"Queen of the Drags" Königinnen trotz Klum-Gejammer

"Queen of Drags" zeigt Menschen mit überlebensgroßen Fantasie-Identitäten und hat das Potenzial, echte Botschaften zu senden. Aber brauchen die Zuschauer wirklich Heidi Klum als beschützende Begleitperson?

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Manchmal, so viel Anstand muss sein, muss man Heidi Klum dann doch einfach mal danke sagen. In der Premierenfolge von "Queen of Drags" zum Beispiel dafür, dass sie einem ein bisher rätselhaftes kulturelles Phänomen endlich plastisch entdröselt und hilft, es zu verstehen.

Hatte man nämlich bisher keine Ahnung, wie man das jüngste, inzwischen schon ziemlich eselsohrige und speckig abgegriffene Internetmeme selbst sachgerecht anwenden kann, musste man nur ihre kleine Mimimimosenklage in eigener Sache anhören, die sie gleich beim ersten Treffen mit den teilnehmenden Drag Queens anstimmte, die in den nächsten Wochen mit immer neuen Auftritten um den Titel der Oberqueen konkurrieren: Es sei nämlich doch "total gemein", dass es im Vorfeld der Castingshow Kritik daran gegeben hatte, dass ausgerechnet die normiernotorische Klum, die bei ihrem Haupttagewerk "Germanys Next Topmodel" Mädchen gewohnheitsmäßig mit der emotionalen Heckenschere in gefällige, klischierte Form trimmt, nun ein Format über eine Subkultur moderieren soll, die auf genau solche gestanzten Rollen und verknöcherten Zuschreibungen pfeift, und zwar mit dick beglossten Glitzerlippen.

Sie sei offen und tolerant allen Menschen gegenüber, klagte also Klum, und während man noch mal alle entsprechenden Belege aus GNTM am geistigen Auge vorbeiziehen ließ (es ging ziemlich schnell), beschwerte sie sich über ihre eigene Diskriminierung, die ihr absprach, diese Sendung plausibel moderieren zu können; "Weil ich hetero bin, weiß bin und ne Frau bin". Und das war dann die Stelle, an der man dankbar genau wusste: Für solche Momente wurde dieses komische neue Meme bereitgestellt - damit es der privilegienbeklagenden Klum vom Sofa aus ein herzliches "Ok, Boomer!" entgegenrief.

Glücklicherweise lernte man darüber hinaus in der ersten Folge von "Queen of Drags" noch ein bisschen mehr. Ärgerlicherweise zuerst, dass es bei ProSieben wie bei einem sehr faulen Fertighausbauer anscheinend nur einen einzigen denkbaren Dramaturgie-Rohling für ein Castingformat zu geben scheint: Der quietschende Einzug in die Kandidatenvilla (die einen frappant an die GNTM-Behausung der vergangenen Staffel erinnerte), erste Beefereien um die Zimmerbelegung, selbst die gouvernantöse Begutachtung der unordentlichen Zimmer durch Heidi Klum hochselbst - all diese Topoi kennt man als mürber GNTM-Veteran zur Genüge.

Immerhin sind Klums Co-Juroren Bill Kaulitz und Conchita Wurst neu, entwaffnend freundlich und unverstellt, es fällt leicht, den beiden ihr echtes Interesse an den Kandidaten abzukaufen. "Queen of Drags" hat seine guten Momente, wenn man genau die sprechen lässt: Wenn sie vom Mut erzählen, den man immer noch brauche, um anders zu sein, von der neuen Welt, dem neuen Wesen, die ihnen ihre überzeichnete, knallverrückte Verwandlung öffnet, ist das ein sanfter, niedrigschwelliger Crashkurs für alle Zuschauer, die bisher keine Berührung mit der Idee von Drag hatten. Die Einspielfilme, die die Drags in ihrem Alltagsleben zeigen, sind frei von melodramatischen "Titanic"-Soundtrackflächen, auch die "Sehr her, es sind doch ganz normale Menschen!"-Botschaften sind erträglich dosiert.

Die Drag Queens bräuchten Heidi Klums Prominenz, um in den TV-Mainstream sliden zu können, hieß es im Vorfeld, und vermutlich überschätzt man Klums Fähigkeiten als beschützende Begleitperson da noch weniger, als man vielmehr die Zuschauer unterschätzt. Wenn eine Drag Queen erzählt, wie ihre muslimische Familie sie ihrer Leidenschaft wegen fallen ließ, und eine andere von der Stärke, die ihr diese selbst erschaffene, überlebensgroße Zweitidentität gibt, erschließt sich das sofort.

