"Urteil oder Unsinn" mit Jürgen von der Lippe 1970 war das witzig

Jürgen von der Lippe ist zurück - und das Hawaiihemd nur zart angedeutet. In "Urteil oder Unsinn" gibt er den Richter, zwischen Klowitzen und Beamtenspott. Eine gute Idee hat die Sendung immerhin.

Jürgen von der Lippe (oben rechts) mit den Hobbyjuristen von "Urteil oder Unsinn"
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Jürgen von der Lippe (oben rechts) mit den Hobbyjuristen von "Urteil oder Unsinn"

Von Klaus Raab


Jürgen von der Lippe ist zurück im Fernsehen, und es hat schon mal weniger Innovation gegeben: Der Mann, der in den letzten 35 Jahren seiner Karriere Hawaiihemd trug, hat doch tatsächlich diesmal keines an. Von der Lippe trägt jetzt Robe.

Im Programm des RBB ist er der oberste Richter in einem neuen Unterhaltungssendungsversuch, der "Urteil oder Unsinn" heißt und am Dienstagabend getestet wurde. Nora Boeckler gibt die Justizia. Und Comedians in Richterklamotten verhandeln "wahre und skurrile Rechtsfälle" - in Unwissenheit des tatsächlich ergangenen Richterspruchs. Das ist die Idee.

Klamotteninnovation hin oder her, so richtig frisch riecht das alles nicht mehr. Das liegt weniger daran, dass die konzeptionellen Elemente des Formats gebraucht sind. Das Setting mit einem erfahrenen Herrn am Tisch, der durch die Sendung führt, und einer Bande von Unterhaltungsgesichtern gegenüber, erinnert an "Genial daneben" oder "7 Tage, 7 Köpfe". Dass Richterin Barbara Salesch nicht persönlich anwesend ist, bedeutet nicht, dass sie nicht irgendwie doch mit im fischgrätparkettierten Saal wäre, der als Studio dient. Und auf die Idee, skurril anmutende Rechtsfälle auf ihre skurrile Anmutung zu reduzieren, ist auch schon der eine oder andere Karnevalsaktivist gekommen.

Und dann macht Herr Knop grundlos den Matthäus

Aber wie gesagt, daran liegt es gar nicht. Das Problem ist eher, dass die meisten Späße, die in diesem Rahmen getrieben werden, zuletzt 1970 als originell gegolten haben dürften. Einer der Rechtsfälle, um die es geht, handelt zum Beispiel von einem Beamten, der während der Arbeit einschläft, sich dabei verletzt und daraufhin einen Arbeitsunfall geltend machen will, was allerdings die Versicherung nicht einsieht. Schlafende Beamte? Schlafende Beamte.

Dummerweise fällt auch den Comedians, die den Fall dann verhandeln, nicht viel mehr dazu ein, als dass Beamte ja eh immer schlafen. Da bricht nichts, da funkt wenig; am ehesten noch bei Ilka Bessin und Kim Fisher, die sagt, der Mann habe sich "kurz zu den Akten gelegt". Aber in der Tendenz legen sie auf die Folie des Falls einfach noch mal die gleiche Folie drauf. Matze Knop etwa, der zwischendurch völlig grundlos Lothar Matthäus imitiert, sagt: "15.27 Uhr, das ist für einen Beamten mitten in der Nacht." Es ist für 45 Minuten sein bester Witz.

Vom Beamtenschlaf zum Toilettenhumor

Die meisten der anderen fünf Fälle kommen ebenfalls aus Gartenzwerghausen. Einer handelt von einem Urlaubsdomizil, in dem sich trotz gesalzener Mietpreise nur ein Plumpsklo befindet. Das Gericht hat zu diskutieren, ob es Anspruch auf eine Preisminderung gibt - aber vor allem handelt es sich für Comedian Markus Majowski um eine prima Gelegenheit, noch ein zweites Mal nach Jürgen von der Lippe den Kalauer unterzubringen, es gehe hier darum, was "hinten rauskommt".

