Scorsese-Film "Rolling Thunder Revue" Döntjes mit Bob Dylan

Mythen und Fakten? Wirbeln im Rock'n'Roll gern mal durcheinander. So ist es auch im Netflix-Film "Rolling Thunder Revue" von Martin Scorsese, der die Geschichte einer legendären Bob-Dylan-Tournee erzählt.

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"Wenn du dich an die Sixties erinnern kannst, hast du sie nicht wirklich erlebt." Wer das jemals gesagt hat oder ob es überhaupt jemand jemals gesagt hat, ist längst im bewusstseinserweiternden Nebel des revolutionären Jahrzehnts verschwunden.

Und da die Protagonisten der Sechzigerjahre, die Hippies und Troubadoure, die Folk-Poeten und Rock'n'Roll-Gaukler, das ganze folgende Jahrzehnt gebraucht haben, um sich von ihrem Kater zu erholen, gilt dieser - echte oder erfundene - Spruch unbedingt auch für die Siebziger: Wer zur Hölle weiß schon noch genau, was damals passiert ist? Aber hey, ich erzähle dir gerne die Geschichte…!

Wer also glaubt, es handele sich bei dem jetzt auf Netflix veröffentlichten Film "Rolling Thunder Revue" um eine Dokumentation der gleichnamigen Mittsiebziger-Tournee Bob Dylans, der ist zwei der größten Trickster dieser Ära bereits gründlich auf den Leim gegangen. "A Bob Dylan Story" lautet der Untertitel, den Regisseur Martin Scorsese seinem grandiosen Schelmenstück gegeben hat.

Nicht umsonst: Fakt und Fiktion verwirbeln hier so virtuos miteinander, als sehe man einem Jongleur bei seinen besten Kunststücken zu. Rock'n'Roll ist, das weiß wohl kein Beobachter (und Nachlass-Verwalter) der Sixties und Seventies so gut wie Scorsese, zuallererst ein Zirkus, der sich aus seinem selbst postulierten Mythos immer wieder neu speist und ernährt. Eine Story-Maschine mit lautem Donner, viel Rauch und glitzernden Spiegelflächen, smoke and mirrors.

Scorsese selbst drehte Ende 1975, als Bob Dylan mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe aus Hipstern, Freaks und Musikern auf eine Club-Tournee durch New England ging, seinen Film "Taxi Driver" in New York, er war also nicht selbst dabei. Aber man ahnt, was ihn daran reizte, der Legende "Rolling Thunder Revue" nachzuspüren.

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"Rolling Thunder Revue": Wer weiß schon noch, wie's genau war?

Schon mehrfach erwies sich der New-Hollywood-Filmemacher als leidenschaftlicher Chronist der Rock-Ära, sein Konzertfilm "The Last Waltz" über das Abschiedskonzert von The Band (mit Dylan-Auftritt) gilt als einer der besten des Genres, "Shine A Light" leuchtete 2008 jede Blues-Furche in den ikonischen Gesichtern der Rolling Stones aus, und seine Dylan-Dokumentation "No Direction Home" zeichnete Dylans Weg vom Village-Folkie zum Popstar wider Willen bis Mitte der Sechzigerjahre nach. Damals haderte Dylan mit dem ihm von Fans und Kritikern zugeschriebenen Status als Stimme einer Generation.

Und weil das 1966 und 1975 so war und auch heute noch so ist, findet Scorsese in Dylan, den er für "Rolling Thunder Revue" aktuell interviewte, einen willfährigen Komplizen bei der frechen Vermischung von Wahrheit und Schwindel. "Ich habe keine Ahnung, worum es bei 'Rolling Thunder' ging", erklärt er mit einem schiefen Grinsen im zerknitterten Gesicht, das sei vor über 40 Jahren passiert, da sei er ja noch nicht einmal geboren gewesen, sagt er. Im Mai wurde Dylan 78.

Was von der Tournee heute übrig geblieben sei? "Absolut nichts. Asche."

Und das stimmt vielleicht sogar. In größeren Rock'n'Roll-Zusammenhängen gedacht, war Dylans "Rolling Thunder Revue" sicher nur eine Fußnote. Und Dylan selbst ist seitdem ohnehin fast pausenlos unterwegs. rastlos auf "Never Ending Tour". Was Dylan damals, desillusioniert vom ökonomisierten Bombast seiner jüngst absolvierten Stadiontournee in den kleinen Venues in der Provinz suchte? Vielleicht die Überreste eines großen Versprechens von Liebe und Utopien einer besseren Welt.