Heidi Klum wird zur Nebenfigur

"Queen of Drags" erzählt dabei glücklicherweise nicht nur Leidensschicksale, nicht nur vom alltäglichen Hass, auf der Straße und anderswo: Genauso wichtig, wie diese Berichte von Diskriminierungen sind die glücklichen Geschichten, in denen die Familien ihre Dragmitglieder so selbstverständlich akzeptieren und feiern, wie es eben sein sollte.

Bei der abschließenden Performance, nach der ein Kandidat das Format verlassen muss, zeigt sich dann sehr schön, dass es nicht nur eine Gesinnungs-, sondern auch eine Kompetenzfrage ist, ob Heidi Klum wirklich die passende Besetzung für dieses Format sei. Gastjurorin Olivia Jones nämlich zeigt, dass sich Dragverständnis nicht einfach aufpinseln lässt wie ein flittriges Augen-Make-up: Sie bemängelt uneingeölte Hühnerbeinigkeit, DDR-Fernsehballett-Appeal und einen nur lidschäftig weggeklemmten Penis als "Kitzler wie ne Bratwurst", und es klingt nie fies nur der Fiesheit wegen, sondern eben wie das Fachurteil von jemandem, für den all das Alltag ist.

Heidi Klum sagt derweil leicht angegrabbelte GNTM-Entscheidungsrepertoiresätze wie "In deinem Gesicht war ja mal gar nichts los", aber das schadet der Sendung nicht, weil sie neben den Queens tatsächlich zur Nebenfigur wird. Wenn Bambi Mercury mit Schablonenbart und plusterigem Königskostüm wie aus "Alice im Wunderland" den Song "Who wants to live forever" singt und dazu die Regenbogen- und Trans-Flagge schwenkt, wenn er davon spricht, dass Drag für ihn Schutzpanzer und Therapie ist und dass die Krone "so scheiße schwer" sei, ist es tatsächlich egal, wer hier nun den Juryvorsitz hat.

Schade ist etwas anderes: Es sei immer noch ein Problem, anders zu sein, oft auch innerhalb der eigenen Community, sagt Bambi in einem Einspieler, und tatsächlich bietet auch die Auftaktfolge von "Queen of Drags" schon die üblichen, sattsam bekannten Castingshow-Beharkungen, kleinlichen Zickereien und Glitzerkämpfe. Beim Zuschauen fühlt man sich an diesen Stellen, als beiße man in einen senfgefüllten Krapfen.

"Ich bin nicht hier, um Freunde zu finden", heißt ein altes Realityshow-Mantra, und das ist völlig okay - bei "Queen of Drags", einem Format mit dem Zeug dazu, wirkliche Botschaften zu übermitteln, würde man es sich ausnahmsweise doch wünschen.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
FescheLola 15.11.2019
1.
Es gibt wohl keinen Menschen des öffentlichen Lebens, der mich mit seiner Omnipräsenz so nervt wie Frau Klum. Irgendwann muß es doch auch mal gut damit sein, über jeden Einkaufsbummel, jeden Kleiderwechsel und jedes Geknutsche mit dem juvenilen Ehemann informiert zu werden. Liebe Frau Klum, genießen Sie doch einfach Ihr Vermögen und Ihr privates Glück und gehen in Rente. Sie müssen doch nicht Thomas Gottschalk 2.0 werden.
dasfred 15.11.2019
2. Ich habe extra gewartet
Ich habe gestern das Format aufgezeichnet aber extra vorher die Rezension vom Frau Rützel abgewartet, bevor ich jetzt diese Folge nebenbei laufen lasse. Scheint sich wohl trotz Heidi Klum zu lohnen. Ich habe in Hamburg in den letzten dreißig Jahren einige Drags kennengelernt, die ihre Auftritte sowohl Hauptberuflich, wie auch als Hobby betreiben. Allerdings habe ich von niemandem gehört, dass diese Neigung für ihn eine große Überwindung darstellte. Eher genießen sie diese Freiheit, aus dem Alltag auszubrechen, in eine Rolle zu schlüpfen, ohne dafür das Geschlecht zu ändern. Was ich allerdings bisher sehe zeigt mir, Heidi Klum ist für dieses Format völlig überflüssig.
tommix68 15.11.2019
3. @dasfred
Das liegt eventuell daran das Sie diese in Hamburg kennengelernt haben... Hier ist alles etwas liberaler als sonstwo. Wahrscheinlich sieht es in Köln ähnlich aus, aber ob das auch in Leipzig so ist wage ich zu bezweifeln.
doncorone 15.11.2019
4. Ok Boomer ...
Darauf ist die passende Antwort nur: Oh, baby bosses.
doncorone 15.11.2019
5. Baby bosses: nix Boomer Heidi
nebenbei gibt es keine Boomer Jahrgang 1973. Das Ist Generation X oder Golf whatsofuckingever.
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