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"Tatort" aus Bremen: Ungeheuer, die Paranoia

Foto: Radio Bremen

Psycho-"Tatort" Wahn und Wahrheit

Mein Kopf ist meine Festung. Im neuen "Tatort" müssen die Kommissare Lürsen und Stedefreund eine Frau verhören, die unter paranoider Schizophrenie leidet. Ein Ausflug in ein phantastisches Schattenreich - und ein Lichtblick nach vielen schwachen Folgen aus Bremen.

Ihr Haus gleicht einem Hochsicherheitstrakt, ihr Kopf einer Festung. Betritt man das Reich von Hausfrau Sylvia Lange (Mira Partecke), muss man erst mal durch eine Art Hygiene-Schleuse; gleich an der Tür hängt ein Waschbecken, an dem man seine Schuhe zu reinigen hat. Ihr Sohn muss dieses Ritual ebenso vollziehen wie alle ihre Besucher. Die Vorsichtsmaßnahmen sind umfassend: Mit Folien um den Kopf glaubt Sylvia ihr Gehirn vor fremden Einflüssen schützen zu können, meist sind auch die schweren Jalousien vor den Fenstern heruntergelassen. Sylvia hat so ziemlich vor allem Angst: Ameisen und Strahlung, gefährliche Bakterien und giftige Dämpfe.

Letztere, daran glaubt sie fest, zögen von der Tankstelle gegenüber in ihr Haus. So gesehen kann sie zunächst nichts Schlimmes daran finden, dass die Leiche des Besitzers nun mit einem sauberen Kopfschuss im Süßigkeitenregal liegt. Den Mann von der Tankstelle hat sie immer als Bedrohung empfunden, durchs kleine Fenster in ihrer Gästetoilette beobachtete Sylvia ihn und sein Treiben genau. Fragen? Beantwortet sie gerne bei einer Tasse Tee.

Wie schön für die Bremer Ermittler Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), dass da offensichtlich jemand die ganze Zeit den Tatort im Visier hatte. Die Kommunikation mit der Zeugin gestaltet sich allerdings schwierig. Denn wie nähert man sich einer Person, die in Codes spricht, die nur sie selbst versteht? Wie spricht man mit einer Person, die inmitten ständiger Bedrohungen lebt, die nur sie selbst wahrnimmt? Gleich beim ersten Treffen mit den Kommissaren stellt Sylvia fest: "Meine Beobachtungen verunmöglichen meine Auswärtigkeit. Ich muss mich heimlich halten."

Auf Besuch in der anderen Realität

Paranoide Schizophrenie lautet der Befund über die Wahrnehmungsstörung, unter der die Bremer Hausfrau und Mutter leidet. Aber diese Begrifflichkeit spielt bei dem Annäherungsprozess der Ermittler an die Betroffene keine große Rolle, gut dosierte, alles verstehbar machende ärztliche Erklärungen gibt es hier nicht. Der Zuschauer wird mit Lürsen und Stedefreund direkt in die Parallelwelt der Vorortbewohnerin gezogen.

Gerade läuft im Kino Hans Weingartners Drama "Die Summe meiner einzelnen Teile", das unsere Welt aus der Sicht eines Psychotikers zeigt. Der "Tatort" von Peter Henning und Claudia Prietzel (beide Regie und Buch) nutzt streckenweise eine ähnlich radikale Perspektive: Immer wieder zeigen die Filmemacher die Sicht der schizophrenen Frau auf die Dinge, und aus dieser Wahrnehmung heraus scheinen alle ihre Selbstschutzmaßnahmen schlüssig. Horroreffekte sucht man hier genauso vergeblich wie Gags auf Kosten der vermeintlichen Spinnerin. Die Frau ist ernsthaft um Aufklärung bemüht, es gilt jedoch, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Im gewissen Sinne erinnert das Szenario in "Ordnung im Lot" an die sehr gute Münchner Folge "Gestern war kein Tag", in dem die Kommissare mit einem Demenzkranken als Zeuge konfrontiert waren, der ähnlich unzuverlässig erscheinende Aussagen wie die aktuelle "Tatort"-Hauptperson machte: Meine Realität, deine Realität, in welcher leben wir denn jetzt?

Radio Bremen gelingt damit nach einer Reihe sehr sauberer und sehr langweiliger Krimis endlich wieder ein großer Wurf. Eine Zeitlang kamen ja die unbequemsten und risikofreudigsten "Tatorte" von der Weser, der Zuschauer war stets gefordert. Hier nun wird der Zuschauer reichlich belohnt, wenn er sich darauf einlässt, in den Parallelkosmos der Kranken abzutauchen. In diesen Kopf kommt keiner rein, oder vielleicht doch? Da erscheinen die Verhöre anderer TV-Kommissare geradezu banal.

Als die schizophrene Hausfrau im neuen "Tatort" mit dieser sonderbar gewundenen Syntax ihre Welt beschreibt, drängt die Kommissarin sie, endlich brauchbare Fakten zu liefern. Ob das so gemeint ist oder nicht - der Satz, mit dem sich die Schizophrene gegen die investigative Zudringlichkeit wehrt, lässt sich als hübsche Sottise gegen die ewig gleichen Verhörsituationen in anderen TV-Krimis lesen: "Was wollen Sie hören", fragt da die Bedrängte, "soll ich die Oberfläche der Dinge beschreiben?"


"Tatort: Ordnung im Lot", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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