Wenn schon Überhöhung, dann richtig

Chronologisch nicht allzu akkurat, schneidet Scorsese zu Beginn Szenen aus einem New Yorker Club, in dem sich Überlebende der Hippie-Ära wie Allen Ginsberg und eben Dylan bei einer Performance von Patti Smith treffen, mit Straßenszenen der bevorstehenden 200-Jahr-Feier Amerikas im Juli 1976 zusammen. Die USA sind nach dem Watergate-Skandal und dem Fall von Saigon im Vietnamkrieg ein demoralisiertes Land, das nach seinem inneren Zusammenhalt sucht. Da kommt eine Truppe fahrender Schausteller gerade recht, um Amerika zu einer "Nation der Poesie" zu machen, wie es Ginsberg weihevoll propagiert. Die Tour startet in Plymouth, genau dort also, wo einst die Pilgerväter mit der Mayflower anlandeten, um ein unentdecktes Land zu erobern. Wenn schon Überhöhung, dann richtig.

Wie sinnstiftend das alles letztlich war? Schwer zu sagen. So viel Mühe sich Scorsese gibt, seinem Film einen gesellschaftspolitischen Spin zu geben, der natürlich auch in die gespaltene Psyche des Trump-Amerikas weist, so wenig bekommt man die bisweilen chaotische und improvisiert wirkende "Rolling Thunder Revue" wirklich zu fassen. Jener Stefan van Dorp, der angeblich von Dylan angeheuert worden war, um auf der Tournee einen Film zu drehen (der dann 1978 als "Renaldo And Clara" tatsächlich kurz ins Kino kam), erzählt allerlei amüsantes und sarkastisches Zeug über die erratischen Musiker und ihre Exzesse, entpuppt sich dann aber als komplett erfunden.

Auch den salbungsvollen Kongressabgeordneten Jack Tanner, der die Anekdote erzählt, wie Jimmy Carter ihm Tickets zu einer der Dylan-Shows besorgte, ist nicht echt. Es ist derselbe fiktive Tanner, der einst die Hauptrolle in Robert Altmans Polit-Satire "Tanner '88" spielte. Auch die Schauspielerin Sharon Stone wird interviewt: Sie sei angeblich damals mit auf Tournee gewesen, Dylan sei ihr T-Shirt der Band Kiss aufgefallen. Wirklich?

Wahrhaftig bleiben immerhin die großartigen Live-Aufnahmen, die Dylan mit weiß geschminktem Kabuki-Gesicht und Blumen im breitkrempigen Hut als Performer auf der Höhe seiner Kunst zeigen. Flankiert von der mysteriösen Violinistin Scarlet Rivera, die er der Legende nach auf der Straße in Manhattans Lower East Side entdeckt hatte, bellt er seine Songs ins Publikum. Er schickt verschlagene, herrische Blicke ins Publikum und zu den Musikern seiner fahrenden Commedia dell'arte, darunter Joan Baez, Joni Mitchell, Bowie-Gitarrist Mick Ronson und Byrds-Boss Roger McGuinn.

Preisabfragezeitpunkt:
14.06.2019, 14:52 Uhr
Ohne Gewähr

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Bob Dylan

The Rolling Thunder Revue: the 1975 Live Recording

Label:
Col (Sony Music)
Preis:
EUR 64,99

Dylan fletscht die Zähne und rollt die Augen, jede Zeile ist ein Statement der Sehnsucht oder des Zorns. Er singt alte, sozialkritische Klassiker wie "The Lonesome Death Of Hattie Carrol" und damals neue Lieder wie das kämpferische "Hurricane" über den zu Unrecht des Mordes angeklagten Boxer Rubin Carter.

Er ist der Volks-Dichter, der gerade noch, in den Trennungs-Songs von "Blood On The Tracks", seine eigenen, privaten Wunden geleckt hat. Und nun ist er schon wieder on the road und soll Amerikas Verletzungen salben. Aber viel lieber stochert er boshaft in ihnen herum. "Bob Dylan for President", ruft es einmal aus dem Zuschauerraum, als Dylan die Bühne betritt. "Heheh", lacht er so verächtlich und trocken, wie nur Bob Dylan lachen kann: "President of what?". Ein großer Spaß.



insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
Papazaca 15.06.2019
1. Die Vergangenheit in der Erinnerung. Kann man sich selbst glauben?
Die 68er und die nachfolgenden Jahre haben das große Problem, das Sie oft positiv wie negativ überhöht wurden. Und oft werden Sie sehr einseitig als Flower Power Zeit geschildert. Und die Musik war Don Mc Lean , Jefferson Airplane usw. Aber wenn man die Musik dieser Zeit retroperspektiv hört, war da sehr viel mehr. Und oft auch das Gegenteil. aller Klischees. Kraftwerk, Neu, Free Jazz aber auch Kitsch wie Claude Francois. Der besprochene Film macht scheinbar dieses Dilemma besonders deutlich. Man muß nicht nur solchen Rückblicken mißtrauen, sondern selbst seinen eigenen Erfahrungen. Dazu kommt dann noch jede Menge Verklärung. Und fertig ist die süße Soße!
vera gehlkiel 15.06.2019
2.
Was nach "No Direction Home" zu Dylan noch zu Film verarbeitet werden muss, weiß ich primär nicht. In der Schlusssequenz davon, bevor er sein frisch elektrifiziertes "Like a Rolling Stone" archaisch und im allerbesten Sinne "männlich" rotzig losbollern lässt, passiert ein Tumult, schreien welche "Verräter", und er antwortet mit einem Gesicht, das nur Helmut Berger, Sid Vicious und Eminem später noch hingekriegt haben, spuckt denen so eine Silbe höchster Verachtung vor die Füße. Und nunmehr weißt du als Frau, wieso eine Joan Baez aus Liebe zu diesem ungebaerdigen jungen Wilden hätte draufgehen können, du vielleicht auch. Dylan killte mit diesem einen Lied die Hippies und Flower Power, er war nun nicht mehr Agent Provokateur, sondern Vollstrecker mit den von Ernest Hemingway viel viel früher in einem ganz andern Zusammenhang beschworenen "flachen Augen eines Maschinengewehrschuetzen". Dann kam Lou Reed, Blondie, Britpunk, Bowie...Dann ja auch schon der Hiphop. Heute teilen sich Wolfgang Niedecken (sic) und Bruce Springsteen (suck) die Abteilung "Geschrammeltes mit Attitüde". Und ist Scorcese seit "Kap der Angst" zunehmend zum eitlen Propheten in eigener Sache degeneriert, warten die Menschen mittlerweile viel sehnsuechtiger auf einen neuen Spielberg, wird das Totalitäre des rein narzisstischen Buehnensex plus Ausspucken von Jennifer Werst von "Jennifer Rostock" u.ä repräsentiert.
die bebrillte Kobra 15.06.2019
3. Rückblickend war das meiste unglaubwürdig
Zitat von PapazacaDie 68er und die nachfolgenden Jahre haben das große Problem, das Sie oft positiv wie negativ überhöht wurden. Und oft werden Sie sehr einseitig als Flower Power Zeit geschildert. Und die Musik war Don Mc Lean , Jefferson Airplane usw. Aber wenn man die Musik dieser Zeit retroperspektiv hört, war da sehr viel mehr. Und oft auch das Gegenteil. aller Klischees. Kraftwerk, Neu, Free Jazz aber auch Kitsch wie Claude Francois. Der besprochene Film macht scheinbar dieses Dilemma besonders deutlich. Man muß nicht nur solchen Rückblicken mißtrauen, sondern selbst seinen eigenen Erfahrungen. Dazu kommt dann noch jede Menge Verklärung. Und fertig ist die süße Soße!
Ich glaube, viele waren naiv und haben viele Bands, Sänger und Sängerinnen dem Protest, einer Weiterentwicklung und einem Lebensstil zugeordnet. Dabei haben die schon damals dem Luxus und Konsum gefrönt, falls sie im Drogen- und Alkoholrausch überhaupt zurechnungsfähig waren. Mit der marxistisch-leninistischen Studentenbewegung 1968 hatte das nichts zu tun. Einer der wenigen war wohl Barry Mcguire mit seinem Eve of Destruction, mit dem seine große Karriere beendet war. Die Ikonen wie Joan Baez waren halt das Opium für die Süchtigen nach einer besseren Welt. Am Anfang war es halt ruhig um Vietnam, bis man dann merkte, dass es besser war, auf den Protestzug aufzuspringen damit die Kasse klingelt.
jazzer 15.06.2019
4. Wir 68er
haben die Welt verändert, den eisernen Vorhang zerrissen. Es ging um Sex. Und davon hatten wir jede Menge. Bis 1964 war noch Nachkriegszeit. Die 70er waren das freieste Jahrzehnt in der Geschichte der Menschheit. Und wir waren dabei.
sekundo 15.06.2019
5. Verklärung und
Zitat von jazzerhaben die Welt verändert, den eisernen Vorhang zerrissen. Es ging um Sex. Und davon hatten wir jede Menge. Bis 1964 war noch Nachkriegszeit. Die 70er waren das freieste Jahrzehnt in der Geschichte der Menschheit. Und wir waren dabei.
Idealisierung als Autosuggestion. Die guten alten Zeiten gab es nie und die Freiheit haben der Joint und die Mucke suggeriert! Die Spießer behielten am Ende doch die Oberhand!
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