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Wetten, dass..?: Liegestütz und Tote Hasen

Foto: Marius Becker/ dpa

"Wetten, dass..?" mit Lanz Mit aller Kraft

"Wetten, dass..?" als Extremsport: Markus Lanz lächelt mit zusammengebissenen Zähnen, arbeitet gewissenhaft Gäste und Wetten ab, gibt drei Stunden lang sein Bestes. Lustvoll wirkt er dabei nicht. Aber sehr ehrgeizig.

Ja, gut, sicherlich, der Druck war immens hoch, es ist dann auch nicht alles optimal gelaufen, aber das kann man Markus Lanz wirklich nicht vorwerfen. Er war mental bestens vorbereitet und auch körperlich auf den Punkt fit, der Herausforderung in jeder Hinsicht gewachsen. Zwischendurch ist dem 43-Jährigen Südtiroler zwar merklich die Puste ausgegangen, doch aufgegeben hat er nie. Am Ende wurde sein Wille mit einer persönlichen Bestleistung belohnt, die durchaus Hoffnung macht auf seine künftige Performance. Die erste Etappe ist geschafft. Im Trainingslabor am Mainzer Lerchenberg wird man weiter an der Optimierung seiner Unterhaltungswerte arbeiten.

Fast automatisch rutscht man in den Tonfall der Sportberichterstattung, will man die erste Ausgabe von "Wetten, dass..?" unter der Leitung des neuen Moderators beschreiben. Da waren zwar auch prominente Gäste, da waren Wetten, da war sogar eine angeblich fahrbare Talk-Couch, aber zu beobachten war vor allem Markus Lanz, ein Showmaster, der eine Unterhaltungssendung moderiert, als würde er einen Wettkampf absolvieren.

Massentaugliche TV-Moderatoren verkörpern eine Sehnsucht der Zuschauer: Sie leben auf dem Bildschirm eine Inszenierung von ins Positive gewendeten Eigenschaften vor, mit denen sich eine große Zahl von Fernsehenden identifizieren kann. Ein jeder spielt seine Rolle: Stefan Raab die des Großmauls, das bereitwillig riskiert, auch mal Dresche zu beziehen, wenn es darauf ankommt. Günther Jauch die des bildungsbürgerlichen Besserwissers, der mit Humor und der Fähigkeit zur Selbstironie ausgestattet ist. Thomas Gottschalk gibt den unvorbereiteten Hallodri, der jede sich auftuende Lücke mit seiner einzigartigen, leichtfüßigen Schlagfertigkeit zu schließen vermag.

Zweifellos ist auch Markus Lanz massentauglich: Zwar nicht auftrumpfend, nicht superschlau und auch nicht schillernd - aber ein blendend aussehender Mann mit dem eisernen Willen, nachdrücklich Gastgeberqualitäten auszustrahlen. Er verlangt sich dabei einiges ab: Es kostet Kraft, über drei Stunden lang die Zähne zusammen zu beißen und gleichzeitig zu lächeln.

Der Charakter der Sendung hat sich völlig verändert

Diese Leistung verdient Respekt. Und wahrscheinlich gibt es eine große Zahl von Menschen, die sich mit seinen Tugenden identifizieren können, sind es doch die Tugenden all jener, die vorankommen wollen im Leben. "Wetten, dass..?" mit Markus Lanz könnte dauerhaft erfolgreich werden - auch wenn (oder gerade weil) sich der Charakter der Sendung mit der 200. Ausgabe völlig verändert hat.

