Pferdeoper in der ARD Hengst Jacomo muss alles richten

Mit "Reiterhof Wildenstein" belebt die ARD-Tochter Degeto das zuletzt schmachvoll vernachlässigte Genre der Reiterhof-Schmalzette wieder - mit allen Klischees, die so eine Wieherserie braucht.

Hendrik Heiden/ ARD

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Das Pferdemädchen: Auch auf Reiterhof Wildenstein scharrt noch munter die ewige Genderspaltung mit den Hufen, die wir schon aus dem "Bille und Zottel"-Jugendbuchepos kennen: Das Weiche, das ist das Weibliche. In diesem Fall Rike (Klara Deutschmann), die nach 13 Jahren zum ersten Mal auf den Familienhof zurückkehrt, weil ihr Vater beerdigt wird - dessen Härte gegen Mensch und Tier hatte sie seinerzeit vom Hof getrieben, woraufhin sie in die USA flüchtete, Mustang Central quasi, wo sie nun als Pferdeflüsterin auf ihrer eigenen Ranch praktiziert.

Ihre Klepperkommunikationskünste finden ihren Peak in einer Szene, in der ihr das Pferd mit gestampften Klopfzeichen und heftigem Nicken auf ihre Fragen antwortet. Ihr garstiger Bruder bevorzugt derweil die harte Kandare. Wir werden also wohl noch lange auf die Serienvariante warten müssen, in der das Pferdemädchen mal von einem Mann gespielt wird.

Das Finanzdebakel: Natürlich ist der Reiterhof hoch verschuldet. Alle Hoffnungen liegen auf einem neu angeschafften, hoch talentierten Dressurpferd, das bei einem Turnier das Preisgeld zusammenpiaffen soll. Sehr hoch können diese Verbindlichkeiten aber nicht sein, da sich das so nervös herbeigefieberte Event in der Auftaktfolge als Kleinstadtturnier mit vielleicht 80 Zuschauern entpuppt. Ob Jacomo hier wiiiiirklich gewinnen kann, obwohl doch aaaaaalle Wahrscheinlichkeit gegen ihn spricht?

Der herausragende Hengst: Jacomo muss alles richten, das mit Investorenhilfe angeschaffte, in gleichen Teilen edle wie hochsensible Tier. Andere Statistenpferde sieht man nur am Rande. Gemein, dass man Jacomo trotz seiner zentralen Rolle kein eigenes Signature-Lied aus Bohlen-Feder spendierte, wie seinerzeit Samuraj aus "Rivalen der Rennbahn".

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"Reiterhof Wildenstein": Rike und die Pferde

Der herausragende "Hengst": Natürlich kann sich Rike nicht in Ruhe auf ihre Pferdearbeit konzentrieren, sondern muss sich auch noch mit lästiger Turtelei herumschlagen: Ihre Jugendliebe Christian (Alexander Khuon) ist mittlerweile ein moralflexibler Familienvater, es kommt auf einer nächtlichen Koppel zum Ärgsten. Außerdem gibt es auch noch Jack (Angus McGruther), Rikes amerikanischer Hightech-Cowboy-Freund, der gern von der WLAN-Weide aus mit ihr skypt und schließlich auch noch ungebeten anreist. Es spricht nur bedingt für die Spannungsdichte der Auftaktfolge, dass man sich fortan eher für die ungeklärte Frage interessiert, wer denn jetzt daheim in Amerika die Pferde füttert.

Der böse Pferdeprügler: Er ist ein finsterer Franzose, das gibt noch mal Extrapunkte, weil er so schön anders fluchen kann, wenn Jacomo bei seinem Dressurtraining nicht spurt, und Rikes Bruder so herrlich bedrohlich "Ferdinoooond" nennt. "Julien Dessaulier" (Pierre Kiwitt) ist auch wirklich ein sehr guter Name für einen Serienschurken. Als Bonus-Böse treten zwei selbstverständlich gierige und halbseidene Investoren auf, die Jacomo natürlich "den Gaul" nennen.

Der "Frauen sind wie Pferde"-Vergleich: "Rike Wildenstein? Das einzige Pony, das sich nicht dressieren lassen wollte", ölt Kommissar Meier (Stefan Pohl), und Jack kramt ganz tief in seiner Sprüche-Satteltasche, als Rike ihn zurück nach Amerika schickt: "Weißt du, was mein Vater mir über Wildpferde beigebracht hat? Manchmal musst du sie wegrennen lassen. Damit sie zu dir zurückkommen können."

Die Vision einer besseren Welt: "Gibt es noch einen Platz in der Spätmaschine nach L.A.? Bitte reservieren für Wildenstein, danke, Tschüss!" So zügig geht eine Flugticket-Reservierung in der heilen Pferdehofwelt. Keine Aufgabegepäckzubuchungspflicht, kein Speedyboardingnepp, keine Rücktrittsversicherungsaufschwatzerei, selbst Kreditkarten sind hier völlig überflüssig. Es muss das schönste Leben sein.

Zeitgenössischer Twist: Das klingt alles, als sei "Reiterhof Wildenstein" eine altbackenes Klischee-Palooza? Weit gefehlt, es gibt auch hochmoderne Momente. Etwa, wenn Rikes Bruder ihr bescheidet, er sei sehr wohl informiert, was sie so in den USA treibe: "Meine Freundin hat dich gegoogelt."

"Reiterhof Wildenstein - Die Pferdeflüsterin" läuft am 10. Mai um 20.15 Uhr in der ARD, die zweite Folge "Kampf um Jacomo" am 17. Mai, ebenfalls um 20.15 Uhr



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HanzWachner 10.05.2019
1. Liebe Frau Rützel...
...über den Giga-Schwachsinn, der im deutschen TV so gesendet wird, von Schmonzetten aller Art bis Pferdehofromanzen jetzt, können Sie sich die Finger wund schreiben. Ändern wird sich dadurch in den Redaktionsstuben leider nichts.
thesaurusrex 10.05.2019
2. Fernsehen wäre langweilig
ohne die Analysen von Frau Rützel. Ich liebe diese wortgewaltigen Ausführungen und freue mich immer wieder über die kreative Sprache. Meistens habe ich die Sendungen gar nicht gesehen. Aber Frau Rützel gibt einem das Gefühl, selbst dabei gewesen zu sein. Herrlich!
benmartin70 10.05.2019
3.
Wie schön, dass die ÖR mal wieder Ihrem Unterhaltungsauftrag aufs trefflichste nachkommen. Ich freu mich.....
Working Poor 10.05.2019
4. Und dafür gibt es noch GEZ-Gebühren...
Lieber SPIEGEL, das ist endlich mal wieder ein schöner Verriss! Das Lesen hat auch ohne Zuschauen Spaß gemacht. Traurig ist nur, dass die öffentlich-rechtlichen Sendungen für die Grundversorgung mit Information zuständig sind und dass die GEZ-Gebühren zweckwidrig für einen solch Schund verprasst werden.
Hexavalentes Chrom 10.05.2019
5. In memoriam Claudia Bertani
Die bessere Frau ist immer jene, die den Glauben an das Gute noch nicht verloren hat. Das ist die Art von Emanzipation, die die Massen erreicht. Umringt von Schurken steht sie ihre Frau an der Flanke eines prächtigen, dunkelhäutigen Hengstes. Mich erinnert dies an Claudia Bertani, die ja ihr riesiges Kirschgut im Piemont auch ganz allein hat bewirtschaften müssen. Unvergessen ihre so delikat geblähten Nüstern an schneeweißer Kirschblüte. Ultrafeminin im moncheriroten Kleid. Unvergesslich!
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