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07. Oktober 2011, 16:53 Uhr

Rache-"Tatort" aus Stuttgart

Wenn der Mörder im Bagger anrückt

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Im neuen Stuttgarter "Tatort" wird besonders ambitioniert gemordet. So muss es sein in einem Rache-Krimi. Blöde nur, dass das alles unfreiwillig komisch wirkt, meint Christian Buß. Ein weiterer Abwärtsschritt für den Ländle-Krimi.

Psychopathen und Rächer nehmen bekanntlich gerne den Umweg. Wenn sie morden, versuchen sie diesen Vorgang möglichst in die Länge zu ziehen. Sie entwickeln schon mal komplizierte Spielanleitungen, damit das Opfer nicht so schnell stirbt: Spiel aus, Leben leer - da nutzt man doch lieber jedes Mittel der Verzögerung. Psycho- und Rächer-Krimis bewegen sich deshalb immer an der Grenze zur Parodie. Man nehme nur die sieben Teile des amerikanischen Hardcore-Gehackes "Saw", in dem sich der Killer aberwitzig umständliche Apparaturen ausdenkt, um seine Opfer langsam der als gerecht empfundenen Zerstückelung zuzuführen.

Keine Sorge, der aktuelle "Tatort" aus Stuttgart ist keine "Saw"-Variante geworden - nachdem vor drei Wochen schon der "Polizeiruf" aus Jugendschutzgründen in die Nacht wanderte, wäre es ja auch schade, wenn nun schon wieder ein ARD-Sonntagskrimi hätte verlegt werden müssen. Das Prinzip des genüsslich in die Länge gezogenen Mordens wird in diesem "Tatort" trotzdem relativ weit ausgereizt.

Am Anfang wird ein Bauunternehmer in seinem Büro-Container von den Zacken einer Baggerschaufel aufgespießt und dann mit einem gerinnungsstoppenden Mittel vollgespritzt, auf dass er schön langsam verblute. Kurz darauf kidnappt, knebelt und verklebt jemand eine Restaurantbesitzerin, um sie dann vor die grellen Strahler eines röhrenden Pkw zu platzieren: In Todesangst aufgerissene Augen, die Standardeinstellung in solcher Art Krimis.

Ey Alter, wer hat mein Auto lädiert?

Erstaunlich allerdings, wie wenig die beiden Ermittler Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) trotz dieses pflichtschuldigst ausgebreiteten Verstörungspotentials in Nervosität geraten. Sind wahrscheinlich einfach mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt: Statt sich auf den Killer einzulassen, ärgert sich Lannert mit einem sehr viel ungefährlicheren rachsüchtigen Spießernachbarn rum, der ihm seinen Sportwagen vollschmiert und lädiert; Bootz ist allein zu Hause und muss die Kinder füttern und zur Schule bringen.

Dabei ist es eigentlich Ehrensache in einem richtigen Psychokiller-Rätsel, dass die Cops aufs Engste und Grausamste ins Mörderspielchen einbezogen werden - wozu hat man der Polizistenfigur schließlich Frau und Kinder angedichtet? Doch das Drehbuch für die "Tatort"-Folge "Das erste Opfer" schafft es nicht, dieses Gefahrenmoment in die Handlung einzubringen. Gleich drei Autoren (Stephan Brüggenthies, Leo P. Ard, Birgit Grosz) haben an der Geschichte rumgeschraubt; ein Hinweis darauf, dass es bei der Entwicklung des Stoffes irgendwo gehakt hat.

Ergebnis ist nun ein schwerfällig konstruierter Rache-Krimi, in dem am Tatort ausgelegte Fotos einer jungen Frau zu einem Unfall führen, bei der diese vor zwei Jahrzehnten ums Leben kam. Offensichtlich will der Mörder dafür Rache nehmen, relativ unbeteiligt tragen die Ermittler die Hinweise zusammen.

Diese Teilnahmslosigkeit ist inzwischen schon symptomatisch für Lannert und Bootz. Vor drei Jahren Jahren gingen die beiden an den Start, um Empathie und Tempo ins zuvor immer besonders behäbige Cop-Ländle Schwaben zu bringen. Die zweite Folge "In eigener Sache" geriet tatsächlich zu einem furiosen, verstörenden Korruptionsthriller, alle anderen Episoden aber erinnerten dann doch nur an die Bausatz-Krimis der anderen südwestdeutschen "Tatorte" aus Konstanz und Ludwigshafen.

Und so gelingt es Regisseur Nicolai Rohde ("10 Sekunden") eben auch in "Das erste Opfer" nicht, seinen klassischen Rache-Krimi stringent auszuerzählen. Die lächerlichste Szene: Lannert und Bootz tapern in der Pathologie umständlich grübelnd um die beiden Opfer herum, die aufgebahrt sind wie ein Liebespaar.

Wie gesagt, ein richtiger Rache-Thriller ist zwangsläufig immer nah an der Grenze zur Parodie inszeniert. Dieser geht drüber.


"Tatort: Das erste Opfer", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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