Und das liegt interessanterweise kaum an den vollmundig angekündigten Neuerungen, die das ZDF im Vorfeld lanciert hatte. Die groß kommunizierte komplette Neudekoration der Show mit fahrbaren Bühnenelementen und ständiger Präsenz der Wettkandidaten auf der Bühne spielte faktisch keine Rolle. Die konzeptionelle Innovation beschränkte sich im Wesentlichen auf die Einführung der "Lanz-Challenge", eines vergleichenden Fitnesstests des Moderators mit einem Publikumsgast. Dass die Wettkandidaten mit Einspielfilmen vorgestellt wurden? Dass die Promis, bis auf den einzigen echten Star Jennifer Lopez, nicht mehr nach und nach eintrudelten, sondern von Anfang an vollzählig auf der Couch zur Abfrage bereit saßen? Völlig nebensächlich.

Überraschender waren da schon die Tonprobleme, mit denen das ZDF während der gesamten Übertragung die Zuschauer belästigte. Mal war der Ton zu leise, dann wieder zu laut, bei der Schalte zur Auflösung der Stadtwette brach er gar komplett zusammen und wich einem nervigen Piepston. Zwar war bekannt, dass der Sender die Show mit einem neuen Team produzieren wollte - dass damit auch der Verzicht auf kompetente Toningenieure gemeint war, erstaunte allerdings.

Leichtigkeit gab's höchstens bei den Gästen

Überraschend auch die für eine so beachtete Ausgabe offenbar unzureichende Vorbereitung der Wetten - eine nach nur wenigen Sekunden scheiternde Traktorfahrt auf zwei Rädern hätte es eigentlich nicht ins Programm schaffen dürfen. Aber das war wahrscheinlich nur Pech. Insgesamt war diese "Wetten, dass..?"-Ausgabe nicht wesentlich langweiliger oder aufregender als irgendeine andere davor.

Nein, die einzige wirkliche Neuigkeit an der Traditionsshow im neuen Gewand ist ihr neuer Moderator und das durch diesen verkörperte Menschenbild des ehrgeizigen Arbeiters. Und diese Herangehensweise an die Unterhaltung eines Millionenpublikums am Samstagabend macht es bei allem Respekt vor der Anstrengung des Debütanten und bei allem Verständnis für den hohen Druck, unter dem Markus Lanz zweifellos stand, nicht leicht, seine Sendung und ihn wirklich zu mögen.

Wo Ehrgeiz herrscht, ist wenig Platz für Leichtigkeit - war sie zu beobachten, dann manchmal bei den Gästen, nie beim Gastgeber. Karl Lagerfeld, dem ähnlich wie Thomas Gottschalk oder Franz Beckenbauer völlig Wurst zu sein scheint, was er gerade vor einem Millionenpublikum daher redet, lieferte die nötige Portion Gaga-Kommunikation. Wotan Wilke Möhring machte Stimmung während einer Wette, die sich um die Blinderkennung von Hunderassen an der Konsistenz ihres Haars drehte. Ilka Bessin alias Cindy aus Marzahn legte eine deftige Michelle-Hunziker-Parodie aufs Parkett. Der Tenor Rolando Villazón wackelte lustig mit den Augenbrauen.

Markus Lanz hingegen versprühte keine Funken. Höhepunkte suchte man in seiner Moderation vergeblich. Geplant war zwar offenbar die witzige Platzierung von vorbereiteten Scherzen, doch Lanz platzierte sie dann doch nur pflichtgemäß, gerne auch mit Nachdruck, so wie das Wortspiel vom 'Moderator mit Migränehintergrund." Der Moderator agierte stets zielstrebig und nach Plan. Erfolgreiche Bürokollegen machen das ähnlich und dann schnell Karriere. Sein Bier trinkt man abends lieber mit anderen.

Markus Lanz hat alles gegeben, darauf kann er stolz sein. Der Weltrekord jedoch liegt in weiter Ferne.

Hinweis der Redaktion: "In einer früheren Version dieses Textes wurde Markus Lanz die Titulierung der Toten Hosen als "Tote Hasen" als schlechter Gag vorgehalten - tatsächlich handelte es sich dabei jedoch um ein historisches Zitat. Wir bitten, dieses Missverständnis zu entschuldigen."

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