Anja Rützel

"Promis unter Palmen"-Finale Sie lieben Trash-TV? Dann schauen Sie das nicht!

Anja Rützel
Ein Kommentar von Anja Rützel
Gerade weil Trash-TV menschliche Abgründe auslotet, ist es so unterhaltsam - und manchmal sogar lehrreich. "Promis unter Palmen" aber macht Verantwortungslosigkeit zum Programm.
Trash-TV-Darsteller Bastian Yotta

Trash-TV-Darsteller Bastian Yotta

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Richard Hübner/ SAT.1

Trash-TV und Moral: Das ist naturgemäß ein schwieriges, oft schmieriges Verhältnis. Wer gerne grellen Menschen dabei zuschaut, wie sie auf dem schmalen Grat des menschlich gerade noch Erträglichen Pogo tanzen, kann sich hinterher eigentlich schlecht darüber beschweren, dass sie genau das tun. Und mitunter eben auch zu viel davon liefern - das ist der menschliche Risikofaktor.


Bei "Promis unter Palmen", der aktuellen Sat.1-Version des klassischen Behauptungsbekannte-werden-zusammen-weggesperrt-und-wir-gucken-was-passiert-Formats, wurde diese schmale Grenze spätestens in der Folge am vergangenen Mittwoch so eindrücklich niedergetrampelt wie wahrscheinlich noch nie zuvor im deutschen Trash-Fernsehen: Die Modeunternehmerin Claudia Obert, an deren Nonchalance die Einschüchterungsversuche der Gruppe bisher abgeprallt waren, wurde von ihren Mitbewohnern, vor allem von Giftmännchen Bastian Yotta, "Dschungelcamp"-Alumnus Matthias Mangiapane und "Bachelor"-Allzweckkandidatin Carina Spack drastisch gemobbt und beleidigt.

Natürlich ist Trash-TV eine Zumutung - so soll es ja auch sein

Sat.1 hat die entsprechende Folge von seiner Streaming-Plattform Joyn entfernt, nachdem bei der Kontrollstelle "Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen" eine Beschwerde einging. Das Gremium will die Vorwürfe nun prüfen.

Das Finale wird am Mittwochabend aber wie geplant gezeigt - ohne die gemobbte Obert, die erst in Tränen ausbrach und dann aus der Villa flüchtete.

Wer Trash-TV wirklich liebt, sollte sich diese letzte Folge nicht anschauen.

Trash-Fernsehen ist in den meisten Fällen eine Zumutung, und das soll es auch sein. Indem es zeigt, wie unerfreulich Menschen nun einmal sein können oder wollen – das Ganze idealerweise möglichst wenig inszeniert, dann lernt man beim Zusehen ja tatsächlich etwas, über Gruppendynamiken und Sozialstrategien, und eben nicht nur Schönes.

Auch "Promis unter Palmen" hatte dieses Lernpotenzial, weil hier menschliches Sausackverhalten zur Erkenntlichkeit entstellt wurde: Man kennt die Mobbing-Dynamiken aus dem echten Leben, das gemeinsame, widerliche Zusammenrotten gegen die vermeintlich Andersartigen, die stören, die man nicht haben will, die weg sollen. Es gibt das.

Reality-Shows als Lehrfilm über menschliches Verhalten

Darum greift die Forderung zu kurz, Trash-Fernsehen dürfe derlei Verhalten generell nicht zeigen. Tatsächlich könnte man die im Laufe der fünf bisherigen Folgen stetig eskalierenden Mobbing-Strukturen als Lehrfilm sehen, bei dem man nicht wegschauen sollte. Gäbe es da nicht ein entscheidendes Versäumnis. Das Problem an "Promis unter Palmen" war nicht, dass es von Mobbing erzählt, sondern dass es seinen Vorteil nicht nutzt, den es gegenüber dem echten Leben genießt: seine Editiermacht und sein Gespür für einen Cast, der zwar menschliche Abgründe kennt und auslotet, aber nicht Diskriminierung als Lebensprogramm betreibt.

Zur Editiermacht: Fernsehen darf Weltsichten ausstellen, die schrecklich sind und schmerzen - aber es steht dann auch in der Pflicht, diese schiefen Werte zu kommentieren, einzuordnen oder zu bewerten. Also: eine Haltung zu beziehen. Aber wenn die Off-Stimme nicht einschreitet, um Sexismen und Mobbing zu benennen, werden diese Gafflustfütterungen gefährlich - weil sie Verurteilenswertes ohne eine Einordnung eben vor allem auch reproduzieren.

Zum Cast: Am krassesten kristallisierte sich dieses Problem an der Person Bastian Yotta. Der Trash-TV-Protagonist rührt seit Jahren in Formaten wie dem "Dschungelcamp" oder "Die Yottas! Mit Vollgas durch Amerika" und seinen privaten Instagram-Storys den immer gleichen Ego-Eintopf aus Pick-up-Artist-Misogynität, Selbstsuggestionssprüchen aus dem Powerpoesiealbum und standardmäßigem Männchen-Getue an.  Bei "Promis unter Palmen" wirkte er dagegen, gemessen an den Auswürfen der anderen, für seine Verhältnisse fast gemäßigt.

Zuletzt tauchten allerdings jüngere, vermutlich vier Jahre alte Videoausschnitte aus Yottas käuflich erwerbbarem "Kingmaker"-Lehrprogramm auf, in denen er frauenverachtende Ansichten äußert: Frauen seien dazu verpflichtet, für Analverkehr herzuhalten, Männer hätten das Recht, sie nach Belieben "zu benutzen". In einem weiteren Video empfiehlt er betrunkene Frauen als geeignete, weil nicht mehr wirklich wehr- und entscheidungsfähige Begattungsobjekte. Ein Missbrauchstutorial. Yotta behauptet, er sei längst ein anderer, und ja, Rehabilitation muss auch nach solchen Taten fraglos unbedingt möglich sein, eine glorifizierende TV-Bühne - gerüchteweise heißt es, er könne "Promis unter Palmen" gar als Sieger verlassen - nicht. 

Weil in beiden Bereichen von den Machern keine Verantwortung gezeigt wurde, verwandelte sich "Promis unter Palmen" Folge für Folge etwas mehr in die schlimme Vorstellung von Trash-TV, die Menschen haben, die sich so etwas noch nie angesehen haben. Und darum nicht wissen, dass es Formate gibt, die sich für ihre Protagonisten und für die eigene Sendung verantwortlicher fühlen.

Fürs Publikum gilt: Wer Spaß daran hat, Menschen im Fernsehen und anderswo bei ihrem sonderbaren, manchmal lustigen, manchmal groben Menschsein zuzuschauen, darf nicht zu bequem sein, auch die Grenzen dabei zu erkennen. Anders formuliert: Wer "Promis unter Palmen" immer noch unterhaltsam findet, hat Trash-TV nie geliebt. 

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