Radikalisierte US-Studenten Der Wahnsinn der Eliten

Studenten unterwerfen sich einem christlichen Kult und marodieren mit fanatischen Abtreibungsgegnern: R.O. Kwon zeigt im College-Roman "Die Brandstifter", wie Wahn über Wissenschaft siegt.
Demo von fanatischen US-Abtreibungsgegnern im Januar 2019

Demo von fanatischen US-Abtreibungsgegnern im Januar 2019

Foto: Jose Luis Magana/ AP

Der Mann kann übers Wasser wandeln. Zumindest, wenn es vereist ist. Der US-Missionar John Leal saß in Nordkorea im Gulag und konnte gegen jede Chance über die Eisschollen auf einem Grenzfluss zu China entkommen; nach seiner Rückkehr in die Staaten läuft er barfuß durch ein Universitätsstädtchen namens Noxhurst und schart eine Jüngerschaft aus Studenten um sich, deren säkularisiertes Weltbild er so raffiniert wie rigoros hinterfragt. Er gründet einen christlichen Kult und nennt ihn Jejah - nach dem koreanischen Wort für Unterwerfung.

So sammelt Leal sie ein, die hochgebildeten und tieftraurigen Kids, die auf dem liberalen Elite-College Edwards ausgebildet werden, um führende Positionen in der westlichen Wissensgesellschaft einzunehmen.

Unter seinen Anhängern: Phoebe, cool vor sich hinplapperndes Kind einer südkoreanischen Tiger-Mom, einst brillante Klavierspielerin, aber nach dem von ihr mitverschuldeten Tod der Mutter auf der Suche nach Seelenheil. Und Will, verstockter Proletensohn, der in seiner Kindheit in der evangelikalen Gemeinde seiner Eltern mit roten Wangen zu Jesus betete, bis er seinen Glauben, aber auch seine Orientierung verlor. In dem Sektenführer finden die beiden ein Kraftzentrum, durch das sie ihre Talente und Stärken neu ausrichten können.

R.O. Kwon

R.O. Kwon

Foto: Smeeta Mahanti

Geek meets Nerd: R.0. Kwons anrührender, verstörender, auf der zweiten Ebene hoch politischer Debütroman "Die Brandstifter" beginnt als klassischer Campus-Roman, in dem zwei, die beide nicht recht dazugehören, zueinanderfinden.

"Ich verschlang Kummer. Ich soff Tränen", so lässt die Autorin ihre Protagonistin Phoebe ihre erste Zeit auf dem College beschreiben, in der sie Trost in der Traurigkeit der anderen suchte und so nur noch mehr vereinsamte. In Will, der genauso verloren ist wie sie, findet sie eine romantische Projektionsfläche. Die Leere aber bleibt bei dem Liebespaar, und der charismatische Jesus-Performer Leal weiß diese zu füllen - mit Geschichten und Glaubensregeln, die dem progressiven Checkertum des akademischen Betriebs eigentlich komplett entgegenlaufen.

De-Säkularisierung aus Depression

Kwon verzichtet auf konkrete zeitaktuelle Verweise, doch tritt hinter dem intimen Coming-of-Age-Szenario im Campus-Betrieb die universale Erzählung einer zutiefst verunsicherten liberalen Wissenschaftselite hervor. Rechtspopulismus, religiöser Fanatismus, postfaktische Meinungsmache - gegen all diese aktuellen Phänomene scheinen die Figuren in "Die Brandstifter" nicht nur machtlos, sie unterwerfen sich ihnen geradezu. De-Säkularisierung aus Depression.

Gerade erschien das Buch "Verdammte liberale Eliten", in dem der schweizerisch-israelische Psychoanalytiker Carlo Strenger kosmopolitisch geprägte Intellektuelle auf die Couch legt. Strenger zeichnet die Ängste und Ohnmachtsgefühle nach, denen seine Protagonisten angesichts einer sich immer weiter verschärfenden Weltlage verfallen.

Genau dies ist die verschärfte kollektive Stimmungslage, aus der Kwon ihr Radikalisierungsdrama entwickelt: Wenn die Wissenschaft tot ist, vielleicht lebt dann wenigstens Gott.

In den USA wurde das Buch bei Veröffentlichung letztes Jahr als Sensation gefeiert, zu Recht, denn gleich in zweifacher Hinsicht schreibt Kwon hochmodern: Zum einen öffnet sie über koreanische Migrantenkinder und evangelikale US-Missionierungsbemühung in Asien die US-Literatur in den pazifischen Raum, zum anderen macht sie deutlich, dass religiöser Fanatismus und Terrorismus eben nicht nur Auswüchse einer rückständigen weißen Gesellschaftsschicht im amerikanischen Bible Belt sind. Vielmehr finden sie zunehmend auch im verunsicherten akademischen Milieu einen Nährboden - und werden von dort aus sehr viel wirkungsvoller weiter in die Welt getragen.

Anzeige
Kwon, R.O.

Die Brandstifter: Roman

Verlag: Liebeskind
Seitenzahl: 240
Für 20,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Vieles an "Die Brandstifter" erinnert an Don DeLillos visionären Roman "Mao II", in dem der Autor schon 1991 ein Zeitalter heraufbeschwor,in dem militante, religiös motivierte Massenbewegungen stärkere Erzählungen finden als die individualistischen liberalen Wohlstandsgesellschaften; in dem Terrorismus vor allem auch über die Macht der Bilder funktioniert, so wie das dann später bei 9/11 wirklich der Fall war.

Auch Kwon lässt Leal und seinen Jejah-Kult mit dieser Macht der Bilder operieren. Die Jünger planen Anschläge, die auch auf optische Wirkung ausgerichtet sind, sie walzen mit effektvoll inszenierten Kundgebungen Andersdenkende und -gläubige nieder.

In einer langen Passage beschreibt die Autorin, wie die Jünger unter Drogenkonsum eine gemeinsame Demo mit Abtreibungsgegnern durchziehen. Kwon schreibt: "Von der Sonne beschienene Föten schwangen auf und nieder, während Banner wie gestreifte Zungen schnalzten." Der am Anfang fast hippiesk anmutende Protest kippt über die nächsten Seiten in einen Höllentrip mit pränatalen Horrorelementen: "Da fiel auf einmal ein Fötus vom Himmel (...…) Babyfäuste reckten sich; Plazentas wanden sich wie Schwänze und hinterließen eine Spur von Blutstropfen."

Die Zukunft der Wissenschaft und das Ende der Rationalität, in Kwons Roman liegen sie beunruhigend dicht beisammen.