Religionsdramen in der ARD Der Heilige Stuhl und sein Scheuerteufel

Glaube, Liebe, Quote: Erst wird Harald Krassnitzer als Priester zölibatbrüchig, dann gibt Christine Neubauer in Nonnenkluft die Putzkolonne des Papstes. Nikolaus von Festenberg zweifelt angesichts solch geballten Soutanengeknisters in neuen ARD-Filmen, ob er das Erste als Segen empfinden soll.

ARD

Ob die Katholische Kirche von Zölibat und Frauenbenachteiligung profitiert, weiß man nicht. Das trivialisierende Fernsehen aber verdankt diesen kirchlichen Verfügungen mit Sicherheit eine ganze Menge. Wo gibt es denn schließlich noch in der modernen libertären Welt eine halbwegs glaubhafte Heimstätte für Triebverzicht und Frauenunterdrückung, wenn nicht im Reich des Papstes?

Beim Thema Zölibat pilgerten früher die sonst heidnischen Strategen der U-Kultur zum Heiligen Geist und deckten sich mit erotischer Knisterware ein: "Dornenvögel", "Heilige Hure", "Hurenmord - ein Priester schweigt" (und genießt?), "Beichtstuhl der Begierde" und "Das Herz des Priesters" hießen die Filme, in denen es nicht um den Einen, sondern um das Eine ging. Der verbotenen priesterlichen Liebe verdankte sich nicht selten Nachwuchs. Selbst "Derrick" Horst Tappert wurde beim Ausflug ins Geistlichenfach "Der Kardinal" - mit dem nie gesagten Satz, Harry, schwing schon mal das Weihrauchfass - vom Drehbuch eine in Sünde gezeugte Tochter zugeschrieben.

An diesem Mittwoch wandelt die ARD mal wieder durch das Land der priesterlichen Fehltritte, und nichts knistert. "Am Kreuzweg" heißt der kreuzlangweilige Fernsehfilm des SWR (Buch: Rodica Döhnert, Regie Uwe Janson). Harald Krassnitzer ( "Tatort"Wien) hat mit der Ärztin eines Ordenskrankenhauses (Karoline Eichhorn) seit Jahren eine feste Beziehung, aus der zwei nichts von ihrem priesterlichen Erzeuger ahnende Kinder stammen. Alles läuft glatt in gut geölter Heimlichkeit.

Mit Luther wäre das nicht passiert

Dann aber will der inzwischen erwachsene Sohn (Christopher Reinhardt) Priester werden und die entsetzte Mutter findet es an der Zeit, die Wahrheit über die familiären Verhältnisse zu offenbaren: Die Offenlegung der zölibatwidrigen Zustände führt in die Bredoullie. Die Gemeinde, vor der sich der Priester im Gottesdienst als heimlicher Vater offenbart, ist entsetzt, die Kirchenführung unbarmherzig, der Sohn verstört, die Mutter wird entlassen, Hochwürden und seine Partnerin stehen vor einem Scherbenhaufen. Und wollen nicht begreifen, warum.

Sie sind im falschen Verein, denkt der Zuschauer, mit Luther wäre das nicht passiert. Verwunderlich ist vor allem die Naivität, mit der sich das Paar wundert, dass die Kirche den Verstoß gegen den Zölibat hart ahndet. Der Film plädiert in aller popularistischen Schlichtheit des gesunden Menschenverstands für Liebes- und Kinderglück und gegen kirchliches Gebot. Von Sünde und Sündenbewusstsein will das TV-Spiel nichts wissen.

Zwei sind eigenmächtig in eine Zukunft ohne Zölibat gestürmt und haben sich von der natürlichen Liebe leiten lassen. Nun sollen Kirche und Gemeinde gefälligst tolerant sein. Das wirkt ziemlich schlicht - und wird auch ziemlich schlicht gezeigt. Ein Blick in seelische und religiöse Abgründe spart sich der Film weitgehend.

