"Promis unter Palmen" auf Sat.1 Die fauligsten Früchte der Trash-Plantagen

Für sein neues Trash-Format "Promis unter Palmen" hat Sat.1 die zündelfreudigsten Schunddarsteller der vergangenen Jahre zusammengefegt. Und erfindet damit ein neues Genre: den Sozialporno.
Cast von "Promis unter Palmen": Alles, was hier passiert, ist grell und grob und wahnsinnig ordinär

Cast von "Promis unter Palmen": Alles, was hier passiert, ist grell und grob und wahnsinnig ordinär

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Richard Hübner/ SAT.1

So muss es sich anfühlen, wenn man nach zehn Tagen körperlicher Komplettkasteiung bei ungesüßtem Kräutertee auf die sehr gute Idee kommt, direkt eine dreistöckige Buttercremetorte zu verschlingen. Und eine halbe gebratene Sau. Ein Fass Butterschmalz, einen dicken Räucheraal und ein Blech Baklava. Und zum Nachtisch einen ganzen Pfau, gefüllt mit Flamingozungen.

Vermutlich hätte einen der Cast von "Promis unter Palmen" zu jeder Zeit beim Zuschauen überfordert und fast körperlich erschöpft, aber nach zehn Tagen knäpplichster Sozialdiät fühlt sich diese Sendung tatsächlich an, als sei man gerade aus einer dunklen Höhle gekrochen und von der stechend grellen, tatsächlich schon vergessenen Erkenntnis geblendet worden, wie Menschen so sein können.

Das Prinzip ist simpel: Zehn einschlägig Trash-TV-vorbelastete Menschen spielen uns in einer thailändischen Villa eine Art Parallelquarantäne vor, allerdings eine, in der nicht gebangt und gebarmt, sondern gebechert und gefummelt wird.

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"Promis unter Palmen"

Foto: Richard Hübner/ SAT.1

Als Personal dafür hat Endemol für Sat.1 auf den großen Trashplantagen der vergangenen Jahre sachkundig die fauligsten Früchte gepflückt, die Zetertrinen und Protzmännchen, die Zündelfriedel und Piekspatrone, und nur zur Sicherheit noch ein halbwegs frisch getrenntes Paar, dass sich einst bei "Promi Big Brother" fand, obendrauf.

Ein fast schon zu simples Rezept, das tatsächlich hervorragend funktioniert. Und so weiß man schon in der Einzugsfolge nicht, wo man gerade hin- und dann schnell wegschauen, was man zuerst verarbeiten soll. "Ich war Cheerleaderin", smalltalkt "Bachelor"-Absolventin Eva Benetatou. "Ist ein guter Anfang für die, die kein Talent haben", sagt Désirée Nick - nicht hintenrum, in irgendeinem Interview-Kabuff, sondern direkt in Evas Gesicht. Und zwar gleich zur Begrüßung, so ist hier der Ton, es ist natürlich sehr schrecklich, aber noch ein bisschen faszinierender.

Schwer erträgliches Bumsetimbre

Schon die erste Stunde tischt einen Premium-Trashmoment nach dem nächsten auf: Wie Tobias Wegener sich als "Love Island"-Teilnehmer vorstellt und dabei das "Love" so ausspricht, dass es sich auf "doof" reimt.

Wie Ronald Schill durchgängig mit schwer erträglichem, anzüglichem Bumsetimbre spricht, einer Stimme, die sagt: "Ich habe nestwarme Cockerspanielwelpen daheim, komm nur, komm mit!", und sich mit einem winzigen Lendentuch unsachgemäß für die Nacht windelt (das dann doch alle Weichteile freilegt). Wie sensationell eklig er Claudia Obert, jener Designerin, die schon bei "Promi Big Brother" schnapsselige und spreizbeinige Scheißegal-Laune zelebrierte, unter ihr Kleid fasst.

Szene aus "Promis unter Palmen": Hier wird Schund-Schach gespielt

Szene aus "Promis unter Palmen": Hier wird Schund-Schach gespielt

Foto: Richard Hübner/ dpa

Und wie Bastian Yotta fast verloren dabeisteht, weil er erst damit klarkommen muss, dass er in dieser Runde noch als der Verständigste erscheint – das alles zusammen ist fast schon zu viel.

Schnell wird allerdings klar: Hier wird Schund-Schach gespielt, es geht um den Kampf zweier Königinnen: Verbalpeitsche Désirée Nick gegen Pichelbulldozer Claudia Obert, die sich ganz offenkundig nicht ausstehen können und gleichzeitig die restlichen Kandidaten in Rekordzeit gegen sich aufgebracht haben.

"Deine Zähne sind schön geworden, nur ein bisschen weiß"

Désirée Nick über Matthias Mangiapane

Nick, die ihre Verachtung freigiebig wie supersaure Drops verteilt, deren Sätze erst süßlich, im Abgang aber deutlich nach Aas duften: "Deine Zähne sind schön geworden, nur ein bisschen weiß", disskomplimentiert sie Matthias Mangiapane für seine gerichteten Beißer. Mit Tobias, dem gelernten Lackierer, könne sie sich gut eine Beziehung vorstellen, schnurrt sie, wäre sie ein paar Jahre jünger: "So 'ne sinnlose Beziehung mit einem Handwerker, wo es nur ums Vögeln geht."

Daneben Obert, die, schon schwerst haubitzig, im pinkfarbenen Pyjama durchs Bild schwankt und sich einen nächtlichen Saufsnack richtet, den sie mangels Besteck aufgespießt auf ein riesiges Messer zum Munde führt, die die anderen offen als "Luschen" und "Nullnummern" bezeichnet: "Normalerweise packe ich, wenn mir einer dumm kommt, mein Zeug, meine Kreditkarte, und ziehe weiter - gehe erst mal ordentlich einen bechern."

Grell und grob und wahnsinnig ordinär

Vielleicht erfindet diese Sendung gerade das neue Genre des Sozialpornos: Alles, was hier passiert, ist grell und grob und wahnsinnig ordinär, im Kern noch als soziale Interaktion zu erkennen, aber grotesk überzogen und knallhell ausgeleuchet.

Man lernt schnell, sich über nichts mehr zu wundern, was geschieht oder was gesagt ist, staunt am Ende höchstens darüber, dass zum Abschluss nicht Nick und Obert regungslos im Pool treiben, im "Mord im Orient-Express"-Style gemeinsam erdolcht, jeder Stich ein Motiv.

Anja Rützel schreibt für den SPIEGEL über die schönen Seiten des Trash-TV und Pop. Zuletzt erschien ihr Buch "Schlafende Hunde", darin beschäftigt sie sich mit Promis und ihren Haustieren. Sie lebt in Berlin.

Was nicht ist, kann freilich noch werden: Am Ende der Folge wurde der erste Palmenpromi in einer offenen Wahl aus dem Format gekegelt, möglicherweise aus kindlicher Furcht entscheiden sich dann doch mehr Kandidaten für Nick als für Ennesto Monté, der seine Koffer packen musste.

Genug Potenzial also für reichlich neue Rach- und Krachgeschichten. Vielleicht muss bald Elena Miras als besonnene Friedensrichterin anreisen, alles scheint möglich in diesem Format. Es klingt schrecklich abgeschmackt, aber es stimmt: Es kommt zu rechten Zeit.

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