von seinen Mitbewohnern aus der Sendung gewählt, aber es geht denkbar knapp zu.

Nun kann man grundsätzlich darüber streiten, ob derartige Ausfälle in einer vorproduzierten, also beliebig editierbaren Sendung überhaupt ausgestrahlt werden sollten. Die Entscheidung, auch derartigen Unerträglichkeiten einen Platz in Formaten zu geben, die früher ja mal »Reality-TV« genannt wurden, kann man dabei unter bestimmten Voraussetzungen akzeptieren, denn derlei Hassauswürfe sind ja nicht erfunden, sie existieren in der nicht produzierten Welt abseits des TV. Wenn sie passieren, muss man sie zeigen – wie es RTL bei den Mobbing-Mechanismen im letztjährigen »Sommerhaus der Stars« tat. Auch das war schwer zu ertragen. Allerdings müssen diese Szenen dann für die Zuschauer auch entsprechend eingeordnet werden – und sie müssen für den, der sie in die Welt brüllt, Konsequenzen haben.

Prinz Marcus hätte danach nicht im Format bleiben dürfen, aber der hätte von vornherein niemals eingeladen werden dürfen. Und die Beleidigungen und Hassreden nicht von vornherein durch die Auswahl des Casts einkalkuliert, wie es in diesem aktuellen Fall augenscheinlich der Fall ist.

Konfro- und krakeelwilliges Krawallkompetenzteam

Für »Promis unter Palmen« stellte die Produktion schon bei der Formatpremiere im vergangenen Jahr ein Konfro- und krakeelwilliges Krawallkompetenzteam aus den einschlägigen, etablierten Trash-Formaten zusammen, und in diesem Jahr die kurzluntigste Sommerhäuslerin, den zeigefrohsten Showkopulierer von »Love Island«, den schamlosesten Fremdgeher von »Temptation Island«, dazu routiniertes Brüllfeudel wie Melanie Müller, die seinerzeit in einer anderen, im Rückblick fast pittoresken Trash-TV-Welt, Larissa Marolt als Busengeneralin im Dschungelcamp manche Beschwerlichkeit bereitete.

Der Cast von »Promis unter Palmen« setzt auf Piesacker, Zündler und Schürer, die abfedernden Schlichter, Tröster und Kümmerer, die jedes gemäßigtere Format sonst eben auch in seinem Ensemble hat, fehlen hier völlig. Diese kalkulierte Eskalation ist plump, aber noch erträglich, wenn sie gewisse Grenzen nicht überschreitet. Wer aber für seine Sendung nicht nur nervige Schreihälse, sondern tatsächlich auch eine Figur wie Marcus Prinz von Anhalt engagiert, einen Mann, der nicht nur wegen (unter anderem) gefährlicher Körperverletzung und Menschenhandel verurteilt wurde, sondern der sich 2017 auch öffentlich und mit Parolen wie »Ohne Kontrolle beginnt die Verwahrlosung« freimütig für die AfD aussprach und in der Vergangenheit bereits reichlich durch indiskutable Äußerungen auffiel, der nimmt weitere Entgleisungen nicht billigend in Kauf, sondern führt sie gezielt herbei.

Spaß an Grausamkeiten?

Wenn Sat.1 dann während der Sendung in einem Tweet »klarstellen« will, dass der Sender die »homphoben Aussagen« von Prinz Marcus nicht teile, ist das der zynische Höhepunkt dieses Abends »Für uns gilt: Alle Menschen sind gleich.« Später wird Jochen Bendel in der anschließenden Nachbetrachtungstalkshow ernsthaft versuchen, den Ausfall als Aufklärung zu verkaufen: »Wenn man so was rausschneidet, ist das gleichbedeutend mit Wegschauen.« Man müsse auch Menschen wie den Prinzen einladen, um ihnen zu widersprechen. Nein, das muss man nicht.

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Die nächtliche Brüllszene ist übrigens nicht einmal der einzige komplett verantwortungslose Ausfall. Später müssen die Kandidaten am thailändischen Strand in augenscheinlich großer Hitze in einer Fitzcarraldo-Gedächtnis-Challenge Boote auf Holzstämmen über eine längere Distanz ziehen. Prinz Marcus kollabiert ziemlich zügig, und die Kamera hält lange, unfassbar lange auf den japsenden, kriechenden, komplett erledigten Mann. »Everybody dies/it’s the truth that makes us one«, wird dazu als Hintergrundmusik das Lied »Everybody cries« von Rita Wilson eingespielt, »soll der sterben oder was«, ruft Elena Miras, und es ist schwer zu glauben, dass die anwesenden Sanitäter aus der Distanz tatsächlich zu jedem Zeitpunkt sicher sein konnten, dass das hier gerade nicht lebensgefährlich ist. Nur wer Spaß an Grausamkeiten hat, will solche Szenen auf diese Weise ausstellen. Oder anschauen.

Diese Auftaktfolge und das produktionsseitige Kalkül hat »Promis unter Palmen« nach dem desaströsen Auftakt im vergangenen Jahr endgültig zerstört. Wenn man sich, den Trash-TV-Menschen und dem Fernsehen noch einen letzten Rest von Würde zugestehen will, kann man – darf man – diese Sendung nicht anschauen.

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