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25. Juni 2015, 15:44 Uhr

Ramadan-Debatte beim BR

"Einige Zuschauer dachten, wir kooperieren mit Al Jazeera"

Ein Interview von

Zuschauer beschwerten sich, weil der BR mit einem Sichelmond auf den Ramadan hinwies - der Sender entfernte das Symbol. Ist das richtig? Programmleiter Andreas Bönte über den Bildungsauftrag des BR und "wertvolle Reaktionen".

Mit der Sichel eines abnehmenden Mondes und dem Wort "Ramadan" wollte der BR seinen Themenschwerpunkt zum muslimischen Fastenmonat kennzeichnen - und entfernte das Symbol doch wieder aus dem Programm. Zuvor hatte es negative bis aggressive Reaktionen im Internet gegeben: "Wir sind ein christliches Land - und unsere Feiertage wurden noch nie eingeblendet. Was betreibt ihr für eine Volksverblödung???", schrieb etwa eine Nutzerin. Auch CSU-Politiker hatten gegen das Logo protestiert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bönte, warum hat der BR entschieden, das Ramadan-Logo aus dem Programm zu nehmen?

Bönte: Wir haben gemerkt, dass viele Zuschauer das Logo, das nur das Wort Ramadan und einen Halbmond enthielt, offenbar missverstanden haben. Es gab Menschen, die bei uns angerufen haben und fragten, was das ist. Viele glaubten, wir blenden das jetzt einen Monat lang 24 Stunden ein und berichten nur noch über den Islam. Einige Zuschauer dachten sogar, wir kooperieren mit Al Jazeera.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Bönte: Es ist eben nicht rübergekommen, dass wir mit dem Halbmond nur unseren Themenschwerpunkt kennzeichnen wollten. Das hätten wir gestalterisch auch deutlicher machen können. Im Lichte der Reaktionen haben wir daher gesagt, bevor jetzt nur noch über das Logo diskutiert wird und nicht mehr über die Inhalte, die Reportagen und Dokumentationen, nehmen wir lieber das Logo raus. Das ist keine inhaltliche Beschneidung. Am geplanten Programm ändert sich rein gar nichts.

SPIEGEL ONLINE: Es gab aber auch Zuschauerkommentare, die aggressiv ablehnend waren. Welche Rolle haben diese Reaktionen bei Ihrer Entscheidung gespielt?

Bönte: Gar keine. Speziell auf Facebook waren viele Leute, die radikal reagiert haben, auch auf Seiten wie "Politically Incorrect". Das war für uns nicht der Gradmesser. Diese Hardliner sind ja auch nicht an einem wirklichen Austausch interessiert. Für uns zählt, wie unsere Zuschauer reagieren. Deren Anliegen nehmen wir ernst. Und da viele bei unserem Zuschauerservice angerufen und ihre Verwirrung bekundet haben, sind wir zu der Entscheidung gekommen, dass hier ein Missverständnis vorliegen muss.

SPIEGEL ONLINE: Mit "Verwirrungen" meinen Sie nur, dass Leute in großer Menge anrufen, weil sie nicht wissen, was der Sichelmond und der Schriftzug "Ramadan" bedeuten?

Bönte: Angesichts der politischen Lage, die momentan weltweit herrscht, haben die Leute vermutlich gedacht: "Machen die jetzt für irgendwen radikale Werbung?" Für mich sind das ganz wertvolle Reaktionen. Wir müssen bei solchen sensiblen Themen Fragen unserer Zuschauer umso aufmerksamer registrieren und uns gegebenenfalls korrigieren. Die Ramadan-Sendung am Samstag etwa war sehr erfolgreich, wir hatten sehr gute Quoten, auch jüngeres Publikum als sonst. Es tut sich was in der Gesellschaft, und als öffentlich-rechtlicher Sender können wir da nicht außen vorstehen, sondern müssen umfassend berichten.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es gerade vor diesem Aufgabenprofil nicht richtig gewesen, den Sichelmond zu lassen? Als Statement gegen Radikalismus und als Anlass, um mit den Zuschauern, die seine Bedeutung nicht kennen, ins Gespräch zu kommen?

Bönte: Wenn wir noch in alten Zeiten leben würden, als es nur drei Programme gab, dann wohl ja. Aber die Leute gehen heute natürlich punktuell rein und dann auch wieder raus. So ein Logo muss sofort verständlich sein. Und nochmals: Das Logo ist nur ein Logo. Mich als Programmchef ärgert es, wenn permanent nur noch darüber diskutiert wird und nicht mehr über die Inhalte. Der Ärger über das Logo ist für mich ein reiner Nebenkriegsschauplatz.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ein Facebook-Nutzer schreibt "Was betreibt ihr für eine Volksverblödung", dann geht es nicht um Inhalte?

Bönte: Ich habe den Eindruck, manche Hardliner verengen ihren Blick einfach auf das Logo und beschweren sich - und zwar so massiv, dass sogar Zuschauer, die sich bis dahin noch keine Gedanken gemacht hatten, plötzlich Fragen stellen. Da ist es besser, das Logo zurückzunehmen und nur auf die Inhalte hinzuweisen. Gerade bei so einem Thema muss man versuchen, die Leute nicht zu überfordern.

SPIEGEL ONLINE: Das Thema "Islam" überfordert Ihrer Meinung nach also die Zuschauer?

Bönte: Ich glaube, es ist wichtig, dass man richtige und umfassende Informationen zu dem Thema liefert. Es geht uns als Sender darum, Vorurteile abzubauen und unseren Zuschauern und Hörern mehr Kenntnisse über den Islam zu vermitteln. Allein in Bayern leben rund 500.000 Muslime, auch sie haben Anspruch darauf, in den Programmen des Bayerischen Rundfunks präsent zu sein. Der BR-Themenschwerpunkt Ramadan ist ein Zeichen der Anerkennung gegenüber unseren muslimischen Mitbürgern und soll zugleich allen Zuschauern breiteres Wissen über den Ramadan vermitteln. Denn oft beherrschen Vorurteile das Denken über Religion und Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie Muslimen, dass sie mit Inhalten präsent sind, aber ihr Logo entfernt wurde?

Bönte: Mir hat bisher noch keiner unserer muslimischen Gesprächspartner gesagt, dass ihm das Logo unendlich wichtig sei. Die, mit denen ich gesprochen habe, sagen, dass die Inhalte zählen.

SPIEGEL ONLINE: Auch aus der CSU-Fraktion gab es Kritik an dem Logo. Welche Rolle spielte das bei der Entscheidung?

Bönte: Gar keine. Die Entscheidung, das Corner-Logo rauszunehmen, ist bei uns am Tag vor der Fraktionssitzung der CSU gefallen. Da hat sich bei mir auch keiner im Vorfeld beschwert.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist denn Ihre Haltung zu christlichen Symbolen im BR-Programm?

Bönte: Wenn wir Berichterstattung aus und über den Vatikan machen, haben wir das in der Vergangenheit auch schon entsprechend visuell gekennzeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Gab es da Beschwerden?

Bönte: Nein.

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