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ZDF-Film "Komm, schöner Tod": Sterben auf Bestellung

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Sterbehilfe-Groteske im ZDF Ab ins Sterbeheim, Opi!

Heftige Kritik musste das ZDF im Streit um seine Produktion "Komm, schöner Tod" einstecken: Der Sender traue sich nicht, das Thema aktive Sterbehilfe zur besten Zeit zu platzieren. Nach Ansicht drängt sich eine andere Deutung auf - der Film findet keinen angemessenen Umgang mit dem Thema.

Der Fall schien klar: Das ZDF gibt einen ambitionierten Spielfilm zu einem heiklen Thema in Auftrag - und hat dann nicht die Traute, ihn zur besten Sendezeit zu zeigen. Stattdessen schiebt man ihn verschämt auf einen Sendetermin nach 22 Uhr. Eine "Enttäuschung", kritisierte Produzentin Regina Ziegler, einen Beleg für die "Mutlosigkeit des Systems" sah der zuständige Redakteur Heiner Gatzemeier. Beide kritisierten Anfang März in aller Öffentlichkeit die Entscheidung des ZDF, den Film "Komm, schöner Tod" an diesem Donnerstag erst um 22.15 Uhr auszustrahlen.

In die gleiche Kerbe schlug in dieser Woche auch die Deutsche Hospiz Stiftung. Deren Vorsitzender Eugen Brysch lobte das ZDF zwar für Thematik und Machart des Films, bedauerte aber den Sendetermin: "Die Entscheider des ZDF hatten wohl Angst vor ihrer eigenen Courage." Die schon zuvor geäußerte Rechtfertigung der Verantwortlichen schien die Vorwürfe noch zu bestätigen: "Sterbehilfe ist ein schwieriges Thema", sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey.

In der Tat entwirft der Emmy- und Grimme-gekrönte Regisseur und Autor Friedemann Fromm("Die Wölfe") ein unbehagliches Szenario. In "naher Zukunft" ist die Überalterung zu einem zentralen Problem geworden. Auf den Straßen Berlins irren zahllose demente Alte herum. Die Gesellschaft hat sich eher rational darauf eingestellt: Sicherheitskräfte durchkämmen die Straßen und verfrachten jeden älteren Mitbürger, den sie ohne junge Begleitperson antreffen, kurzerhand in "staatliche Auffangheime" für Senioren. Wer dort landet, kommt nie wieder heraus.

Promo fürs Töten

Diesen Missstand weiß der erfolgreiche Besitzer einer Schönheitsklinik - ihn spielt Dietrich Hollinderbäumer ähnlich borniert wie den Ulrich von Heesen in der ZDF-"heute-show" - für ein perfides Geschäftsmodell zu nutzen: Er gründet das Institut Exsolvo, das den kinderlosen und einsamen Alten einen friedlichen, begleiteten Tod per Giftspritze verspricht.

Für diesen Weg entscheidet sich auch die alternde Diva Hannah (Katharina Matz), die der Geschäftsmann benutzt, um das gesetzliche Verbot der aktiven Sterbehilfe in Deutschland in einem aufsehenerregenden Verfahren vom Bundesverfassungsgericht kippen zu lassen. Nun ist der Weg frei, doch ausgerechnet jetzt verschwindet die inzwischen verwirrte Hannah, anstatt sich vor laufender Kamera glücklich ins Jenseits befördern zu lassen - ein PR-Desaster für den Geschäftsmann. Er heuert den abgehalfterten Journalisten Jens Kurzhals (Herbert Knaup) an, der als einer der wenigen Bürger seinen dementen Vater zu Hause pflegt. Er soll das Image des Instituts retten.

Diese Story, die lose auf dem Roman "Die Erlöser AG" von Björn Kern basiert, ist natürlich eine Farce, die Stoff für eine provokante und schrille Groteske über den Umgang mit demografischem Wandel und die Angst vor dem Altern hätte sein können - ein Thema, dem sich Produzentin Ziegler bereits mehrfach für das ZDF gewidmet hat, zuletzt mit "2030 - Aufstand der Jungen".

Großmütterchen trägt Arschgeweih

Doch leider ist an "Komm, schöner Tod" nur die Schlichtheit grotesk. Ständig deklamieren die Charaktere ihre Ansichten so eindringlich wie in einem brechtschen Theaterstück. Und wenn etwa eine junge Passantin den mit seinem widerspenstigen Vater ringenden Ex-Journalisten entrüstet anblafft: "Geben Sie Ihren Vater doch ins Pflegeheim, wenn er Sie überfordert!", wirkt der derart plakativ dargestellte gesellschaftliche Wertewandel in Bezug auf den Umgang mit Senioren schlicht unglaubhaft.

Zu diesem Eindruck trägt auch die Ausstattung des Films bei: Das Berlin der "nahen Zukunft" sieht exakt so aus wie das Berlin des Jahres 2012, es fahren die gleichen Autos (nur mit Elektroantrieb) durch die Straßen der Gegenwart, auch die ZDF-Nachrichtensendung ähnelt dem momentanen Look. Greise Damen zeichnen sich durch ein Arschgeweih aus - eine Erscheinung, die erst in einigen Jahrzehnten zu erwarten ist. Und die Gesellschaft ist von einer derart zynischen Altenfeindlichkeit getränkt, dass dafür selbst bei einer grundpessimistischen Weltsicht mehr als die paar Jahre nötig sind.

Trotz alledem blitzen in "Komm, schöner Tod" immer wieder starke Momente auf - dafür verantwortlich ist eine Riege hervorragender Schauspieler, die oft genug vergeblich gegen das Drehbuch anarbeiten müssen. Wenn aber zu sehen ist, wie Journalist Kurzhals seinen dementen Vater pflegt, spielen Herbert Knaup und Peter Franke das einfach nur anrührend - inmitten dieser völlig überzeichneten Farce eine wahre Leistung.

Dennoch drängt sich angesichts des Zwists im Vorfeld der Eindruck auf, dass es weniger das heikle Thema der aktiven Sterbehilfe war, das das ZDF dazu bewog, "Komm, schöner Tod" erst um 22.15 Uhr zu zeigen. Vielleicht ist dieser Film einfach zu schlecht für die Prime Time.


"Komm, schöner Tod", Donnerstag, 22.15 Uhr, ZDF