Rache-"Tatort" aus Stuttgart Wenn der Mörder im Bagger anrückt

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Im neuen Stuttgarter "Tatort" wird besonders ambitioniert gemordet. So muss es sein in einem Rache-Krimi. Blöde nur, dass das alles unfreiwillig komisch wirkt, meint Christian Buß. Ein weiterer Abwärtsschritt für den Ländle-Krimi.

SWR

Psychopathen und Rächer nehmen bekanntlich gerne den Umweg. Wenn sie morden, versuchen sie diesen Vorgang möglichst in die Länge zu ziehen. Sie entwickeln schon mal komplizierte Spielanleitungen, damit das Opfer nicht so schnell stirbt: Spiel aus, Leben leer - da nutzt man doch lieber jedes Mittel der Verzögerung. Psycho- und Rächer-Krimis bewegen sich deshalb immer an der Grenze zur Parodie. Man nehme nur die sieben Teile des amerikanischen Hardcore-Gehackes "Saw", in dem sich der Killer aberwitzig umständliche Apparaturen ausdenkt, um seine Opfer langsam der als gerecht empfundenen Zerstückelung zuzuführen.

Keine Sorge, der aktuelle "Tatort" aus Stuttgart ist keine "Saw"-Variante geworden - nachdem vor drei Wochen schon der "Polizeiruf" aus Jugendschutzgründen in die Nacht wanderte, wäre es ja auch schade, wenn nun schon wieder ein ARD-Sonntagskrimi hätte verlegt werden müssen. Das Prinzip des genüsslich in die Länge gezogenen Mordens wird in diesem "Tatort" trotzdem relativ weit ausgereizt.

Am Anfang wird ein Bauunternehmer in seinem Büro-Container von den Zacken einer Baggerschaufel aufgespießt und dann mit einem gerinnungsstoppenden Mittel vollgespritzt, auf dass er schön langsam verblute. Kurz darauf kidnappt, knebelt und verklebt jemand eine Restaurantbesitzerin, um sie dann vor die grellen Strahler eines röhrenden Pkw zu platzieren: In Todesangst aufgerissene Augen, die Standardeinstellung in solcher Art Krimis.

Ey Alter, wer hat mein Auto lädiert?

Erstaunlich allerdings, wie wenig die beiden Ermittler Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) trotz dieses pflichtschuldigst ausgebreiteten Verstörungspotentials in Nervosität geraten. Sind wahrscheinlich einfach mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt: Statt sich auf den Killer einzulassen, ärgert sich Lannert mit einem sehr viel ungefährlicheren rachsüchtigen Spießernachbarn rum, der ihm seinen Sportwagen vollschmiert und lädiert; Bootz ist allein zu Hause und muss die Kinder füttern und zur Schule bringen.

Dabei ist es eigentlich Ehrensache in einem richtigen Psychokiller-Rätsel, dass die Cops aufs Engste und Grausamste ins Mörderspielchen einbezogen werden - wozu hat man der Polizistenfigur schließlich Frau und Kinder angedichtet? Doch das Drehbuch für die "Tatort"-Folge "Das erste Opfer" schafft es nicht, dieses Gefahrenmoment in die Handlung einzubringen. Gleich drei Autoren (Stephan Brüggenthies, Leo P. Ard, Birgit Grosz) haben an der Geschichte rumgeschraubt; ein Hinweis darauf, dass es bei der Entwicklung des Stoffes irgendwo gehakt hat.

Ergebnis ist nun ein schwerfällig konstruierter Rache-Krimi, in dem am Tatort ausgelegte Fotos einer jungen Frau zu einem Unfall führen, bei der diese vor zwei Jahrzehnten ums Leben kam. Offensichtlich will der Mörder dafür Rache nehmen, relativ unbeteiligt tragen die Ermittler die Hinweise zusammen.

Diese Teilnahmslosigkeit ist inzwischen schon symptomatisch für Lannert und Bootz. Vor drei Jahren Jahren gingen die beiden an den Start, um Empathie und Tempo ins zuvor immer besonders behäbige Cop-Ländle Schwaben zu bringen. Die zweite Folge "In eigener Sache" geriet tatsächlich zu einem furiosen, verstörenden Korruptionsthriller, alle anderen Episoden aber erinnerten dann doch nur an die Bausatz-Krimis der anderen südwestdeutschen "Tatorte" aus Konstanz und Ludwigshafen.

Und so gelingt es Regisseur Nicolai Rohde ("10 Sekunden") eben auch in "Das erste Opfer" nicht, seinen klassischen Rache-Krimi stringent auszuerzählen. Die lächerlichste Szene: Lannert und Bootz tapern in der Pathologie umständlich grübelnd um die beiden Opfer herum, die aufgebahrt sind wie ein Liebespaar.

