"Pussy Terror TV" im WDR Da ist noch Luft nach oben

WDR

Von


Carolin Kebekus gilt als eine der besten Komikerinnen des Landes. Doch bei der Premiere von "Pussy Terror TV" lief es nicht rund. Zu viele Fehlzündungen, dafür kaum Ecken und Kanten.

Vor der Show entspannt sich Carolin Kebekus in einem Schaumbad. Da sitzt ihr plötzlich Anke Engelke gegenüber, passiv-aggressiv wie eine latent missgünstige Freundin. Sie dürfe die Premiere von "Pussy Terror TV" keinesfalls verkacken, tolle Titten habe sie ja, aber das reiche nicht! Danach steht Jürgen von der Lippe im Bademantel in der Tür und hat gelbe Entchen mitgebracht.

Ihren ersten Startversuch mit einer eigenen Unterhaltungssendung hatte vor zwei Jahren der WDR verkackt, als er aus "Kebekus" ein blasphemisches Filmchen herausschnitt. Kebekus distanzierte sich deshalb von ihrer eigenen Sendung, umso vielversprechender nun der neue Anlauf. Intendant Tom Buhrow persönlich soll sie wieder eingefangen haben, sie gilt als Magnet für ein jüngeres Publikum - das der WDR bitter nötig hat. Und so steht die Komödiantin in einem Lederkleid mit blitzendem Metallgürtel vor vollem Haus in einer schroffen Fertigungshallenkulisse und feuert Einzeiler aus der Hüfte.

Wahllos viele Themen

Für "Pussy Terror TV" ist die hochoktanige Stand-up-Routine angereichert mit Gästen und Einspielfilmen, die beide das Tempo rausnehmen. Was zu verschmerzen ist, wenn der Sketch zündet, etwa bei der Frau, die - Thema ist die Frauenquote - in ihrem Unternehmen erst mithilfe einer umschnallbaren Penisprothese wahrgenommen wird, weil sie damit locker jeden Schwanzvergleich gewinnt.

Doch gut ist Kebekus nur dann, wenn ihr ein Thema am Herzen liegt. Und das scheint nicht immer der Fall zu sein.

Geht es doch wahllos um alles, was in den vergangenen Wochen unter "Vermischtes" in der Zeitung zu lesen war. Helmut Schmidt hatte eine Affäre, das muss eklig gewesen sein. Grünkohl bei McDonald's, das sei doch "verlogene Scheiße". Hier fordert Kebekus "mehr Fett, mehr Kalorien", vielleicht noch einen Defibrillator. Die Fifa und ihre Entscheidung, die WM 2022 im Winter auszutragen, erzwingt eine Pressekonferenz mit Carsten van Ryssen und dem stereotypischen Fußballdeppen "Mario Großreus" (Carolin Kebekus). Und weil der empfindsame Domian aufhört, wird er nun durch einen popelnden "Grobian" ersetzt. Naja.

Anlässlich des neuen Heftchens "Mein Papst" für "Frauen über 40" in ländlichen Gegenden hätte Kebekus wieder die katholische Kirche ins Visier nehmen können. Sie lässt diese Steilvorlage weitgehend ungenutzt, und das ist symptomatisch für die Sendung. Zwar hat Kebekus sich nicht den Schneid abkaufen lassen, hackt aber mit scharfer Klinge auf denkbar weichen Zielen herum. Länglich geht es um "50 Shades of Grey", also um Baumärkte, Peitschen und darum, wie milchig der Hauptdarsteller aussieht: "Was für 'ne Wurst!" beziehungsweise "Pussy der Woche".

Im Vergleich ist "Circus Halligalli" eher was für Akademiker

Noch weicher ist da nur Andreas Kümmert, dessen Abdankungsrede nach dem Gewinn des Eurovision-Vorentscheids abermals irgendwie doof gefunden wird. Der wolle wohl lieber "World of Warcraft" spielen und sei "als Kind zu viel geimpft worden". Mehr noch, die Passage wird im Laufe der Sendung mehrfach wiederholt, als nachsynchronisierter und auf den jeweiligen Anlass zugeschnittener Running Gag. Als "frech" gilt beim WDR womöglich schon der Ideolekt einer Komödiantin, die "knattern" sagt statt ficken und McDonald's "Meckes" nennt.

Als irgendwann Thomas D im weißen Kittel auftaucht und anlasslos chemische Experimente vorführt, wildert "Pussy Terror TV" kurzfristig sogar auf "Knoff-Hoff-Show"-Territorium. Harmloser geht es nicht. Da hilft auch Klaas Heufer-Umlauf kaum weiter, der höflich bis sediert als Sparringspartner für Kebekus' musikalische Talente dient. Er singt dann "Barbie Girl" als Elvis, Kebekus "Hier kütt Alex" in der Stimmlage von Henning Krautmacher von der Gruppe Höhner. Muss man kennen, um es zu mögen, und selbst dann muss man nicht notwendigerweise darüber lachen. Warum zum Abschluss ausgerechnet und ironiebereinigt "Bed of Roses" von Bon Jovi im Duett gesungen werden musste, bleibt ebenfalls ein Geheimnis. Wahrscheinlich war's jemandem ein Anliegen.

Die Premiere von "Pussy Terror TV" dürfte sogar die passiv-aggressive Engelke aus der Badewanne ein wenig enttäuscht haben. Ist noch Luft nach oben, anders gesagt. Wie viel Luft genau, das hat nebenbei Klaas Heufer-Umlauf angedeutet. Gegen das, was er an diesem Abend erlebt habe, sei sein "'Circus Halligalli' eher was für Akademiker".



Diskutieren Sie mit!
55 Leserkommentare
hschmitter 22.03.2015
achnee! 22.03.2015
spibufobi 22.03.2015
kritischer-spiegelleser 22.03.2015
rpp2012 22.03.2015
Annabelle1811 22.03.2015
Hochbeet 22.03.2015
Peter Gabriel 22.03.2015
lorhinger 22.03.2015
jeze 22.03.2015
peterobjektiv 22.03.2015
diego666 22.03.2015
carlitom 22.03.2015
tüttel 22.03.2015
shooop 22.03.2015
pefete 22.03.2015
tkwm 22.03.2015
tüttel 22.03.2015
doofnuss 22.03.2015
auweia 22.03.2015
willi_ac 22.03.2015
thorsten35037 22.03.2015
Turbomix 22.03.2015
bonowe 22.03.2015
Claudia_D 22.03.2015
Turbomix 22.03.2015
Turbomix 22.03.2015
Turbomix 22.03.2015
Karbonator 22.03.2015
olewahr 22.03.2015
seinsenfzugeber 22.03.2015
Claudia_D 22.03.2015
Barxxo 22.03.2015
kugelsicher 22.03.2015
Turbomix 22.03.2015
kugelsicher 22.03.2015
stammkeeper 22.03.2015
schwarzes_lamm 22.03.2015
manfell 22.03.2015
kugelsicher 22.03.2015
zylinderkopf 22.03.2015
annonce 22.03.2015
loeweneule 22.03.2015
loeweneule 22.03.2015
Venator 22.03.2015
GyrosPita 22.03.2015
Nikkitarian 23.03.2015
telltaleheart 23.03.2015
loeweneule 23.03.2015
kugelsicher 23.03.2015
kugelsicher 23.03.2015
forumgehts? 24.03.2015
Berg 24.03.2015
GyrosPita 24.03.2015
teneny 10.05.2015

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.