Das zweite Präsent, das das Erste aus dem Laden für katholische TV-Devotionalien hervorkramt, ist ein prall gefülltes Osterei: Christine Neubauer ( "Der kalte Himmel") spielt pünktlich zum Auferstehungsfest "Gottes mächtige Dienerin". Es handelt sich um Schwester Pascalina aus dem Orden vom Heiligen Kreuz. Der Zweiteiler (Regie: Marcus O. Rosenmüller nach der Biographie von Martha Schad) begleitet die niederbayerische Bauerntochter durch 40 Jahre, in denen sie dem Nuntius Pacelli und späteren Papst Pius XII (ausgezeichnet: Remo Girone) diente, dessen Pontificat durch Hitlerzeit und Judenverfolgung (siehe Rolf Hochhuth: "Der Stellvertreter") überschattet war.

Putzteufel, Hausdrachen und priesterliche Ersatzmutti

Bei der Geschichte von Pascalina geht es um ein weiteres Problem des Zölibats. Nicht um Sexualität, sondern den Angriff weiblicher Bemutterung und heimlicher Herrschsucht einer Dienerin gegen die institutionell verankerte Überlegenheit des Mannes. Wie schwer ist es, Demut zu üben?

Man muss zugeben, dass Neubauer den Putzteufel, Hausdrachen und die priesterliche Ersatzmutti mit dem devoten Ehrgeiz einer kleinbäuerlichen Aufsteigerin überzeugend und bedrohlich spielt und so in den besten Momenten des Films verhindert, dass sich die Geschichte vollständig dem sancto spirito der ARD-Produktionsfirma Degeto ergibt und alles Spannungsreiche in kirchlicher Folkore erstickt.

Festzuhalten ist, dass beide der Trivialität ergebenen Fernsehstücke mit dem Kerngeschäft der Kirche, der Erklärung und dem Wunder des Glaubens und des Heiligen, nichts anfangen können. Die Möglichkeit Gottes bleibt in allem menschelnden Soutanengeknister unsichtbar. Ein Segen?