Außer um Toiletten und Beamtenschlaf geht es um einen renitenten Rentner, der die Grundstückspflegesitten vermisst, die in der DDR üblich waren. Oder um einen abtrünnigen Gatten, der mit einem von einer Hochstaplerin gebrauten Liebestrank zurückgelockt werden soll.

Jürgen von der Lippe, der das Konzept der Sendung zu kennen scheint, versucht die Comedians immer wieder dazu zu bewegen, sich zumindest in die Nähe des Bereichs einer juristischen Laiendiskussion zu begeben - "Es gibt ja ein Nachbarschaftsrecht!" - oder wenigstens ein wenig mit dem Material zu spielen, das ein konkreter Fall mitbringt. Aber dann grätscht wieder Matze Knop dazwischen und erzählt einen Witz von 1957: Sagt der Mann zu seiner Frau, die über Rückenschmerzen klagt, dass es ein Hexenschuss nicht sein könne, denn "die schießen nicht auf ihre eigenen Leute".

Kaum Budget für gute Witze, wenig Zeit für Proben

Wobei, eine Sache ist amüsant, nämlich wie in den Einspielfilmen die Gattung des Fernsehkurzbeitrags persifliert wird: Die Protagonisten in den nachgestellten Fallszenen wiederholen wortgleich, was im Off-Kommentar vorher schon gesagt wurde. "Dafür ist ihr jedes Mittel recht", sagt zum Beispiel der Sprecher über Petra B., woraufhin Petra B. in die Kamera schaut und sagt: "Da ist mir jedes Mittel recht." Ob dieser zwei Mal okaye Witz über eingeschliffene Fernsehredundanzen ein halbes Dutzend Mal gemacht werden muss, ist dann natürlich wieder eine andere Frage.

Es fehlt insgesamt einfach an Einfällen. Es gibt sicher auch nicht so viel Budget, dass ausreichend viele Autoren etwas Halbgares wegschmeißen und noch mal neu anfangen könnten. Und möglicherweise auch zu wenig Zeit für Proben, weshalb nun halt direkt im Programm geübt werden muss.

Ist "Urteil oder Unsinn" also Unsinn? Es gibt bisher nur die Pilotsendung, und Jürgen von der Lippe trägt über seinem Richtertalar immerhin eine Stola aus Hawaiihemdstoff. Da kann man Milde walten lassen. Aber nicht noch mal bei so was erwischen lassen, Freunde!



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Mertrager 04.12.2019
1. Wirklich
ein scharfsinniger Kommentar. - Und völlig humorfrei !
masterbird 04.12.2019
2. Wtf?!
Sorry, gibt es ernsthaft auch nur einen Menschen, der das gesehen hat?? Ich hab mich beim Lesen des Artikels geschämt... aber das einzig Lustige daran ist doch, dass wieder einmal die Debatte über die Rundfunkgebühren entfacht wird... zum x-ten Mal... Danke, Spon! :)
dncreaserv 04.12.2019
3. Oy!
Mal bei Rudi Carell nachlesen: Nichts ist so ernsthaft zu betreiben wie Spaß! Mehr Mühe geben!
durchsichtig 04.12.2019
4. Wenn
man Protagonisten aus der unteren Schublade bestellt, gibts halt "Gags" aus genau derselben. Knob, Majowski, Ilka wer?... Humormumien die auf Knopfdruck gut abgehangene Kalauer rezitieren ohne rot zu werden. Ganz grosses Kino.
christian simons 04.12.2019
5. Knop, Fisher, Majewski, Marzahn-Cindy
Ist von der Lippe bei seinen üblichen Verdächtigen aus "Bitte lesen!" (Malmsheimer, Sträter und Co) in Ungnade gefallen, oder wie erklärt sich diese Ansammlung von drittklassigen Humoristen in seinem neusten Format?
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