Komiker Ramy Youssef "Wenn in Serien Muslime auftauchten, waren das immer Terroristen"

Ramy Youssefs Serie über einen jungen Muslim zwischen Glauben und Alltag wurde ein preisgekrönter Erfolg. Hier spricht er über Promi-Gastauftritte, darüber, was ihn mit seiner Hauptfigur verbindet und wie politisch er ist.
Ramy Youssefs Serie ist inspiriert von seinem eigenen Leben

Ramy Youssefs Serie ist inspiriert von seinem eigenen Leben

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Chris Pizzello/ Getty Images

SPIEGEL: Herr Youssef, als Ihre autobiografisch angehauchte Comedy-Serie "Ramy" in den USA anlief, war sie zunächst kaum mehr als ein Geheimtipp, inzwischen wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Was war Ihr Anliegen, als Sie mit der Arbeit begannen?

Ramy Youssef: Vor allem wollte ich eine Figur auf den Bildschirm bringen, die ich dort noch nie gesehen hatte: einen jungen, westlichen Mann muslimischen Glaubens, dem seine Religion genauso viel bedeutet wie die Werte der Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist. Jemanden wie mich selbst eben, denn das schien es in anderen Serien nicht zu geben. Wenn dort Muslime auftauchten, waren das eigentlich immer nur Terroristen.

Zur Person

Seine Karriere begann Ramy Youssef, 29, als Sohn ägyptischer Eltern in New Jersey aufgewachsen, mit einer Rolle in der Jugend-Sitcom "Run Dad Run". Seit 2019 verantwortet er als Hauptdarsteller und Schöpfer seine autobiografisch angehauchte Serie "Ramy" über einen jungen Muslim, der noch bei seinen Eltern wohnt, mit seinem Glauben hadert und versucht, seinen Platz im Leben zu finden. Die zweite Staffel der mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten und aktuell für drei Emmys nominierten Comedy ist in Deutschland seit dem 6. August bei Starzplay zu sehen. Eine dritte ist bereits bestätigt.

SPIEGEL: Religion und Glauben – das sind Themen, bei denen nicht jeder Spaß versteht. Hatten Sie Sorgen, wie Ihre Comedy-Serie aufgenommen wird?

Youssef: Klar, große sogar. Nicht nur hinsichtlich der Frage, ob das Publikum das lustig findet. Sondern vor allem, weil ich wusste, dass wir mit "Ramy" ein Gespräch anzustoßen versuchen, das in dieser Form noch nicht geführt wird. Und ich machte mir keine Illusionen darüber, dass in solchen Fällen immer viele sehr unterschiedliche Emotionen ins Spiel kommen. Unbehagen, Genervtsein, Empörung – damit rechnete ich genauso sehr wie mit Dankbarkeit, Erleichterung und Begeisterung.

SPIEGEL: Letzteres scheint dann aber doch überwogen zu haben.

Youssef: Es gab auch negative Reaktionen. Wie sollten die auch ausbleiben, wenn wir Themen wie Sexualität, Gleichberechtigung oder Rassismus auf die Tagesordnung setzen, immer im Kontext der muslimisch-amerikanischen Erfahrung? Aber insgesamt haben wir wohl erfreulicherweise mehr Menschen begeistert als vor den Kopf gestoßen. Und selbst einige, die sich aufregen über die Serie, scheinen trotzdem immer wieder einzuschalten. Neulich schrieb jemand, er würde die Serie hassen, vor allem die zehnte Folge der zweiten Staffel hätte ihn wütend gemacht. Wo ich dann nur dachte: Dafür, dass Du "Ramy" angeblich so furchtbar findest, bist Du aber ganz schön lange dran geblieben.

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Serie "Ramy"

Foto: Craig Blankenhorn/ Starzplay

SPIEGEL: Einer der größten Fans der Serie ist Oscar-Gewinner Mahershala Ali, dem Sie daraufhin eine Rolle in der zweiten Staffel gegeben haben.

Youssef: Er meldete sich bei mir, weil ihm die erste Staffel so gut gefallen hatte. Er ist ja selbst praktizierender Muslim und wusste es zu schätzen, dass es in "Ramy" um jemanden geht, der sich wirklich mit seinem Glauben auseinandersetzt. Wir hatten ein tolles Gespräch, und er meinte, ich solle mich melden, wen er irgendetwas für mich tun könne. Ein paar Wochen später rief ich an und fragte, ob er vielleicht Lust hätte, in einer oder zwei der neuen Folgen mit dabei zu sein. Am Ende wurde dann ein Handlungsstrang daraus, der sich durch die ganze zweite Staffel zieht.

SPIEGEL: Angeblich wollten Sie auch Ex-Teeniestar Lindsay Lohan für einen Gastauftritt gewinnen. Als Gag?

Youssef: Nein, mir war das ein echtes Anliegen. Denn ich halte Lindsay für ein komödiantisches Genie und eine tolle Schauspielerin. Außerdem hat sie ein großes Interesse am Islam und dem Nahen Osten; angeblich wollte sie ja sogar mal konvertieren. Ich hatte eine tolle Idee für eine Episode, in die sie ihre eigenen Erfahrungen hätte einbringen können. Leider riss unser Kontakt wieder ab. Ich habe die Sorge, sie könnte meine Anfrage womöglich doch als Witz aufgefasst haben. Aber ich will versuchen, sie vielleicht für die dritte Staffel zu gewinnen.

SPIEGEL: In einer der neuen Folgen, die sich um Ramys Mutter Maysa dreht, gehen Sie einen hochpolitischen Sachverhalt an: Einbürgerung. Wonach entscheiden Sie, welche Themen Sie sich vorknöpfen?

Youssef: Eigentlich geht es mir nie in erster Linie darum, ein politisches Statement abzugeben. Besagte Folge ist auch nicht als Anti-Trump-Bekenntnis angelegt, selbst wenn Maysa sagt: "Fuck this President." Ausgangspunkt sind für meine Mitautoren und mich viel mehr die Figuren selbst. Was treibt sie um, worum machen sie sich Sorgen? In diesem Fall musste ich an meine eigene Mutter denken, die früher auch in den USA lebte, ohne die Staatsbürgerschaft zu haben. Sie wollte irgendwann zur Wahl gehen können. Das schien mir für meine Serienmutter auch passend. Aber ich wähle nie Themen, die ich den Figuren überstülpe, sondern entwickle die Geschichten lieber von ihren Persönlichkeiten aus.

SPIEGEL: Wie viel Ähnlichkeit hat der Serie-Ramy noch mit Ihnen selbst?

Youssef: Lassen Sie es mich so sagen: Schon in der ersten Staffel war er kein Abbild meiner selbst, sondern eher eine Variation, die an ein paar Stellen Deckungsgleichheit aufweist. In den neuen Folgen ist der Abstand zwischen mir und ihm noch größer geworden. Ich habe es voll ausgekostet, der Fiktion noch mehr Raum zu geben, und trotzdem geht es natürlich immer noch viel um Themen und Fragen, die mich selbst beschäftigen. Auch wenn ich hoffe, dass ich selbst in einigen Punkten schon etwas weiter bin – und nicht ganz so egozentrisch wie er.

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