"Am Kreuzweg", Mittwoch 20.15 Uhr, ARD
"Gottes mächtige Dienerin", 22. + 23. April, jeweils 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 26 Beiträge
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onkel hape 08.03.2011
1. Ein Knüller!
Das passt. Vollweib Neubauer, der man als TV-Zuschauer nicht mal eine Woche entkommen kann, jetzt auch noch in attraktiver, katholischer Tracht, eine wahre Augenweide. Wie in dem nett geschriebenen Artikel erwähnt, wäre der Titel "Beichtstuhl der Begierde" auch nicht schlecht, um das unerlaubte, wollüstige Treiben einiger Schwarzkittel sichtbar zu machen.
Brand-Redner 08.03.2011
2. In memoriam Bernd Eichinger
Zitat von sysopGlaube, Liebe, Quote: Erst wird Harald Krassnitzer*als Priester zölibatbrüchig, dann gibt Christine Neubauer in Nonnenkluft die Putzkolonne des Papstes. Nikolaus von Festenberg zweifelt angesichts solch geballten Soutanengeknisters in neuen ARD-Filmen, ob*er das Erste als Segen empfinden soll. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,749643,00.html
Es stimmt: Produktionen dieser Art bieten bestenfalls ein weichgespültes Bild von den Widersprüchen, in denen sich speziell der katholische Klerus heute bewegt, und ich fürchte fast, die anvisierte Zielgruppe würde derart Kompliziertes auch gar nicht interessieren. Denen ist doch völlig "wurscht", ob z.B. Frau Neubauer im Bayerndirndl, im Nonnentschador oder vielleicht gar ohne alles das daher kommt - Hauptsache, sie fehlt nicht plötzlich beim Einschalten zur gewohnten Zeit! Zwar muss man zwangsweise zahlen für derart überflüssige Streifen, erkauft sich aber damit - um im Bilde zu bleiben - den Ablass, es wenigstens nicht anschauen zu müssen. Dann doch lieber zum hundertsten Male "Der Name der Rose"! Wer weiß, ob ein solcher Wurf jemals wieder gelingt...
Rainer Helmbrecht 08.03.2011
3. Ohne Titel ist man freier.
Zitat von sysopGlaube, Liebe, Quote: Erst wird Harald Krassnitzer*als Priester zölibatbrüchig, dann gibt Christine Neubauer in Nonnenkluft die Putzkolonne des Papstes. Nikolaus von Festenberg zweifelt angesichts solch geballten Soutanengeknisters in neuen ARD-Filmen, ob*er das Erste als Segen empfinden soll. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,749643,00.html
Gafühlt habe ich den Eindruck, dass das Erste und Zweit Fernsehen immer mehr zum Kirchenfunk mutiert. Wir sind nicht mehr weit von einem Gottesstaat entfernt. Pfarrer als Kriminalaufklärer, rührselige Geschichten mit Nonnen, die Lebenshilfe im Namen des Herren lösen. Gottesdienste die da übertragen werden, als gäbe es keine Kirchen. Wenn man das gleichberechtigt mit allen Glaubensrichtungen machen würde, dann bräuchten wir keine Nachrichtensendungen mehr, weil die (Sende)Zeit nicht ausreicht. Die Einflüsse durch Fernsehräte und die Einflussnahme auf Krankenhäuser und Kindergärten im Sinne der Kirchen ist nicht mehr von Demokratie und Gleichberechtigung gedeckt. Trennung von Kirche und Staat muss endlich durchgesetzt werden. MfG. Rainer
thepunisher75 08.03.2011
4. Das deutsche Fernsehprogramm wird immer schlechter !
Zitat von sysopGlaube, Liebe, Quote: Erst wird Harald Krassnitzer*als Priester zölibatbrüchig, dann gibt Christine Neubauer in Nonnenkluft die Putzkolonne des Papstes. Nikolaus von Festenberg zweifelt angesichts solch geballten Soutanengeknisters in neuen ARD-Filmen, ob*er das Erste als Segen empfinden soll. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,749643,00.html
Mannomann, ist gut das Ich keinen Fernseher mehr habe (oder sagen wir mal so, ihn zwar habe aber wenig bis gar kein Fernsehen mehr gucke !) Ist ja grauenvoll das Deutsche Fernsehprogramm: Nazi-Filme, Religionsdramen, Filme in denen Deutsche "Adlige" irgendein Drama haben (ihr Hund ist überfahren worden !) und Krimis wie 'Tatort'....bei so einem Programm muß man entweder emotionlos und Rechts sein oder schon tot !
WolArn 08.03.2011
5. ...
Zitat von Rainer HelmbrechtGafühlt habe ich den Eindruck, dass das Erste und Zweit Fernsehen immer mehr zum Kirchenfunk mutiert. Wir sind nicht mehr weit von einem Gottesstaat entfernt. Pfarrer als Kriminalaufklärer, rührselige Geschichten mit Nonnen, die Lebenshilfe im Namen des Herren lösen. Gottesdienste die da übertragen werden, als gäbe es keine Kirchen. Wenn man das gleichberechtigt mit allen Glaubensrichtungen machen würde, dann bräuchten wir keine Nachrichtensendungen mehr, weil die (Sende)Zeit nicht ausreicht. Die Einflüsse durch Fernsehräte und die Einflussnahme auf Krankenhäuser und Kindergärten im Sinne der Kirchen ist nicht mehr von Demokratie und Gleichberechtigung gedeckt. Trennung von Kirche und Staat muss endlich durchgesetzt werden. MfG. Rainer
Dann würde der Staat noch mehr zu einem Höllenpfuhl verkommen, wobei es mit der Kirche aber auch nicht besser wird. Hingegen ein "wahrer" Gläubiger sich von niemanden, egal ob Staat oder Kirche, etwas aufzwingen läßt, z.B. Auto fahren oder Luxusartikel kaufen, nur damit die Wirtschaft wieder besser in den Schwung kommt, oder das glaubt, was die Kirche einem erzählt. Denn er lebt für sich sein eigenes unauffälliges und gottgefälliges Leben, in Friede, Demut und Liebe, was wiederum unsere Welt lebensweter macht, und das so gut, wie es der Staat oder die Kirche es niemals kann. Jesus hatte ja auch mit den Politikern, bzw. dem Staat überhaupt nichts am Hut, möchte aber, daß Gesetze die vom Staat erlassen werden, befolgt werden -> "Mein Reich ist nicht von dieser Welt, daher gebt dem Kaiser, was sein ist, und Mir, was Mein ist, nämlich euer Herz in gehorsamer, reiner Demut. Um alles Übrige kümmert euch nicht, denn Ich euer Vater bin ja mitten unter euch. Daher seid gehorsam eurem Fürsten;..."
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