Wie gesagt, ein richtiger Rache-Thriller ist zwangsläufig immer nah an der Grenze zur Parodie inszeniert. Dieser geht drüber.


"Tatort: Das erste Opfer", Sonntag 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Pepito_Sbazzagutti 07.10.2011
1. Haudegen
OT: Ich habe mich in meiner Jugendzeit um "Tatorte" mit Hansjörg Felmy, Klaus Schwarzkopf, Gustl Bayrhammer, Karl-Heinz von Hassel und Walter Richter nur so gerissen. Heute frage ich mich: Was ist aus dem "Tatort" bloß für ein Schrott geworden?
viwaldi 07.10.2011
2. Rechtsmedizin ist keine Pathologie, verdammte Axt
Zitat von sysopWarum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Im neuen*Stuttgarter "Tatort" wird besonders ambitioniert gemordet. So muss es sein in einem Rache-Krimi. Blöde nur, dass das alles*unfreiwillig komisch wirkt, meint Christian Buß. Ein weiterer Abwärtsschritt für den Ländle-Krimi. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,790240,00.html
Bitte einfach mal merken: Die Leichen eines Krimis (d.h. Verdacht auf Fremdverschulden) liegen in der Rechtsmedizin (früher: Gerichtsmedizin), dort arbeiten Fachärzte für Rechtsmedizin. Dort arbeiten KEINE Fachärzte für Pathologie. Vom Staatsanwalt beschlagnahmte Leichen liegen NIEMALS in der Pathologie. Der Facharzt für Pathologie unterscheidet sich massiv vom Facharzt für Rechtsmedizin, eine kleine Schnittmenge bildet allenfalls das Obduzieren - aber auch hier wird nach völlig unterschiedlichen Vorgehensweise gearbeitet. Auch wenn im Film das 1000mal falsch gesagt und gezeigt wird. Ich glaube, wenn das Publikum es (besser) wüsste, würde auch die Filmmannschaft dies mal richtig darstellen.
hatem1 07.10.2011
3. Passt
Die beiden Schnarchnasen passen doch perfekt ins Schwabenländle. Überhaupt sind die deutschen TV-Ermittler seltsame Weichei-Wesen. Der einzige kantige Typ ist Nina Kunzendorf als Conny Mey. Gut, dass es in nicht-deutschen TV-Krimis noch echte Ermittler wie Gunvald Larsson (Mikael Persbrandt) in der "Kommissar Beck"-Reihe gibt.
keinzeitungsleser 07.10.2011
4. Dialoge schon immer lachhaft
Zitat von sysopWarum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Im neuen*Stuttgarter "Tatort" wird besonders ambitioniert gemordet. So muss es sein in einem Rache-Krimi. Blöde nur, dass das alles*unfreiwillig komisch wirkt, meint Christian Buß. Ein weiterer Abwärtsschritt für den Ländle-Krimi. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,790240,00.html
Wer einmal wirklich gute Serien wie "Breaking Bad" oder "Sons of Anarchy" gesehen hat, kann den deutschen Tatort, wenn überhaupt, nur noch lächerlich finden.
juerv1, 07.10.2011
5. .
Zitat von Pepito_SbazzaguttiOT: Ich habe mich in meiner Jugendzeit um "Tatorte" mit Hansjörg Felmy, Klaus Schwarzkopf, Gustl Bayrhammer, Karl-Heinz von Hassel und Walter Richter nur so gerissen. Heute frage ich mich: Was ist aus dem "Tatort" bloß für ein Schrott geworden?
Ganz offensichtlich wollen die hochambitionierten Tatort-Filmemacher tolle Genrefilme nach amerikanischem Muster anfertigen. Aber es bleiben dann halt doch nur provinziell wirkende Tatort-Episoden. Die großartigen alten Tatorte aus den 70er Jahren zeichneten sich dagegen durch eine glaubwürdige, realitätsbezogene Milieu- und Charakterzeichnung aus. Und waren fast immer vorzüglich besetzt mit der Crème de la Crème deutscher TV-Darsteller wie Kieling, Bennent, Kohut, Strack etc. Ganz zu schweigen von Felmy, Bayrhammer, Richter - das waren Darsteller, die ihren Kommissarsrollen Gewicht gegeben haben. Meine persönlichen Lieblins-Tatorte sind und bleiben die sieben Finke-Krimis von Petersen/Lichtenfeld mit dem einmaligen Klaus Schwarzkopf, der immer im Kieler Hinterland ermittelte. Hier wurden keine amerikanische Genre-Vorbilder nachgeäfft, sondern Menschen in tragischen Verstrickungen gezeigt. Es waren vor und hinter der Kamera Spitzenkönner am Werk und keine ambitiösen Filmhochschulabsolventen.
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