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Reichendebatte bei Anne Will Karl May contra Karl Marx

Sollen deutsche Superreiche nach Bill-Gates-Vorbild Milliarden spenden? Um Lenins Willen, ja! Allein Linkspartei-Millionär Dehm und PR-Mann Kocks wetterten gegen Finanzhaie und "Almosen". Eine muntere Reichen-Runde bei "Anne Will", auch wenn am Ende jeder Gast sein Geld behielt.
Von Reinhard Mohr
Dieter Dehm bei "Anne Will": Deutschlands Milliardäre an die Kandare nehmen

Dieter Dehm bei "Anne Will": Deutschlands Milliardäre an die Kandare nehmen

Foto: NDR

Vierzig amerikanische Milliardäre, darunter Bill Gates und Warren Buffett, haben jüngst öffentlich bekundet, die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke spenden zu wollen. Zusammen mit anderen Superreichen wollen sie so weltweit etwa 600 Milliarden Dollar aufbringen. Ein Grund zur Freude? Wenigstens Respekt?

Nicht in Deutschland. So geht's ja nicht!, schallt es hier aus allen Ecken. Houston, wir haben ein Problem! Und viele Fragen. Wo kommt das Geld überhaupt her? Wie kann man überhaupt so viel Geld zusammenraffen? Ist es eigentlich versteuert? Wollen die jetzt die ganze Welt kaufen? Und wo bleibt da der kleine Mann? Wichtiger noch: Die wollen sich doch nur wichtig tun und mit ihrer Kohle protzen. Anständige deutsche Milliardäre machen so was jedenfalls nicht nach, beim heiligen Aldi! Geiz ist geil.

Klar, dass am Sonntagabend Anne Will ran musste, um die Sache endgültig zu klären: "Millionäre zur Kasse: Mehr Spenden, mehr Steuern, mehr Gerechtigkeit?" lautete das Thema.

Um ein Ergebnis vorweg zu nehmen: Die Kapitalisten in der Runde waren nicht nur sympathischer und klüger, sondern auch noch kompetenter und reformfreudiger als die einbestellten Gesellschaftskritiker. Allen voran der Unternehmer und Chef von Liqui Moly, Ernst Prost, der zwar den Umgang des Staats mit Steuergeldern kritisierte - "Die Regierung kann nicht gut wirtschaften" -, aber dennoch eine deutliche Erhöhung des Spitzensteuersatzes (bis auf 50 Prozent) forderte und Armut "eine Schande für Deutschland" nannte. Seine politische Einordnung nahm er in spätpreußischer Klarheit vor: "Weder links noch rechts - ich bin auf der Seite des Bundesrechnungshofs."

Nichts als öffentliches Aufbrezeln

Arend Oetker

, Unternehmer in der vierten Generation des legendären Familienkonzerns und Präsident des Stifterverbandes für die Wissenschaft, hob die animierende, anspornende Wirkung von Großspenden hervor: Defizite des Staates würden so öffentlich herausgestellt und einer demokratischen Debatte ausgesetzt.

Die amerikanische Journalistin Heather de Lisle verstand die aktuelle Debatte schon gar nicht - bis zum Schluss der Sendung. In Deutschland schäme man sich offenbar für "hart erarbeitetes Geld", das nun verschenkt werden soll. Dem einzelnen Bürger werde dabei weit weniger zugetraut als dem Staat.

Der Kommunikationsberater und einstige VW-Vorstand Klaus Kocks konnte allerdings rein gar nichts Gutes an den Milliardenspenden finden. Hier seien Egoismus, öffentliches "Aufbrezeln" und extreme Eitelkeit am Werke, eine Privatisierung von Staatsaufgaben nach "Gutsherrenart", kurz: eine PR-gestützte Almosenkultur. "Wir legen die Staatsgewalt in die Hände der Milliardäre!" schmetterte Kocks leicht übertrieben in die Runde.

Tausendmal berührt

Diether Dehm

, mittelstandspolitischer Sprecher der "Linken"-Fraktion im Deutschen Bundestag, überraschte mit einem völlig unverhofften Lob der Milliardäre, unter denen einige gar für die Erhöhung der Erbschaftssteuer plädierten. Dehm ist allerdings selbst ein ausgewiesener Luxuslinker, gegen den sich sein skandalträchtiger Parteichef Klaus Ernst wie eine arme Kirchenmaus mit alpiner Bruchbude und Gebraucht-Porsche ausnimmt.

Dehm, 60, war seit jeher auf beiden Seiten der Barrikade zu finden: Marxist und Millionär, Unternehmer und Kommunist. Er war Liedermacher (Künstlername "Lerryn", zusammengesetzt aus "Larry" und "Lenin"), Sänger, Manager, unter anderem von Katarina Witt, Ute Lemper und Klaus Lage - und Songschreiber von Hits wie "Tausendmal berührt" oder "Was woll'n wir trinken 7 Tage lang". 33 Jahre lang war er in der SPD.

Zwischen 1971 und 1978 wurde er unter dem Decknamen "IM Dieter" beziehungsweise "IM Willy" als Informant der Stasi (Hauptabteilung XX/5) geführt. 1998 wechselte er von der SPD zur damaligen PDS. Zuletzt machte er durch einen indirekten Vergleich auf sich aufmerksam, bei dem er die Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl, Joachim Gauck und Christian Wulff, mit den Massenmördern Hitler und Stalin in Verbindung brachte.

All das hätten sicher auch die Talkshow-Zuschauer gerne erfahren, um seine Rolle als flammender Rächer der Witwen und Waisen, Armen und Entrechteten ("Jedes fünfte Kind hungert!") in "diesem unverschämt reichen Land" noch mehr genießen zu können. Doch dafür war wohl die Zeit zu knapp. Selbst die "Tafeln" in ganz Deutschland verurteilte Dehm in guter marxistischer Tradition und neomarxistischer Staatsgläubigkeit als fehlgeleitete Privatisierung von Solidarität.

Verlängerter Arm der Finanzhaie?

Während Heather de Lisle in amerikanischer Nonchalance und aus eigener Erfahrung bekannte: "Wenn man Hunger hat, freut man sich darüber, wenn man etwas zu essen kriegt", wollte Diether Dehm an seiner "Idealvorstellung vom Staat" nicht rütteln lassen. Klar, dass er Banken und Finanzindustrie komplett verstaatlichen will. Die Oberaufsicht hätte dann derzeit Dr. Wolfgang Schäuble.

Ein Traum.

An dieser Stelle musste Klaus Kocks dann aber doch kritisch eingreifen: "Das ist mehr Karl May als Karl Marx!" Zu einem letzten schweren Schlag gegen den real existierenden Kapitalismus und seine dreisten Büttel holte Dr. Diether Dehm am Schluss der Sendung aus, als Anne Will einmal SPIEGEL ONLINE zitierte: "SPIEGEL ONLINE ist der verlängerte Arm der Finanzhaie!" schleuderte er heraus.

Halten zu Gnaden: Wenn schon Hai, dann bitte "verlängerte Flosse". So viel Genauigkeit muss sein, Genosse!